Schwimmunterricht : Warum viele Kinder nicht schwimmen lernen

Trotz Schwimmunterricht sind 60 Prozent der Kinder am Ende der vierten Klasse noch Nicht­schwimmer. Die Zahl der ertrunkenen Kinder nimmt dramatisch zu. Schulportal-Kolumnistin Sabine Czerny geht der Frage nach, warum es viele Kinder nicht schaffen, in der Grund­schule das sichere Schwimmen zu erlernen.

Sabine Czerny Sabine Czerny / 02. Juli 2019
Das Problem bei den Nichtschwimmern ist vor allem, dass ihnen Wasser oft noch nicht vertraut ist.
Das Problem bei den Nichtschwimmern ist vor allem, dass ihnen Wasser oft noch nicht vertraut ist.
©dpa

Mindestens 504 Menschen kamen 2018 in Deutschland bei Bade­unfällen ums Leben, wie die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) Anfang des Jahres vermeldete. Unter den 71 Todes­opfern der Alters­gruppe bis 20 Jahre waren 26 Kinder im Vor- und Grund­schul­alter. Die Zahl der ertrunkenen Kinder und Jugendlichen stieg 2018 dabei im Vergleich zum Vorjahr um insgesamt 38 Prozent.

Diese Zahlen sind erschreckend, insbesondere weil man davon ausgehen kann, dass die Anzahl der Ertrunkenen in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen wird. Nach einer Umfrage der DLRG aus dem Jahr 2017 sind etwa 60 Prozent der Zehn­jährigen keine sicheren Schwimmer mehr.

Woran liegt das? Und was kann getan werden, um die Wasser­sicherheit unserer Kinder und Jugendlichen zu gewährleisten?

Ein Grund liegt sicher darin, dass immer mehr Schwimmbäder in den letzten Jahren geschlossen wurden und auch weiterhin werden. Ohne Schwimm­bad kein Schwimm­unterricht – keine Frage. Aber es gibt auch andere Gründe.

Oft bleiben weniger als 30 Minuten für den Schwimm­unterricht

An einigen Grundschulen findet der Schwimm­unterricht im Nach­bar­ort oder der Nach­bar­schule statt, in denen ein Schwimm­bad vorhanden ist. Veranschlagt ist dafür eine Doppel­stunde während des Schul­vormittags. Es steht also ein Zeit­rahmen von 90 Minuten zur Verfügung. Die Kinder werden mit dem Bus ins Schwimm­bad und wieder zurück­gefahren, das allein dauert meist schon jeweils über eine Viertel­stunde. Bis die Kinder sich umgezogen und geduscht haben und die Formalitäten erledigt sind, vergehen noch einmal viele Minuten. Gerade im Winter, wo die Haare der Kinder mit den wenigen Föns getrocknet werden müssen, muss sehr groß­zügig Zeit eingeplant werden, um recht­zeitig zurück an der Schule sein zu können. So bleiben oft weniger als 30 Minuten für den Schwimm­unterricht mit circa 28 Kindern in einem Lehr­becken, das in der Regel Maße von 20 mal 8 Metern hat. Die Kinder müssen also abwechselnd schwimmen, damit jedes von ihnen genug Platz hat.

Diese Doppelstunde Schwimmunterricht pro Woche teilt sich zudem oft eine Jahr­gangs­stufe – und das unabhängig davon, dass der Schwimm­unterricht meist nur in einer Jahr­gangs­stufe über­haupt statt­findet. Das heißt, bei einer gängigen vier­zügigen Schule hat jede Schülerin und jeder Schüler in ihrem oder seinem Schul­leben etwa acht Wochen Schwimm­unterricht, also acht Doppel­stunden, von denen immer mal wieder auch eine ausfällt, aufgrund eines Schul­projektes oder eines Aus­fluges oder weil die Lehr­kraft krank ist. Es gibt in der Regel eher wenige Lehr­kräfte an einer Schule, die berechtigt sind, den Schwimm­unterricht zu erteilen.

Eltern ersetzen oft fehlende Auf­sichts­personen im Schwimm­unterricht

Vielleicht liegt es daran, dass die Schwimm­klasse nicht geteilt wird, wie es im Fach Hand­arbeiten des Öfteren der Fall ist, sondern eine einzige Lehr­kraft 28 Kinder unterrichten muss. Eine zweite Aufsichts­person ist vorgeschrieben, die gegebenen­falls auch mit der Anwesen­heit einer Bade­aufsicht gewähr­leistet ist. Haben die Schwimm­bäder keine Bade­aufsicht, sind die Schulen dann in Not … und wieder auf Eltern angewiesen, die die Klasse begleiten. Gott sei Dank findet sich doch immer wieder ein Eltern­teil, das sich zu dieser ehren­amtlichen Aufgabe bereit erklärt. Die Verantwortung für die 28 Kinder und den Schwimm­unterricht hat dennoch die Lehrerin oder der Lehrer.

Früher konnten die Kinder fast alle schwimmen, wenn sie in die Schule kamen. Es gab ein bis zwei Nicht­schwimmer, die gut im Auge behalten werden konnten, während man den anderen Anweisungen gab. Heut­zutage – so würde ich sagen – ist das Verhältnis eher so: Etwa drei bis acht Kinder können gut schwimmen und konkrete technische Übungen ausführen, zehn bis 14 Kinder halten sich irgend­wie, teils auch noch sehr unsicher, über Wasser und brauchen individuelle Unter­stützung, und sechs bis zwölf Kinder sind absolute Nicht­schwimmer.

Viele Kinder sind mit dem Wasser nicht vertraut

Das Problem bei den Nichtschwimmern ist dabei vor allem, dass ihnen Wasser oft noch nicht vertraut ist. Sie haben Scheu und fürchten sich, sich diesem Element anzuvertrauen oder auch nur einen Teil des Kopfes unter Wasser zu tauchen. Jedes dieser Kinder bräuchte einen Menschen, der bei ihm ist. Der es liebe­voll durchs Wasser zieht, mit ihm planscht, mit ihm gemeinsam langsam bis zur Nasen­spitze den Kopf unter Wasser nimmt, mit ihm im Wasser Luft aus­atmet und sich mit ihm freut, wenn auch nur eine Kleinig­keit besser gelingt.

Das braucht Zeit … und es braucht vor allem einen Menschen. Nicht nur für die Wasser­gewöhnung, sondern auch für die ersten Schwimm­bewegungen, bis das Kind sich im Wasser sicher fühlt. Bei den ersten Schwimm­bewegungen hilft die Hand unter dem Bauch, die sich langsam löst und doch sofort wieder da ist, wenn das Kind unsicher wird. Es helfen die situativ anleitenden Worte, wie die Hand- und Fuß­bewegungen verändert werden müssen, um besser zu schwimmen.

Die Lehrkraft darf nicht mit den Kindern ins Wasser

Aber eine einzelne Lehrkraft kann das nicht leisten. Schon allein aufgrund der Auf­sichts­pflicht: Sie darf nämlich nur ins Wasser, wenn alle anderen Kinder außer­halb des Wassers sind. Schwimm­hilfen sind eine gute Unter­stützung beim reinen Planschen und auch beim Erlernen von Techniken und zur Übung. Setzt man sie aber ein, um dem Kind beim Schwimmen­lernen Sicher­heit zu vermitteln, ist das oft trügerisch, denn das Kind gewinnt die Sicher­heit nicht aus sich selbst heraus. Kinder trauen sich dann oft nicht, die Schwimm­hilfen abzulegen, um allein zu schwimmen. Oder es bräuchte eben wieder einen Menschen, der ihm bei diesem wichtigen Schritt zur Seite steht.

Der Unterricht in einer größeren Gruppe macht erst Sinn, wenn das Kind die Grund­vor­aus­setzungen hat, das heißt, wenn es sich sicher fühlt, wenn es nicht mehr ständig einen Menschen zur Unter­stützung benötigt und wenn es Erklärungen von sich aus auf­nimmt und umsetzt. 28 Kinder sind in einer Gruppe in jedem Fall zu viel, Gruppen mit acht Kindern sind für eine Lehr­kraft gerade noch sinn­voll über­schau­bar.

Ich habe durchaus Sorge, dass sich die Problematik zuspitzt. Wenn es immer weniger Kinder gibt, die schwimmen können, wird es zwangs­läufig bald immer weniger Eltern geben, die ihren Kindern die Vor­erfahrungen mitgeben können, die diese brauchen, um gut und sicher schwimmen lernen zu können.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­­schule im Groß­­raum München eine zweite Klasse in allen Fächern. Zusätzlich gibt sie Fach­­unter­­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundes­weit Schlag­­zeilen: Weil ihre Schüler­­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.