Störenfriede Mütter : Die dunkle Macht im Klassenzimmer

Wenn es darum geht, den eigenen Nachwuchs zu verteidigen, sind wir Mütter alles andere als friedlich, meint Schulportal-Kolumnistin Sandra Garbers. Zum Glück gibt es die Kinder, die sich immer wieder vertragen.

Sandra Garbers Sandra Garbers / 23. Januar 2019
Eine Mutter hat zwei Schulkinder an den Händen
Eigentlich könnte es in der Schule ganz harmonisch zugehen, wenn da nicht die Mütter wären, meint Kolumnistin Sandra Garbers.
©Jens Wolf (dpa)

Die Lehrer denken, es herrsche der größte Frieden in der Klasse. Wenn doch nur die ganze Welt wäre wie die Dritte! Alle Kinder mögen sich –  ach was, sie lieben sich. Selbst die größten Nervensägen werden nicht ausgeschlossen. Weil: Ausschließen macht man nicht. Meine Tochter sagt, „Wir sind wie ein Wolfsrudel, Mama. Wir halten zusammen.“ Bei Gefahr, bei Ungerechtigkeiten. Und gegen fiese Viertklässler. Was so ziemlich dasselbe ist wie Gefahr und Ungerechtigkeiten. Es könnte also alles sehr friedlich und zivilisiert sein in unserer kleinen Klasse in der kleinen Schule am Rande der Stadt. Wenn es nur die Störenfriede nicht gäbe, die dunkle Macht, die Sie-wissen-schon… : Mütter!

Wenn Tara traurig ist, ist Mama es auch

Anfangs waren wir Mütter noch genauso zivilisiert wie unsere Kinder. „Soll ich Tara heute aus dem Hort mitnehmen?“ – „Oh, das ist so lieb von dir, ich wollte dir auch gerade anbieten, dass Lelli heute mit zu uns kommt. Dann nehme ich sie aber morgen mit…“ – „Danke, du bist so ein Schatz, dann kann ich endlich mal wieder zum Friseur/zur Fußpflege/zum Osteopathen.“ Wir halfen einander, wir trafen uns nachmittags zum Kaffee oder am Wochenende zum Grillen. Wir gründeten WhatsApp-Gruppen, wenn mal ein Kind krank war. Für Genesungswünsche und Gesundheitstipps. Wir waren ein Wolfsrudel.

Natürlich gab es auch unter unseren kleinen Friedensengeln mal Meinungsverschiedenheiten, kleine Gemeinheiten oder vielleicht auch mal eine versehentlich zugefügte Gehirnerschütterung. Die Kinder vertragen sich dann ja auch immer sofort wieder. Sie sind eben noch sehr klein. Wir Eltern dagegen können das schlecht erzogene Kind der anderen nicht so einfach ignorieren. Eine Drei in Mathe? Okay. Aber dass Henriette sich nun schon zum siebten Mal geweigert hat, Superkräfte im Spiel zu haben, macht ihre Freundin Tara sehr traurig. Und wenn Tara traurig ist, ist Mama es auch.  Leider kann man mit den anderen Müttern nicht reden, weil die sofort ihre verzogenen Kinder verteidigen.

Das Brotdosen-Battle fing mit ein paar beiläufigen Bemerkungen an

Selbstverständlich sind wir nicht so uncool, Konflikte direkt auszutragen. Oder so, dass die Lehrerin es merken würde. Wir müssen uns dann nur mal kurz beweisen, wer die allerbeste Mutter ist. Das Brotdosen-Battle fing mit ein paar beiläufigen Bemerkungen an: „Noah soll gestern ein Stück kalte Pizza Margherita in der Brotbox gehabt haben.“ –„Oh! Und die arme Charlotte hatte diese Woche schon das dritte Mal Räucherlachs auf Weißbrot dabei. Hoffentlich wird der kleine Körper mit all dem Gift fertig. Wobei – so klein ist der Körper ja bald nicht mehr, wenn sie so viel Lachs und Weißbrot isst.“ Schon bald hatte sich herumgesprochen, wer ungerösteten Toast mit Marmelade, wer Bifi in der Teigrolle, wer Kartoffelchips oder wer hin und wieder auch mal gar nichts dabei hatte. Woher wir Mütter all das wussten? Ganz einfach: Es reichen ein paar Kinder mit Futterneid, die auch mal einen Milka-Brownie in der Brotbox haben möchten, und eine WhatsApp-Standleitung mit den bestinformierten Müttern der Klasse.

Natürlich machten nicht alle Mütter mit, aber es genügte, um Zwietracht zu sähen.

Natürlich machten nicht alle Mütter mit, aber es genügte, um Zwietracht zu sähen. Innerhalb kürzester Zeit veränderte sich der Inhalt der Brotboxen. Die morgendliche Box-Befüllung wurde zu einer zeitraubenden Angelegenheit. Statt Graubrot mit Käse gab es plötzlich Vollkorn-Wraps mit Avocado und Bio-Hühnchen. Äpfel wurden durch Obstsalat ersetzt, Trinkjoghurtfläschchen wichen selbstgemachten Smoothies. Immer öfter kamen die Brotboxen voll wieder zurück. Trotzdem ging der Krieg der Mütter dann in die heiße Phase über. Mithilfe von perfekt wärmespeichernden, mehrstöckigen Thermoboxen wurden einigen Kindern plötzlich Miso-Suppe, Spaghetti aglio e olio und Bauernfrühstück mitgegeben. Wären nicht die Ferien dazwischen gekommen, hätten als Nächstes wahrscheinlich Köche neben unseren Kindern gehockt und ihnen auf kleinen mobilen Gasbrennern Wok-Gemüse zubereitet.

Ein immer gern wiederholtes Klischee ist ja, dass die Welt eine friedlichere wäre, würde sie von Frauen regiert. Falls das überhaupt gilt, dann nur so lange, wie sie keinen Nachwuchs haben, den es zu verteidigen gilt.

Mittlerweile verstehen wir uns alle wieder ganz gut. Es ist einfach schwierig, lange miteinander böse zu sein, wenn die Kinder partout nicht mitmachen wollen.

Zur Person

  • Sandra Garbers ist freie Autorin und lebt mit Mann, zwei Kindern, Hund und Katze in Berlin.
  • Für die Tageszeitungen „Berliner Morgenpost“ und „Hamburger Abendblatt“ schrieb sie die Kolumne „Mamas & Papas“.
  • Nun blickt sie in ihrer Kolumne für das Schulportal aus Eltern­perspektive auf den Schul­all­tag.