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Übergänge : Schule muss individuelle Lern­biografien fördern

Bildungsforscherin Silvia-Iris Beutel fordert eine Reform des Übergangs von der Grundschule an die weiter­führenden Schulen. Die bisherige Form der Auswahl und Zuweisung ist nicht nur an Leistungen gekoppelt, sondern auch an den sozialen Status der Kinder. Schulen sollten statt­dessen mit den Über­gängen individuelle Lern­biografien fördern. In ihrem Gast­beitrag macht die Expertin Vorschläge, wie ein reflektiertes Über­gangs­management gelingen kann.

Schülerinnen überqueren eine Straße
Vielen Grundschülern steht der Wechsel an die weiter­führende Schule bevor. Diese Übergänge sind prägend für die Schüler­biografien und für das gesamte Bildungs­system.
©dpa

Übergänge sind ein entscheidendes Merkmal im Bildungs­wesen. Das gilt zunächst aufgrund der Bedeutung, die sie für das gegliederte Schul­wesen und die damit verbundenen Berechtigungen und Status­passagen haben. Warum sind die Auslese- und Zuteilungs­praktiken der Schule besonders wichtig? Welche Auswirkungen haben sie auf Schülerinnen und Schülern, deren Eltern und das Schul­system insgesamt?

Bis heute erkennen wir im deutschen Bildungswesen die benachteiligende Wirkung sozialer Selektivität, die Bildungs­chancen immer noch nicht alleine an Leistungs­erbringung und individuelle Lern­profile koppelt, sondern den sozialen Status und die materiellen Möglichkeiten von Herkunfts­milieus reproduziert. Wir müssen über die Risiko­erfahrung vor allem für jene Schülerinnen und Schüler diskutieren, deren Kompetenz und Entwicklung nicht den erwartbaren Standards und Alters­normen entsprechen.

Schule in Deutschland verstößt oft gegen Chancen- und Bedürfnis­gerechtig­keit

Die Befunde der empirischen Bildungsforschung zeigen anhaltend, dass Schule in Deutschland Schülerinnen und Schüler in ihren jeweiligen biografischen Lern- und Lebens­lagen nicht so fördert, wie das von einer „demokratischen Leistungs­schule“ erwartet werden muss.

Bildungsforscher Wolfgang Edelstein hat darauf verwiesen, dass mit der fehlenden Chancen­gerechtig­keit auch eine kinder­rechtlich wirksame und biografische Verletzung einhergeht: „Wir haben gesehen, dass die schulischen Verhältnisse oft gegen beides verstoßen – Chancen­gerechtig­keit wie Bedürfnis­gerechtig­keit – und so de facto kinder­feindliche Umwelten konstituieren.“ Weiter formuliert er: „Strukturen, Institutionen und Traditionen, die Chancen­gleich­heit beschränken, erzeugen oft Bedingungen und Verhältnisse, das heißt Lebens­welten, die das Recht auf entwicklungs­gerechte Formen und Räume des Aufwachsens verletzen“.

Drei Arten von Übergängen in der Lauf­bahn von Schülerinnen und Schülern

Übergänge können längst nicht mehr nur als Gelenk­stellen der Lauf­bahn­planung im Bildungs­system verstanden werden. Vielmehr müssen wir in ihnen die Folgen individueller und schulisch bedingter Erfahrungen des Aufwachsens erkennen. Nicht selten werden dabei von den Heran­wachsenden Anpassungs­leistungen verlangt, ohne dass die Schule selbst kompetent mit Über­gängen umgeht: „So gesehen hat man es bei dem Lebens­lauf von Heran­wachsenden mit mindestens drei Arten von Über­gängen zu tun: mit den zeitlich fest­gelegten, den erwartbaren ‚Status­passagen‘, mit den individuell und ungeplant eingetretenen Ereignissen – und mit den entwicklungs­psychologisch induzierten Veränderungen. All diese Übergänge sind – was ihr Auftreten und ihre Bewältigung angeht – mit gesellschaftlichen Erwartungen von ‚Normalität‘ verknüpft“, so beschreibt es Erziehungs­wissenschaftler Klaus-Jürgen Tillmann.

Er stellte fest, dass im „öffentlichen Bildungs­system der Gegenwart (…) kaum Platz für eine Individualisierung der Lebens­läufe“ ist. Das aber sollte Schule erreichen – eine Förderung individueller Lebens­läufe, die Potenziale der Lernenden erkennt und ihre Stärken als bestmögliche Chancen für einen erfolg­reichen Lebens­entwurf entfaltet.

Bildungsangebote bei den Übergängen professionell verzahnen

Im Zuge der Würdigung von Vielfalt und Differenz und der damit verbundenen Notwendigkeit zu demokratie­pädagogischer Schul­entwicklung ist unbestritten, dass Übergänge professionell im Sinne der Verzahnung von Bildungs­leistungen gestaltet – und wo in der Schul­entwicklungs­planung bereits thematisiert – entsprechend reformiert werden müssen.

Dazu ist Netzwerkarbeit zwischen den eine Bildungsbiografie prägenden Akteuren und Institutionen ebenso unerlässlich wie eine wissenschaftliche Begleitung, wobei dann die Erträge einer solchen Zusammenarbeit an fort­geschriebenen erfolgreichen Schüler­biografien bemessen werden können.

Kinder und Jugendliche an Über­gängen beteiligen

Sowohl für Lehrerinnen und Lehrer abgebender als auch aufnehmender Schulen entstehen mit einem solch reflektierten Über­gangs­management Erwartungen an kollegiale Zusammenarbeit und konzeptionelle Absprachen mit Blick auf Vermittlungs-, Beratungs- und Förder­konzepte. Diese betreffen auch die rhythmisierte Lern­organisation und viel­falts­gerechte Unterrichts­gestaltung, die kommunikative Lern­begleitung und Leistungs­beurteilung wie auch das Verantwortungs­lernen. Vor allem aber geht es darum, die Kinder und Jugendlichen selbst an einer für sie zentralen Passage zu beteiligen!

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4 Kommentare

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#4 – 03.07.2019 Sebastián O.
Die Antwort von Arndt B. sehe ich als unberechtigt. Es geht beim Artikel um die Chancenungleichheit durch Nichtbeachtung der Individualität der Schüler. Es steht nirgends "die Lehrer sollten....". Einfach dann auf die von den Lehrern für sich selbst gefühlten Mängel zu kommen ist ein sehr großer Bogen. Und übrigens bezweifle ich dass die meisten Lehrer mehr als ihre Pflicht tun.
#3 – 03.07.2019 Fabian S.

Belanglose Geschwurbel

Solange Schreibtischtäterinnen und - Täter wie Frau Beutel Einfluss auf Schule nehmen, wird das alles nichts. Selten so viel schwammiges und inhaltsloses Zeug gelesen. Pädagogische Lyrik. Sorry, ist einfach so!
#2 – 02.07.2019 Ulrich H.

Es darf wohl nicht sein...

Kinder erreichen messbar das Maximum ihrer Intelligenz mit 9-11 Jahren. Eine Förderung muss also VOR diesem Alter erfolgreich sein! Nach diesem Alter kann nur mehr die Anwendung dieser Intelligenz trainiert werden. In der Sek I ist es zu spät...
#1 – 21.06.2019 Arndt B.

Schule! Kein Universitätsschreibtisch!

Allgemeinplätze und das Müsste und das Könnte gibt es mehr als genug. Dieser Artikel berücksichtigt nicht, dass unser Bildungssystem zwar gefordert wird wie ein Unternehmen, jedoch wird dort weder ausreichend Geld investiert oder ein umfassendes Personalcoaching mit leistungsabhängigen Anreizen angeboten. Die Lehrer*innen machen zuviel über ihr Profil hinaus. Fazit: Richtung der Argumentation in Richtung Staat und Verantwortung und! in Richtung Ausbildung lenken sowie wirklich als Unternehmen denken und handeln.