Sabine Czerny : Wie Kinder über sich selbst hinaus­wachsen

Kinder sind wie Pflanzen: Sie wollen wachsen, groß und stark werden. Dafür brauchen sie ein Umfeld und ein Klima, in dem sie gut gedeihen. Warum die Schule Kinder in ihrer gesunden Entwicklung nicht immer nur fördert und fordert, sondern oft auch hemmt und bremst, erklärt die bayerische Grundschul­lehrerin Sabine Czerny in ihrer ersten Kolumne.

Sabine Czerny Sabine Czerny / 19. April 2018 / 2 Kommentare
Der Schülerin der Waldschule Flensburg macht das Lernen Spaß. Sabine Czerny ist überzeugt: Wenn Kinder weniger leisten müssen und mehr lernen dürfen, entwickelt sich die Freude an der Schule von selbst.
Der Schülerin der Waldschule Flensburg macht das Lernen Spaß. Sabine Czerny ist überzeugt: Wenn Kinder weniger leisten müssen und mehr lernen dürfen, entwickelt sich die Freude an der Schule von selbst.
©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)

„Das sind keine Kinder, das sind Schüler!“ Diesen Satz bekam ich neulich zu hören, als ich mal wieder darlegen durfte, warum ich so unter­richte, wie ich es für richtig halte, und von „meinen Kindern“ sprach. Statt Verständnis folgte eine Belehrung: „Und Sie – Sie haben einen Sozial­isations­auf­trag. Sie geben Anweisungen, und die Schüler führen diese aus!“

Schüler – keine Kinder! Ist denen bewusst, was sie da sagen? Eine ganze Woche habe ich gebraucht, um das zu verdauen. Recht häufig bin ich auf Fortbildungen und Veranstaltungen zumThema Schule. Wie oft wird da nur noch über Leistung und deren Messung gesprochen. Und „von oben“ gibt es immer neue und schärfere Vorgaben und Forderungen, was Kinder erbringen müssen, leisten müssen: Referate hier, Portfolio da, Lapbook, Themen­rolle, mündliche, praktische und schriftliche Leistungs­nachweise … und das wöchentlich mehr­fach. Über Kinder und Jugend­liche wird gesprochen, als ob man über sie verfügen könnte. Als wenn es nur darum ginge, ihren Ertrag zu optimieren – so wie bei Pflanzen in einem Gewächs­haus. Der Gedanke, Raum zu lassen dafür, was diese Kinder, diese Jugendlichen eigentlich möchten, scheint total abwegig. Die Frage danach, welchen Sinn und welche Auf­gabe Schule im Kontext des Lebens eines Kindes hat und inwie­weit das alles schon meilen­weit entfernt ist davon – ist das etwa irrelevant?

Der Schultag ist ein Miteinander mit unterschiedlichen Aufgaben

Vor wenigen Wochen haben meine Kinder ihre Traum­berufe vorgestellt. Und ja, ich sage ganz bewusst „meine“ Kinder, wenn ich von den Schul­kindern in meiner Klasse spreche. Sie sind mir für zwei Jahre anvertraut. Mit durchaus professioneller Distanz, aber dennoch in Beziehung zu ihnen und von ganzem Herzen zugewandt gestalte ich gemeinsam mit ihnen ihren Schultag. Es ist ein Mit­einander, mit unter­schiedlichen Rollen und Aufgaben: einbringen, strukturieren, lehren, fordern und begegnen, lernen, üben, erstellen – in jedem Fall ein Mit­einander-Lebens­zeit-Verbringen-und-Gestalten. Ihre Traum­berufe – was wollen sie nicht alles werden: Polizist, Kranken­schwester, Schreiner, Tier­ärztin … Und was für ein Glänzen in den Augen! Und sie wissen sehr genau, was sie dafür gut können müssen: schnell sein, nett und hilfs­bereit sein, gut messen können, alle Krank­heiten kennen und, und, und. Sie sind mehr als bereit, das alles und noch viel mehr zu lernen.

Sich selbst bereichern macht Freude! Kein Gefühl ist groß­artiger und motivierender, als zu merken, dass man selbst fähiger geworden ist und etwas kann! Dass man sein Leben ergreifen und es leben und gestalten kann! Ist uns dieser Unter­schied bewusst? Dieser Unter­schied zwischen „müssen und immer wieder nur müssen“ einerseits und „selbst wollen, können und dürfen“ anderer­seits? Kinder wollen nicht immer nur „müssen“: leisten müssen, Ertrag bringen müssen, beweisen müssen, aus­halten müssen … Zumindest nicht die ganze Zeit – und schon gar nicht, dann auch immer und immer wieder beurteilt zu werden und sowieso nichts wirklich recht machen zu können. Unsere Schulen fordern immer nur, sie motivieren nicht. Wer nicht alle anderen immer und immer wieder über­trifft, wird abge­urteilt.

Individuelle Zuwendung ist wichtig

Kinder wollen lernen, Jugendliche wollen lernen. Sobald sie spüren, es geht um sie, sie gewinnen etwas, bekommen etwas für sich, sie bereichern sich, sind sie dabei. Wenn sie merken, es geht ihren Mit­menschen darum – um das Bild mit den Pflanzen aufzu­greifen –, eine gesunde, große, starke Pflanze zu werden, eigen­ständig und frei, der es gut geht, die in der Sonne stehen und auf fruchtbarem Boden gedeihen darf, versorgt wird mit Wasser und in schönem Mit­einander leben darf mit den anderen Pflanzen, wachsen sie über sich hinaus. Aber in einem tristen Gewächs­haus auf Styropor zu stehen und mit Nähr­lösungen angereichert zu werden, ausgerichtet an einem Stab, um möglichst dicke Früchte zu tragen, das geht auf Kosten ihrer Substanz, der Stängel dünn, die Blätter welk. Sie wollen sich nicht aussaugen lassen, ihre Lebens­zeit mit diesen oder jenen Arbeiten verbringen, weil es eben so sein muss. Sich beurteilen und kritisieren zu lassen, um bewertet und verglichen zu werden … da streiken immer mehr.

Ich kann es verstehen. Ich möchte das auch nicht. Und es ist auch schwer genug für mich, das von mir abzu­schütteln, denn mir als Lehrerin geht es ja zunehmend nicht anders. „Sie müssen dies und das und jenes auch noch“, heißt es so oft. Und bitte alles in immer noch kürzerer Zeit – und immer mehr – und auf diese Art und Weise und nicht anders! Wo bleibe ich als Mensch? „Sie sind Lehrerin“, hieß es da, „und nicht als Mensch in der Schule.“

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­schule im Groß­raum München eine zweite Klasse in allen Fächern. Zusätzlich gibt sie Fach­unter­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundesweit Schlag­zeilen: Weil ihre Schüler­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.
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