Selbstwirksamkeit : Singen im Unterricht ist einfach und wirkungsvoll

Viele Erwachsene scheuen sich davor, zu singen – auch Lehrerinnen und Lehrer. Dabei sollte das Singen zum Schulalltag dazu gehören, denn es fördert das Gefühl der Selbstwirksamkeit und lässt Kinder leichter lernen, meint Grundschullehrerin Sabine Czerny. In ihrer Kolumne für das Schulportal beschreibt sie, wie das gemeinsame Singen ganz einfach gelingt.

Sabine Czerny Sabine Czerny / 01. Oktober 2019
Ein Kinderchor beim Singen
Singen gibt jeder und jedem die Möglichkeit, sich auszudrücken und zur Gemeinschaft beizutragen.
©Getty Images
So ist also die Erziehung durch Musik darum die vorzüglichste, weil Rhythmus und Harmonie am tiefsten ins Innere der Seele eindringen und ihr Anstand und Anmut verleihen.
Sokrates, griechischer Philosoph

In den letzten Jahren hat das Singen im Alltag und an den Schulen so stark abgenommen, dass Expertinnen und Experten in Untersuchungen bedenkliche Auswirkungen auf die stimmliche Ausdrucksfähigkeit der Sing- und Sprechstimme bei Kindern aufzeigen. Der Tonumfang reduziert sich teils auf eine Quarte, und die Kinder und Jugendlichen zeigen Schwierigkeiten, in hohen Tonlagen zu singen oder die Kopfstimme zu gebrauchen. Weiß man darüber hinaus aber auch, welche Bedeutung das Singen für die Ausbildung einer entwickelten Psyche, den Aufbau einer eigenen Identität und für das Lernen allgemein hat, ist diese Entwicklung geradezu erschreckend.

Viele Erwachsene glauben, nicht singen zu können

In vielen Familien wird nicht mehr gesungen, da Erwachsene oft der Überzeugung sind, nicht singen zu können und Singen als peinlich empfinden. Als ich mich in meiner Klasse einmal umhörte, sagten lediglich drei Kinder, dass ihnen zum Geburtstag ein Geburtstagslied gesunden wird. Auch abends zur Guten Nacht, bei Wanderungen oder Festen wie Weihnachten wird nicht gesungen.

Dass auch in den Schulen recht wenig gesungen wird, hat wohl mehrere Gründe. Zum einen liegt es wie so oft am Zeitdruck durch zu viele Inhalte, die in allen Fachbereichen in zu wenig Zeit nachgewiesen werden müssen. Zum anderen steht der Musikunterricht als fixierte Stunde im Stundenplan, statt Singen und Musizieren als tägliche Grundlage im Miteinander zu leben. Und auch an den Schulen gibt es immer weniger Lehrkräfte, die Freude am Singen haben und ein Instrument spielen. So stellen manche von ihnen den CD-Player an, und die Kinder sollen dazu singen – dass das wenig Freude macht und den Kindern eher das Gefühl vermittelt, dass man sich fürs Singen schämen muss, liegt nahe.

Singen schafft Gemeinschaft, macht glücklich – und das Lernen leichter

Dabei macht Singen total Spaß! Singen versetzt in den sogenannten Alphazustand, in dem man leichter lernen und leichter Anforderungen bewältigen kann. Singen schafft ein Gemeinschaftsgefühl. Singen gibt jeder und jedem die Möglichkeit, sich auszudrücken und zur Gemeinschaft beizutragen. Singen ermöglicht, sich selbst wahrzunehmen und Selbstwirksamkeit zu erleben. Singen stärkt die Konzentrations- und die Merkfähigkeit. Singen zaubert irgendwann allen Kindern ein Lächeln aufs Gesicht und lässt sie fröhlich sein.

Was braucht es dazu? Gehen wir mal davon aus, dass jemand noch wenig oder gar nicht musiziert und singt, weil er nicht weiß, wie. Denn die, die gerne singen und musizieren, werden den Wert sowieso erkannt haben und täglich mit den Kindern Musik machen. Und natürlich gilt das auch für zu Hause.

Ich begleite meine Kinder auf einer Gitarre. Und wie oft höre ich, wie toll ich Gitarre spielen kann. Stimmt aber gar nicht. Alles, was ich kann, sind drei Griffe. Ehrlich! Gut, inzwischen sechs, drei für Moll und drei für Dur. Das reicht, um die meisten Lieder in der Grundschule begleiten zu können. Mein Tipp ist also: eine Gitarre kaufen, sich entweder ein paar Unterrichtsstunden gönnen oder sich selbst ein paar Stunden hinsetzen und diese drei Akkorde D, G und A greifen und spielen lernen. Meines Erachtens sollte das Pflicht in der Lehrerausbildung sein. Dazu muss man nicht einmal Noten lesen können. Und es ist leicht und schnell zu lernen.

Wer selbst ein Instrument spielt, sichert sich Aufmerksamkeit bei den Kindern

Wer selbst ein Instrument spielt – und seien es nur diese drei Akkorde –, sichert sich eine ganz andere Aufmerksamkeit bei den Kindern. Kinder lieben es, wenn die Lehrkraft selber spielt. Es lohnt sich, das mal auszuprobieren. Wenn ich ein Lied selbst noch nicht kenne, bringe ich es mir zunächst mithilfe von CD oder YouTube bei, oder ich spiele es mir teils etwas mühsam auf dem Klavier vor. Gerade für den Anfang empfehle ich Kanons. Die haben wenig Text, die Melodie ist einfach, und sie haben eine erstaunliche Wirkung auf Kinder – sie müssen sich nämlich auf sich besinnen lernen, um im Kanon ihre Stimme halten zu können, und das ist etwas ganz Wertvolles.

Wir singen jeden Morgen nach der Begrüßung, gar nicht mal so lange, zehn Minuten vielleicht, aber eben jeden Tag. Das reicht, um eine gute Atmosphäre zu schaffen und auf den Lerntag vorzubereiten. Beim Singen stehen wir, damit die Atmung gut funktioniert. Und dann geht’s los. Heute also ein leichter Kanon, zum Beispiel „Hejo, spann den Wagen an“. Als Erstes singe ich die Melodie nur auf la, begleite dazu mit der Gitarre. Nach jedem Durchgang wechsel ich die Silbe, mal auf na, mi, lo oder po. Spätestens bei „po“  lachen alle Kinder. Und mitsingen tun sie meist eh von alleine. Wenn man ein Instrument dazu spielt, ist das einfach ansteckend und durch die reinen Silben eben auch leicht.

Der Vorteil: Wir können das Lied sehr häufig singen, ohne dass es langweilig wird. Und es dauert nicht lange, bis die Kinder selber Silben vorschlagen, oft Tierlaute oder auch die Anfangssilbe des Namens eines Klassenkameraden. Das reicht für den Tag schon. Kinder lernen bedeutend leichter, wenn man ihnen etwas Zeit gibt. Sie lernen oft eher unbewusst, nehmen auf, erweitern Bekanntes. Und die Kraft der Nacht kann man bei Kindern gezielt nutzen, vieles verinnerlicht sich bis zum nächsten Tag.

Was leicht zum Erfolg führt, stärkt das Selbstvertrauen

Am nächsten Tag geht es mit den Silben weiter, bis die Kinder mit der Melodie sicher sind. Gleichzeitig ist das Stimmbildung, all die Silben wollen ja auch moduliert werden. Das Wesentliche ist aber, dass die Kinder dadurch mit Leichtigkeit lernen. Und alles, was leicht zum Erfolg führt, bereitet ihnen Freude und bestärkt sie in ihrem Sein, gibt Selbstvertrauen und stärkt das Gefühl der Selbstwirksamkeit.

Wenn es mir passend erscheint, spreche und singe ich irgendwann den Text, und gerade bei so einfachen Kanons dauert es keine zwei, drei Mal, bis die Kinder mitsingen. Manchmal lassen wir uns gemeinsam auch Bewegungen zum Text einfallen, die das Merken erleichtern.

Und jetzt wird’s witzig: Wenn die Kinder recht sicher sind, was bei so einem einfachen Lied schnell geht, lasse ich sie zunächst allein als Gruppe singen. Dann sage ich ihnen, dass ich jetzt Quatsch singe, sie sich aber nicht rausbringen lassen dürfen. Das lieben sie! Spätestens jetzt sind alle darauf konzentriert, das Lied zu singen, bei sich zu sein und die Mitsingenden zu hören, aber mich möglichst auszublenden. Wie wertvoll für die Fähigkeit, sich zu konzentrieren und zu fokussieren!

Ich singe dann also irgendein anderes Lied oder erzähle einen Witz oder was auch immer mir einfällt, während die Kinder gemeinsam das Lied singen. Klar kommen sie auch mal raus, aber das ist ja gerade das Lustige. Wenn sie dann ihre Stimme halten können, singe ich zunächst ganz leise die zweite Stimme dazu, verstumme zwischendurch auch mal, bis sie in ihrer Stimme wieder gefestigt sind. Dann erkläre ihnen, was ein Kanon ist und wie das mit den unterschiedlichen Einsätzen funktioniert.

Über viele Tage singen die Kinder als Gruppe die erste Stimme und ich die zweite, wobei immer mal wieder Kinder mit mir mitsingen dürfen. Später teile ich die Kinder in Gruppen, die die verschiedenen Stimmen singen, sodass der Kanon auch mit noch mehr Stimmen gesungen werden kann. Das ist für mich recht anspruchsvoll, weil ich bei jeder Gruppe immer den Einsatz mitsinge und daher sehr flexibel die Stimmen wechseln muss. Das hat man mit der Zeit aber raus, und es geht recht leicht, wenn man den Gruppen in der Reihenfolge, in der sie stehen, den Einsatz gibt.

Wie schön es für die Kinder ist, in der Gruppe zu singen und sich als wichtigen Teil zu erleben! Noch schöner wird es bei mehrstimmigen Stücken, wie beispielsweise „Zwei kleine Wölfe“, das man mit zwei groovigen Begleitstimmen unterlegen kann. Das Geheimnis ist, viele ganz einfache und leicht zu lernende Dinge zu einem Miteinander zu verbinden, das Gemeinschaft und Zugehörigkeit vermittelt und zu einem großen beeindruckenden Ganzen wird, an dem man Freude hat.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­schule im Groß­raum München eine zweite Klasse in allen Fächern. Zusätzlich gibt sie Fach­unter­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundesweit Schlag­zeilen: Weil ihre Schüler­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.