Interkulturelle Bildung : Schulen sind Europas Zukunftswerk­stätten

In den Schulen der Europäischen Union wird die kommende Generation Europas ausgebildet. Im besten Fall unterstützen Lehr­kräfte Schülerinnen und Schüler auf dem Weg zu unabhängigen und verantwortungs­bewussten Bürgerinnen und Bürgern Europas. Schulportal-Kolumnist Michael Schratz ist überzeugt: „Europäische Super­lehr­kräfte” sind nicht nötig, um diesen Prozess voranzutreiben. Worauf es statt­dessen ankommt, begründet er in seiner neuen Kolumne.

Michael Schratz Michael Schratz / 03. Januar 2019
Was wird aus der Vision eines gemeinsamen Europas? Das Brexit-Wandbild des Streetart-Künstlers Banksy in Dover zeigt, wie die EU bröckelt. Kolumnist Michael Schratz beschreibt, welchen Beitrag Schulen für ein europäisches Bewusstsein leisten können.
Was wird aus der Vision eines gemeinsamen Europas? Das Brexit-Wandbild des Streetart-Künstlers Banksy in Dover zeigt, wie die EU bröckelt. Kolumnist Michael Schratz beschreibt, welchen Beitrag Schulen für ein europäisches Bewusstsein leisten können.
©Gareth Fuller (dpa)

Was ist los mit der Vision eines gemeinsamen Europas? Nach der kriegerischen und nationalistischen Geschichte des Kontinents im vergangenen Jahr­hundert entstand ein Gestaltungs­raum, der sich trotz unter­schiedlicher nationaler Eigen­heiten zum friedlichen Zusammen­leben und -arbeiten entwickelt hat. In jüngster Zeit haben allerdings nationalistische und anti­liberale Kräfte eine anti­europäische Stimmung erzeugt. Sogar Lehr­kräfte geraten unter Verdacht, in den „Willkommens­klassen” die nationalen Werte zu unter­graben. Doch welche Werte zählen noch? Welche Bildung brauchen wir? Soll und kann Schule über­haupt zu einem europäischen Bewusst­sein beitragen?

So entwickeln sich Kinder und Jugendliche zu engagierten Europäern

In den schulischen Lehrplänen kommt Europa in erster Linie als kanonischer Inhalt vor – und deutlich seltener als Kompetenz zur aktiven Teilhabe an einem gemeinsamen Friedens­projekt. Zur „europa­sensiblen” Kompetenz­orientierung in der Bildungs­arbeit mit Schülerinnen und Schülern oder Auszubildenden gehören aber Aspekte wie:

  • Leben in einer multi­kulturellen, inklusiven und vorurteils­freien Gesellschaft;
  • Leben in nach­haltig tragfähigen Lebens­stilen im Hinblick auf „Well-being” und Umwelt;
  • Umgang mit Chancen­gerechtig­keit in Familie, Arbeit und gesellschaftlichem Leben;
  • Leben als europäische Bürgerin oder europäischer Bürger in Demokratie, Fairness und Rechts­staatlich­keit sowie
  • Gestaltung der eigenen Biografie im Spannungsfeld von persönlicher und gesellschaftlicher Entwicklung.

Der bewusste Umgang mit Vielfalt und Heterogenität an Schulen soll Kindern und Jugendlichen helfen, sich in der zunehmenden Komplexität und Pluralität Europas sicher zu entfalten. Die Auseinander­setzung mit kultureller Vielfalt beinhaltet das Erlernen fremder Sprachen, die Entwicklung von Kenntnissen über europäische und globale Fragen sowie den Erwerb unter­schiedlicher Facetten künstlerischen Schaffens. Eine „europa­sensible” Lehrkraft hält Schülerinnen und Schüler dazu an, diese kulturelle Vielfalt zusammen mit einer kritischen Sicht­weise zu entwickeln, so dass sie zu autonomen, verantwortungs­bewussten und aktiven Bürgerinnen und Bürgern Europas werden.

Europäische Lehr­kräfte unterrichten in und für Europa

Die Lehrkräfte in der Europäischen Union bilden nicht nur die künftigen Bürgerinnen und Bürger ihrer jeweiligen Mitglieds­taaten aus – sie nehmen auch Einfluss auf die kommende Generation Europas. Sie unterrichten in einem nationalen Rahmen, der die Notwendigkeit einer nationalen Identität als Grund­lage für ein europäisches Bewusst­sein herausstellt. Der Begriff „europäische Dimension” wurde bislang eher dazu verwendet, um nationale und transnationale Wertvorstellungen in der Entwicklung der Bildungs­politik ausgewogen einander gegen­über­zustellen. „Europasensibler” Unterricht braucht Lehrkräfte mit Europa­bewusstsein!

Europasensibler Unterricht braucht Lehrkräfte mit Europa­bewusst­sein!
Michael Schratz, Erziehungswissenschaftler und Schulpädagoge

Dabei geht es aber nicht um einen „europäischen Super­lehrer”. Vielmehr bedarf Lehr­kräftebildung einer Auseinander­setzung mit Themen wie:

  • „europäische Identität”,
  • „Kenntnisse über Europa”,
  • „europäischer Multikulturalismus”,
  • „europäische Sprach­kompetenz”,
  • „europäische Professionalität”,
  • „europäische Bürgerschaft” oder
  • „europäisches Qualitätsverständnis”.

Wer mehr über die einzelnen Themen erfahren will, findet auf der Website der Pädagogischen Fakultät der Universität Ljubljana eine ausführliche Darstellung (in englischer Sprache).

Interkultureller Austausch als Lern­chance für Europa

Europäische Programme für Schulen und Universitäten fördern physische und virtuelle Kontakte mit Gleichaltrigen in anderen europäischen Staaten. Klassen- oder Schüler­austausch sowie zahl­reiche europäische Initiativen in diesem Bereich bereichern diesen Prozess des gegen­seitigen Lernens und Zusammen­wachsens in einem neuen Verständnis der europäischen Bürger­schaft. Das trägt dazu bei, auf mögliche Arbeits­platz­mobilität vorzubereiten. Darüber fördert das „Sich-Einlassen” auf Neues Resilienz und Unabhängig­keit. Die Auseinander­setzung mit dem Fremden ermöglicht Neugierde und Mut.

Das „Erasmus+”-Programm der Europäischen Union ist dabei inzwischen das weltweit größte Förder­programm für Schulen, Universitäten, Jugendliche und Erwachsene. Laut einer aktuellen Umfrage des Deutschen Akademischen Austausch­dienstes (DAAD) gehen Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Erasmus-Programme doppelt so häufig Lebens­beziehungen mit Partnerinnen und Partnern aus anderen Ländern ein, wie Studierende ohne Auslands­aufenthalte. Außerdem liegt die Arbeitslosen­quote der Erasmus-Teil­nehmerinnen und -Teil­nehmer fünf Jahre nach dem Abschluss um 23 Prozent niedriger.

Digitale Medien überwinden Grenzen

Im europäischen Klassenzimmer sind digitale Medien mehr als nur technische Instrumente zum Spielen und Erkunden oberflächlicher Daten. Sie überwinden sprachliche und kulturelle Grenzen, verändern den Bildungs­raum und unterbrechen Routinen im Unterricht. Um diese Entwicklung zu unter­stützen, hat die Europäische Kommission „DigCompEdu” entwickelt – den „Europäischen Rahmen für die Digitale Kompetenz von Lehrenden”. Dieser Kompetenz­rahmen soll Lehr­kräfte beim Einsatz digitaler Medien zur Verbesserung und innovativen Weiter­entwicklung von Bildungs­prozessen unterstützen.

Im europäischen Klassenzimmer sind digitale Medien mehr als nur technische Instrumente zum Spielen und Erkunden oberflächlicher Daten.
Michael Schratz, Erziehungswissenschaftler und Schulpädagoge

Digitale Mobilität bei der Gewinnung und Verbreitung von Informationen wird als unabdingbare Voraus­setzung für physische Mobilität angesehen. Digitale Medien sind aber zugleich auch Schrittmacher für gesellschaftliche Transformationen und globalen Wandel. Die digitale Zukunft benötigt grenzen­lose Auseinandersetzung und die „Weisheit der Vielen”. Dazu braucht es Schulen als Zukunfts­werkstätten!

Zur Person

  • Der österreichische Erziehungs­wissen­schaftler und Schul­pädagoge Michael Schratz ist Gründungsdekan der School of Education der Universität Innsbruck.
  • In seiner Arbeit fokussiert sich Michael Schratz auf die Schul­entwicklung und die Professionalisierung von Führungs­personen im Bildungs­bereich.
  • Als hochkarätiger Experte aus der Wissenschaft ist er Mitglied der Jury des Deutschen Schulpreises und zugleich deren Sprecher.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Michael Schratz regelmäßig eine Kolumne und beobachtet dafür inter­nationale Entwicklungen im Bildungs­sektor.

Mehr zum Thema

Das Schulportal berichtet regelmäßig und aktuell über Themen wie „Demokratisch Handeln” und „Vielfalt”. Eine Auswahl:

  • Lucas Valle Thiele ist Schülervertreter und macht sich für mehr politische Diskussion und Partizipation in der Schule stark. Im Gespräch mit dem Schulportal erklärt er, wie die Demokratie­bildung an Schulen besser werden kann. Hier geht es zum Interview „Wie viel Demokratie lassen Schulen zu?”.
  • Die Sophie-Scholl-Schule im bayrischen Bad Hindelang möchte ein weltorientiertes Lernen ermöglichen, dass ganzheitlich und fächer­über­greifend angelegt ist. Erfahren Sie hier mehr über das Konzept „Global Citizenship Education”.
  • Viele Lehrerinnen und Lehrer sind nicht erst seit den Meldeportalen der AfD verunsichert, wenn es um politische Auseinander­setzung mit Schülerinnen und Schülern geht. Was Gastautor Stefan Breuer von der TU Dresden dazu Lehrkräften rät, lesen Sie in seinem Gastbeitrag „Wie politisch dürfen Lehrerinnen und Lehrer sein?”.
  • Jede(r) ist besonders: Unter dieser Maxime entwickeln Schulen Konzepte für den Umgang mit Vielfalt. Erfahren Sie im Beitrag „Schulen engagieren sich gemeinsam für mehr Vielfalt” mehr über die Initiative.
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