Fridays for Future : Schule braucht einen Klimawandel

Mehr als eine Million Menschen haben sich allein in Deutschland am globalen Klima­streik Ende September beteiligt. Schülerinnen und Schüler haben es mit der Bewegung „Fridays for Future“ geschafft, dass das Thema Klima­schutz welt­weit eine viel größere politische und gesellschaftliche Bedeutung bekommen hat. Aber was haben die Schul­streiks gegen die Klima­krise mit dem Verständnis von Schule zu tun? Inwiefern sind sie eine Chance, einen Kultur­wandel zu gestalten, und ein Anstoß, das Selbst­verständnis der Schule und der Lern­kultur zu verändern? In ihrem Gast­beitrag auf dem Schulportal fordert Schul­leiterin Andrea Rahm zu einem Klima­wandel in der Schule auf.

Andrea Rahm Andrea Rahm / 27. September 2019
Greta Thunberg bei einer Kund­gebung in New York während des globalen Klima­streiks am 20. September. Die 16-jährige Umwelt­aktivistin ist mit ihrem Kampf für den Klima­schutz zum Vorbild einer ganzen Generation geworden.
©dpa

Lernen fürs Leben? Es ist ein von vielen jungen Menschen oft gehörter Satz aus dem Mund von Erziehenden und Lehrenden. Doch wann beginnt es, das Leben? Später? Nein, es bedeutet ein energie­volles Handeln im Hier und Jetzt. Diese Haltung prägt die Fridays-for-Future-Bewegung. An die Stelle der kleinteiligen, eher kurzsichtigen Themen, die gesellschaftliche Akteure, Politiker und auch Verantwortliche im System Schule für vorrangig halten und denen sie viel Aufmerk­samkeit zukommen lassen, werden die ganz großen, existenziell bedeutsamen Fragen der Menschheit in den Mittel­punkt gesetzt: Wie wollen und können wir auf diesem Planeten miteinander gut zusammen­leben – Mensch und Natur, Jung und Alt, Arm und Reich?

Diese Themen aus dem Bereich der nachhaltigen Bildung, so zeigen Studien, kommen in der Schule zwar als Inhalt in manch einer Unterrichts­stunde eines Fachs vor oder werden im Rahmen einer Projekt­woche meist am Schul­jahres­ende – „wenn das eigentlich Wichtige geschafft ist“ – als Add-on angehängt, sie stehen aber keines­falls so im Zentrum schulischer Bildung, dass sie jeden Tag spürbar und erkennbar wären.

Jetzt heißt es: Junge Menschen mischen sich zu sehr ein

Was aber noch entscheidender ist als die fehlende Gewichtung der Inhalte: Schulen sind viel zu selten Räume zum Erleben von Selbst­wirk­samkeit und zum Erproben von Handlungs­optionen für ein nach­haltiges Wirtschaften und Zusammenleben. Schüler brauchen aber das Erleben: „Ich bin wichtig, auf mich kommt es an in dieser Welt.“

Lehrpersonen sind dabei in besonderer Weise heraus­gefordert, in der Schule Lern­räume zu schaffen, die zum Entdecken von Welt einladen.
Andrea Rahm, Schulleiterin der Sophie-Scholl-Schule in Oberjoch im Allgäu

Vor Kurzem noch sprach man jungen Menschen jegliche Motivation zum gesellschaftlichen Engagement ab. Man sah in ihnen oft konsum­orientierte, verwöhnte, hedonistische Kinder und Jugendliche, die vor allem das eigene Vergnügen im Blick haben. Jetzt fürchten manche, dass sie sich zu sehr in Dinge einmischen, für die sie keine Fachkompetenz habe – wie manch ein Politiker argwöhnt.

Auch das vielfach geäußerte Lob angesichts des Engagements der Schülerinnen und Schüler wirkt herablassend und mehr als deplatziert, da die jungen Leute ja gerade die Älteren kritisieren. Lob macht abhängig und schafft eine Hierarchie – das hat bereits Maria Montessori in ihrer pädagogischen Konzeption betont. Es wirkt damit anders als konstruktives Feedback und Resonanz, welche in einer Beziehung auf Augen­höhe die Qualität des Miteinanders wesentlich stärken kann.

Es braucht mehr als Schwer­punkt­setzung bei den Lern­inhalten

Wie kommt man aus der „Schul-Klimakrise“ – der Kritik an einem wenig nach­haltigen Lernklima der Schule – heraus? Indem die Verantwortlichen im System Schule die Themen der Schülerinnen und Schüler als zentral anerkennen. Vor allem weil Schule eine Institution ist, in der es wesentlich darum geht, dass junge Menschen dabei begleitet werden, ihr Leben als verantwortliche Bürgerinnen und Bürger einer Welt­gesellschaft gut gestalten zu können.

Dabei sollen sie im Einklang mit sich selbst, der Umwelt und den anderen Menschen sein – denen, die ganz nah sind, und denen, die weiter weg leben. Für eine solche Neu­aus­richtung der Schule braucht es allerdings weitaus mehr als die Schwer­punkt­setzung bei den Inhalten des globalen Lernens und der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Es braucht Lehrpersonen, Eltern und weitere Akteure, die sich mit­engagieren beim Einsatz für ein besseres „Schul-Klima“.

Kinder spüren die Lücke zwischen Haltung und Handeln

Dieses Engagement darf sich nicht darin erschöpfen, freitags mit auf die Straße zu gehen und sich als verantwortlich Handelnde zu feiern. Die Kinder spüren diesen „Mind-Behavior-Gap“, diese Lücke zwischen der Einstellung und dem tatsächlichen Verhalten. Erwachsene sollten sich vielmehr der Aufgabe stellen, Modelle des Gelingens bei der nach­haltigen Gestaltung des Lebens zu entwickeln. Lehr­personen sind dabei in besonderer Weise heraus­gefordert, in der Schule Lernräume zu schaffen, die zum Entdecken von Welt einladen. Komplexe Zusammen­hänge müssen durch­drungen werden, was in unserer vernetzten Welt nicht so einfach ist. Was haben Klima­wandel, Migration und ein wenig nach­haltiges Wirtschaften beispiels­weise mit­einander zu tun? Was heißt Demokratie im 21. Jahr­hundert?

Wie wäre es, wenn Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit den Lehrpersonen jeden Tag mit Interesse in die Welt blicken und wenn es das Ziel des globalen Lernens einer jeden Schule wäre, gemeinsam Wege zu finden, um unsere Welt lebens­wert zu erhalten? Wie wäre es, wenn Lernende jeden Tag auf unter­schiedlichste Weise der Frage nachgingen, wie wir eine Verbindung herstellen können zwischen welt­um­spannenden Zusammen­hängen und dem eigenen Leben?

Wir können etwas tun. Das ist eine zentrale Botschaft, die eine Schule erlebbar machen muss. Nicht nur freitags.

Zur Person

  • Andrea Rahm ist Schulleiterin im Team der Sophie-Scholl-Schule Oberjoch im Allgäu. Die Schule ist ein staatlich genehmigtes, schul­art­über­greifendes Förder­zentrum, das an die Alpen­klinik Santa Maria angeschlossen ist.
  • 2010 wurde die Schule mit dem Hauptpreis des Deutschen Schulpreises ausgezeichnet.
  • Andrea Rahm gehört auch zum Programm­team der Deutschen Schulakademie, das in enger Verbindung zum Netz­werk der Preis­träger des Deutschen Schulpreises steht. Im Programm­team ist sie zuständig für das Thema „Schule mit Weltblick“.
  • Die Pädagogin bildet seit vielen Jahren Lehr­kräfte weiter. Außerdem begleitet und unterstützt sie Schulen bei Entwicklungs­prozessen.