Schulentwicklung : Widerstand ist wichtig!

Wer in der Schule Veränderungen anstoßen will, der sollte auch bewahrende Stimmen mit einbeziehen. Andernfalls ist das Scheitern vorprogrammiert, meint Schulportal-Autor Matthias Förtsch. In seiner neuen Kolumne beschreibt er auch, wie die Energie der Beharrungskräfte in der Schulentwicklung am besten genutzt werden kann.

Matthias Förtsch Matthias Förtsch / 21. November 2018
Ein Mann geht an einem Schild vorbei, das den Weg zum Lehrerzimmer weist.
Wer etwas in der Schule ändern möchte, sollte dies nicht im Alleingang tun wollen.
©Maurizio Gambarini (dpa)

Alle, die in den Lehrerzimmern der Republik etwas verändern wollen und einen Vorschlag zur Verbesserung machen, kennen die üblichen Totschlagargumente: „Das haben wir doch immer so gemacht! Warum sollten wir ausgerechnet jetzt etwas ändern?“ Bringt man Ideen von anderen Schulen mit, heißt es oft: „Das geht bei uns nicht! Wir haben ganz andere Rahmenbedingungen!“

In dieser Form des Widerstands steckt ein gehöriges Maß an Energie, die dem System, das man verändern will, innewohnt. Der Begriff “Beharrungskräfte“ beschreibt dies recht anschaulich. Wer etwas ändern möchte, sollte dies nicht im Alleingang tun wollen. Es braucht Unterstützer und einen gedanklichen Vorprozess, der die Abwägung von Vor- und Nachteilen ermöglicht. Sonst ist das Scheitern der Idee vorprogrammiert und oft auch gerechtfertigt. Ein System erhält sich gerne selbst, denn es muss funktionieren.

Am Anfang der Schulentwicklung steht das kreative Chaos

Zu Beginn muss also eine Irritation des Systems, eine Art kreatives Chaos, stehen. Diese Phase kann zum Beispiel durch Hospitationen an anderen Schulen oder durch den Besuch von inspirierenden Tagungen entstehen. Die Erfahrung an meiner Schule hat gezeigt, dass dies idealerweise mit größeren Gruppen aus dem Kollegium geschieht, die den Enthusiasmus (auch informell in der Sitzgruppe im Lehrerzimmer!) in die Breite tragen können.

Sollte es sich um eine größere Veränderung handeln, braucht es zusätzlich eine Art Kick-Off-Veranstaltung, in die möglichst alle am Schulleben Beteiligten einbezogen werden sollten. Eltern wie Schülerinnen und Schüler haben oft auch eine dezidierte Meinung zu dem, was man „doch immer so gemacht“ hat; und sie sind ebenfalls betroffen. Wir machen dafür gerne eine zweitägige Schulentwicklungstagung außerhalb der Schule. An vermeintlich weichen Faktoren wie dem Lernortwechsel oder gutem Essen wird bei uns dabei nicht gespart.

Die Wertschätzung bewahrender Positionen gehört dazu

Wichtig ist, die Bewahrer explizit in diesen Prozess einzuladen: Die Wertschätzung konservativer (= bewahrender) Positionen gehört zu jedem erfolgreichen Schulentwicklungsprozess, der auf Evolution und schlussendlich auch auf Nachhaltigkeit ausgelegt ist. Hier wird deutlich, dass es nicht um ein „Überstimmen“ von Bewahrern geht, sondern um eine Beteiligung, die die Unterstützung von Change-Prozessen sichert. Bewahrer haben also eine sehr wichtige Funktion, die man auch vermitteln sollte.

Die Ergebnisse einer solchen Veranstaltung können dann in die verschiedenen Gremien (Steuergruppe, Lehrerkonferenz, Elternbeirat, Schülervertretung) eingebracht und dort ergänzt werden. So kann in der Breite ein gemeinsames Bild des Veränderungsprozesses entstehen, der auch kritische Stimmen berücksichtigt.

Transparenz und permanente Information müssen gewährleistet sein

Eine häufige Frage stellt sich im Umgang mit Bewahrern, die sich nicht in den Prozess einbringen wollen. Hier stecken Energiefresser für die Entwicklungsarbeit und die Schulleitung muss signalisieren, dass ein demokratischer Prozess von der Beteiligung lebt. Wer nicht bereit ist aktiv mitzugestalten, und sei es nur mit einem kurzen Positionspapier vor der Kick-off-Tagung, dessen Mitbestimmung ist beschränkt auf das Votum in der Lehrerkonferenz. Permanente Information und Transparenz über den Stand des Prozesses sind allerdings dabei zu gewährleisten.

Abschließend ein Bild, das uns an unserer Schule immer geholfen hat: Ein System, das sich mit dem Lernen beschäftigt, muss selbst bereit sein zu lernen. Wenn diese Ansicht geteilt wird, dann wird aus „Das geht bei uns nicht” ein „Das geht bei uns so nicht” und am Ende ein „Wie könnte es bei uns gehen?”.

Zur Person

  • Matthias Förtsch ist Lehrer für Englisch und Gemeinschaftskunde (Politik, Wirtschaft und Soziologie) an einem privaten, gebundenen Ganztagsgymnasium in Baden-Württemberg.
  • Zusätzlich ist er hauptverantwortlich für die Schulentwicklung an seiner Schule.
  • Die Zukunft der Schule interessiert ihn so sehr, dass er darüber auch twittert und regelmäßig in seinem Blog berichtet.
  • Für das deutsche Schulportal schreibt Matthias Förtsch regelmäßig eine Kolumne.
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