Vorbereitung aufs Schuljahr : Schluss mit der Schlampigkeit – es lebe die Sorgfalt!

Kinder erfüllen die Aufgaben in der Schule oft flüchtig und unvollständig, stellt Grundschullehrerin und Kolumnistin Sabine Czerny fest. Sie plädiert für mehr Genauigkeit und Sorgfalt – eine innere Haltung gegenüber dem eigenen Schaffen, die man lernen kann.

Sabine Czerny Sabine Czerny / 13. August 2018
Schon beim Tischdecken können Kinder lernen, eine Aufgabe sorgfältig zu machen, meint Kolumnistin Sabine Czerny.
Schon beim Tischdecken können Kinder lernen, eine Aufgabe sorgfältig zu machen, meint Kolumnistin Sabine Czerny.
©Getty Images

Jedes Jahr aufs Neue werde ich gefragt, ob ich nicht Übungsmaterial bereitstellen könne, das die Kinder bis zum Schulbeginn durcharbeiten. So allmählich würden die Noten immer wichtiger, und das Kind soll davon ja möglichst viele gute nach Hause bringen. Ich kann die Eltern verstehen. Dennoch: Die Kinder brauchen unbedingt völlig freie Zeit, in der sie nicht an die Schule denken. Ich habe dennoch einen Tipp, wie Eltern ihre Kinder auch in der schulfreien Zeit aufs neue Schuljahr vorbereiten können.

Eine Frage der inneren Haltung

Für den Schulerfolg ist etwas anderes noch viel entscheidender als das Wiederholen der Inhalte: die innere Haltung dem eigenen Schaffen gegenüber. „Wenn ich etwas mache, mache ich es gut und richtig!“

Für unsere Großeltern war das noch selbstverständlich: die Schrift meiner Großmutter – wie gedruckt. Die selbst gemalten Blüten im Bio-Heft meines Großvaters – bis ins Detail exakt gezeichnet. Heutzutage findet man so etwas kaum noch. Alles muss schnell gehen. Möglichst viel Masse statt Klasse.

Viele Arbeitsblätter, in denen wenige Lücken zu füllen sind. Hefteinträge in schöner Schrift und mit Struktur? Oft Fehlanzeige. Sorgfältige Gestaltung? Eine „Zumutung“ für das Kind. Ebenso wie Fehler verbessern. „Man kann’s doch lesen!“, so die Eltern. Schief einkleben, unvollständige Arbeiten …: „Wieso monieren Sie das? Mein Kind hat doch was gemacht?“

Ist es ein pedantischer Lehrer, eine penible Lehrerin? Nein, sondern eine sehr weise Lehrkraft, die „back to basic“ geht, indem sie Wert legt auf diese Dinge. Warum? Weil Kinder sich mit einer Sache nicht verbinden, wenn sie flüchtig arbeiten. Und diese Inhalte dann auch nicht verinnerlicht werden. Kinder, die oberflächlich arbeiten, müssen häufig doppelt und dreifach arbeiten oder entwickeln Defizite. In beiden Fällen wird Schule dann oft schnell sehr anstrengend und schwer.

Dabei geht es nicht nur um Schule: Dieses „Was ich mache, mache ich richtig und gut – und das von Anfang an“ ist wahrlich etwas, was einen durchs Leben begleiten sollte. Menschen, die diesen Gedanken in sich tragen, sind gut in sich aufgestellt und leben bewusst. Das vereinfacht schlussendlich vieles ungemein, stärkt die Selbstkompetenz und die positive Selbstwahrnehmung. Sie haben einfach viele Erfolgserlebnisse.

Es gibt nämlich einen großen Unterschied zwischen Fehler-Machen und Schlampig-Arbeiten. Leider geht das Bewusstsein dafür zurzeit ziemlich verloren. Beim schlampigen Arbeiten ist ein Kind nicht mit der Sache verbunden und lernt nicht aus den gemachten Fehlern. Ist ein Kind „bei der Sache“, sind Fehler wertvolle Folgen aus Lern- und Arbeitsprozessen, die weiterführend und hilfreich sind. Diese Fehler sind Gold wert! Aber dafür muss man erst mal mit der Sache verbunden sein und es wahrhaft richtig machen wollen.

Kinder lieben genaue Ansagen

Diese Haltung kann man anbahnen. An sich jederzeit – aber eben auch in den Ferien. Das Schöne daran: Es macht Spaß, und die Kinder merken gar nicht, dass sie etwas wirklich Wichtiges und Wertvolles lernen.

Und wie genau? Ganz einfach: Man gibt Kindern Aufgaben, die sie bewältigen können, fügt aber als Auftrag etwas dazu, das Genauigkeit verlangt. Statt also zum Beispiel „Deck bitte den Tisch!“ sagen Sie, dem Kind ganz zugewandt: „Deck bitte den Tisch. Leg das Messer rechts und die Gabel links neben den Teller.“ Und am besten fügen Sie noch eine kleine Bonus-Aufgabe dazu: „Wenn du es richtig super machen willst, achtest du noch darauf, dass die Schneide des Messers zum Teller zeigt!“ Natürlich kann man das auch einfach mal vormachen. Wichtig ist, dass die Aufgabe an sich erfüllbar ist, die Anforderung also in der Genauigkeit liegt und dieses Ergebnis einen Mehrwert darstellt. Kinder lieben genaue Ansagen, weil sie sich dann sicher sind, was sie zu tun haben; zudem fühlen sie sich wichtig und ernst genommen! Sie werden sehen, dass die Kinder solche detaillierteren Aufgaben sogar mit weit größerer Begeisterung erfüllen.

Wir dürfen nie vergessen, dass es Kindern am wichtigsten ist, zur Freude beizutragen. Sie wollen nichts mehr, als dass wir uns wahrhaft über sie freuen. Gönnen wir ihnen doch dieses Erlebnis ganz oft – auch indem wir Aufgaben wählen, die sie erledigen können, mit denen sie aber gleichzeitig wertvolle innere Haltungen aufbauen. Vergessen Sie also niemals, Ihr Wahrnehmen und Ihre Freude über die Art und Weise, wie Ihr Kind etwas erledigt hat, dann auch auszudrücken. Durch Worte, durch eine Geste, eine Berührung, ein Lächeln, einen Blick. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird Ihr Kind dann beim nächsten Mal von allein den Tisch decken und auf Gabel und Messer achten. Und es wird aus sich heraus stolz sein, dass es etwas gut gemacht hat, was seine ganze Aufmerksamkeit gefordert hat. Dieses Gefühl, etwas nicht nur oberflächlich, sondern wirklich gut gemacht zu haben, ist ein so intensives und positives Gefühl, dass das Kind später häufig gar kein Lob mehr von außen benötigt, sondern eben mit seinem Werk für sich zufrieden ist.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­schule im Groß­raum München eine zweite Klasse in allen Fächern. Zusätzlich gibt sie Fach­unter­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundesweit Schlag­zeilen: Weil ihre Schüler­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.
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