Lernkultur in Krisenzeiten : Schulschließungen als Chance begreifen

Die Schulschließungen stellen Schulen vor große Herausforderungen. Und sie machen deutlich, wie wenig vorbereitet Deutschland darauf ist, durch digitale Medien zumindest einen Teil des Lehrbetriebs aufrechtzuerhalten. Gastautor Werner Klein sieht in der jetzigen Krise aber auch eine Chance und ist gespannt, ob es Bund, Ländern und Schulträgern gemeinsam mit den Schulen jetzt gelingt, die notwendigen Voraussetzungen für eine pädagogisch sinnvolle Nutzung digitaler Medien zu schaffen.

Werner Klein / 24. März 2020
Turnbeutel am Haken während der Schulchließungen
Die Turnbeutel werden so schnell nicht abgeholt. Die Schulschließungen sind ein Feldversuch - mit ungewissem Ausgang.
©Caroline Seidel/dpa

Die von den Ländern wegen der Corona-Pandemie beschlossenen Schulschließungen entwickeln sich zu einem flächendeckenden, aber leider unfreiwilligen und unvorbereiteten Feldversuch, wie sich pädagogische Konzepte bewähren und digitale Medien dazu beitragen könnten, um zu Hause eigenständig weiterzulernen. Sie machen aber auch den hohen Stellenwert und die große Wertschätzung deutlich, die schulische Bildung in Deutschland allgemein genießt.

Eigenständiges, selbstverantwortetes Lernen ist nun gefragt

Die Schulschließungen könnten sich als Probe aufs Exempel erweisen, inwieweit es Schulen gelungen ist, ihre Schülerinnen und Schüler dazu zu befähigen, Verantwortung für ihren Lernerfolg zu übernehmen. Schülerinnen und Schüler, die auf vielfältige Weise gelernt haben, Lernprozesse selbst zu strukturieren, geeignete Lernstrategien anzuwenden, sich zu motivieren und eigenverantwortlich Lernziele zu erreichen, haben gute Voraussetzungen, um trotz Schulschließungen weiterhin zu lernen und ihre Zeit nicht vor der Spielekonsole zu verbringen.

Für Lehrerinnen und Lehrer besteht nach Wiederaufnahme des Schulbetriebs die einmalige Chance, gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern herauszufinden, inwieweit dies tatsächlich gelungen ist, um daraus Konsequenzen für die Unterrichtsentwicklung zu ziehen. Hier darf man auf die Ergebnisse des Feldversuchs gespannt sein.

Schulschließungen sind notwendig, aber höchst bedauerlich

Die hohe Wertschätzung, die schulische Bildung in Deutschland offensichtlich genießt, wird deutlich, wenn die zunächst bis Ende der Frühjahrsferien verordneten Schulschließungen allgemein als notwendige, aber höchst bedauerliche Maßnahme wahrgenommen werden. Reaktionen wie in den Siebzigerjahren, in denen Filme mit Titeln wie „Hurra, die Schule brennt!“ sich als Publikumserfolg erwiesen, sind jedenfalls in der medialen Öffentlichkeit nicht zu verzeichnen. Schule wird offensichtlich nicht länger als Paukanstalt, sondern als sozialer Ort mit vielen Möglichkeiten, die eigene Persönlichkeit zu entwickeln, und nicht zuletzt als sicherer Ort für die Betreuung wahrgenommen – und jetzt, wenn auch sicherlich nicht von allen, vermisst. Viele Schülerinnen und Schüler sind daher zusammen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern, aber auch den Eltern aktiv daran beteiligt, trotz Schulschließungen eine Fortsetzung von Lernprozessen zu gewährleisten.

Deutsche Schulen sind auch bei gutem Willen in vielerlei Hinsicht schlecht vorbereitet, um durch digitale Medien zumindest einen Teil des Lehrbetriebs während der Schulschließungen aufrechtzuerhalten.

Neben den Schulbüchern und Arbeitsblättern in analoger Form greifen viele Schulen dabei auf die jeweils vorhandenen Möglichkeiten digitaler Medien zurück. Die sind, von einigen Ausnahmen abgesehen, in den Ländern immer noch unzureichend, um diese unerwartete Herausforderung pädagogisch erfolgreich zu bewältigen.

Wie in einem Brennglas treten plötzlich die Versäumnisse der vergangenen Jahre erneut ans Licht, die zuletzt mit der im November 2019 veröffentlichten ICILS 2018-Studie wissenschaftlich auf den Punkt gebracht wurden. Es sei daher an zentrale Ergebnisse von ICILS erinnert, die zeigen, dass deutsche Schulen auch bei gutem Willen in vielerlei Hinsicht schlecht vorbereitet sind, um durch digitale Medien zumindest einen Teil des Lehrbetriebs während der Schulschließungen aufrechtzuerhalten:

  • Ein Drittel der Achtklässlerinnen und Achtklässler verfügt über nur sehr rudimentäre computer- und informationsbezogene Kompetenzen auf dem Niveau der unteren beiden Kompetenzstufen I und II.
  • Nur ein sehr geringer Anteil der Jugendlichen auf der höchsten Kompetenzstufe V (ca. 2 Prozent) ist in der Lage, selbstständig und reflektiert digitale Medien in unterschiedlichen Fähigkeitsbereichen zu nutzen.
  • Die unzureichenden Kompetenzen gehen einher mit einer hohen Leistungsstreuung und großen Unterschieden zwischen Gymnasien und nichtgymnasialen Schularten.
  • Im Zusammenhang damit weisen die Vergleiche der Kompetenzstände deutliche Unterschiede zuungunsten von Jugendlichen auf, die aus sozioökonomisch weniger privilegierten Elternhäusern kommen.

Schulschließungen machen unzureichende IT-Ausstattung in den Schulen deutlich

Dieser für eine hoch entwickelte Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft wie Deutschland unbefriedigende Kompetenzstand der nachwachsenden Generation steht mit einer unzureichenden IT-Ausstattung und einer unterentwickelten Nutzung von digitalen Medien im Unterricht in einem ursächlichen Zusammenhang:

  • Beträgt das durchschnittliche Verhältnis zwischen Schülerinnen und Schülern zu digitalen Geräten in Deutschland etwa 10:1, sind es in den USA 1,6:1 und in Dänemark 4,6:1.
  • Besonders auffällig ist, dass der Anteil an Achtklässlerinnen und Achtklässlern, die eine Schule mit „Bring Your Own Device“ (BYOD) besuchen, in Dänemark bei über 90 Prozent, in Deutschland aber nur bei etwa 15 Prozent liegt.
  • Nur etwas mehr als ein Viertel der Schülerinnen und Schüler geht auf eine Schule, die über einen Zugang zu einem schulischen WLAN sowohl für Lehrkräfte als auch für Schülerinnen und Schüler verfügt. Der internationale Mittelwert beträgt 64,7 Prozent, in Dänemark sogar 100 Prozent.
  • Die häufigste Form, digitale Medien im Unterricht zu nutzen, beschränkt sich in Deutschland darauf, Informationen im Frontalunterricht zu präsentieren. Deutlich weniger geht es darum, Schülerinnen und Schülern individuell zu fördern und somit das eigentliche pädagogische Potenzial digitaler Medien zu nutzen.
  • Die befragten deutschen Lehrkräfte sind im internationalen Vergleich „besonders unzufrieden“ mit der schulischen IT-Ausstattung, dem Zugang zu digitalen Lernmaterialien, der Aktualität der Computer-Ausstattung, dem IT-Support sowie mit Geschwindigkeit und Stabilität des Internetanschlusses an der Schule.

Schulschließungen sollten Anstoß für nötige Verbesserungen sein

Diese Defizite lassen sich nur durch eine längerfristige, mit ausreichenden Mitteln finanzierte Strategie in den Ländern beheben, aber nicht allein durch die Schulen in einer außergewöhnlich belastenden Situation. Die Strategie der Kultusministerkonferenz „Bildung in der digitalen Welt“, der Digitalpakt Schule sowie die neuen, um digitalisierungsbezogene Aspekte ergänzten KMK-Standards für die Lehrerbildung sind dazu notwendige, aber nicht hinreichende Schritte.

Die Schulschließungen sollten daher als Anlass und Chance genutzt werden, um die erforderlichen Schritte zu gehen, insbesondere

  • umfassende Verbesserungen der schulischen IT-Ausstattung und des technischen wie pädagogischen Supports,
  • eine systematische, aufeinander aufbauende Entwicklung digitaler Kompetenzen für alle Schülerinnen und Schüler,
  • die Integration digitaler Medien in eine schülerorientierte, an Kompetenzen ausgerichtete Unterrichtsentwicklung,
  • die Bereitstellung von Endgeräten durch die Schulen oder eine Entscheidung für BYOD.

Es geht nicht allein um die Übermittlung von Aufgaben, sondern auch darum, die pädagogischen Beziehungen aufrechtzuerhalten.

Bis zum Ende der Schulschließungen sind Kreativität, Kompetenz, Geduld und Ausdauer von Lehrerinnen und Lehrern gefragt, um trotz unzureichender Infrastruktur und wenig Unterstützung durch digitale Medien den Kontakt zu den Schülerinnen und Schülern zu wahren. Dabei geht es nicht allein um die Übermittlung von Aufgaben, sondern auch darum, die pädagogischen Beziehungen als Grundlage erfolgreicher Lernprozesse zumindest auf digitalem Wege aufrechtzuerhalten. Ein Blick auf die sozialen Medien zeigt, welche Möglichkeiten hier bestehen, die in dieser besonderen Situation genutzt werden könnten.

Bereits nach wenigen Tagen Schulschließungen wird jedoch deutlich, dass die Bedingungen, unter denen dies an den Schulen geschehen könnte, höchst unterschiedlich sind. Hier zeigt sich die gesamte Bandbreite von Schulen, die in sozial benachteiligten Bezirken weder auf Rechner noch auf Drucker oder IT-Kenntnisse bei den Eltern setzen können, bis zu Schulen in bevorzugten Einzugsgebieten mit Elternhäusern, die über alle erforderlichen digitalen Geräte samt kompetentem Umgang verfügen. Zum anderen werden in aller Deutlichkeit die unterschiedlichen Ausstattungsmängel sichtbar, die von fehlenden Steckdosen in den Klassenräumen, unzureichenden Serverleistungen, fehlenden Endgeräten bis zu ausbleibendem IT-Support reichen.

Voraussetzungen schaffen für eine sinnvolle Nutzung digitaler Medien

Die Schulschließungen werden daher auch zeigen, in welchem Umfang sich der wegfallende Ausgleich sozialer Unterschiede, den Schule mit allen Einschränkungen leistet, auswirken wird. Zu hoffen ist, dass Schulen, Schulträger und Ministerien die vielen Erfahrungen, die sie in den kommenden Wochen und vielleicht auch Monaten machen müssen, konsequent dafür nutzen werden, um gemeinsam die notwendigen Voraussetzungen für eine pädagogisch sinnvolle Nutzung digitaler Medien zu schaffen. Dann hätte der unfreiwillige Feldversuch sogar etwas Positives bewirkt.

Zur Person

  • Werner Klein leitete beim Sekretariat der Kultusministerkonferenz in Berlin die Abteilung Qualitätssicherung, internationale und europäische Angelegenheiten und Statistik.
  • Zuvor arbeitete der Pädagoge im Bildungsministerium Schleswig-Holstein als Leiter des Referats Qualitätsentwicklung an Schulen und im Landesinstitut.
  • Schwerpunkte seiner Arbeit sind systematische Schulentwicklung und Bildungsmonitoring.
  • Werner Klein gehörte bis Ende 2019 zum Programmteam der Deutschen Schulakademie.