Reckahner Reflexionen : Leitlinien für bessere pädagogische Beziehungen

Beziehungen sind zentrale Elemente des schulischen Alltags. Positive Rückmeldungen sind in dem sich tagtäglich entwickelnden Beziehungsgeflecht ebenso in der Praxis anzutreffen, wie verletzende Äußerungen. Beides hat nachhaltige Auswirkungen für die Lernatmosphäre und die Lernerfolge im Klassenzimmer, erläutern Anne Piezunka und Annedore Prengel in ihrem Gastbeitrag für das Schulportal. Lehrkräfte sollten daher die Reckahner Reflexionen beherzigen. Sie könnten helfen, ein positives Beziehungsklima zu schaffen und zu erhalten.

Lehrerin klatscht mit einer Schülerin ab
„Kinder und Jugendliche werden wertschätzend angesprochen und behandelt“ - so lautet die erste Leitlinie der Reckahner Reflexionen.
©Getty Images

Das Handeln von Lehrkräften ist in der Schule auf vielfältige Weise einflussreich: Alltäglich gestalten sie Lernumgebungen und begleiten Entwicklungs- und Lernprozesse.  Und darüber hinaus treffen sie regelmäßig weitreichende Entscheidungen, beispielsweise durch die Notengebung oder Empfehlungen für weiterführende Schulen. So hat ihr Handeln maßgeblichen Einfluss auf den Bildungsverlauf von Kindern und Jugendlichen. In der erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Literatur werden Lehrkräfte daher häufig als „Gatekeeper“ bezeichnet.

Die Art und Weise, wie Lehrkräfte mit Schülerinnen und Schülern interagieren, wirkt sich auf ihre persönliche und kognitive Entwicklung, auf ihren Bildungserfolg, auf ihre demokratische Sozialisation aus. Und es bestimmt dabei stark auch ihr Selbstwertgefühl und Wohlbefinden. So sind es zuweilen einzelne Äußerungen von Lehrkräften, die Potenzial besitzen, die Lernenden dazu zu ermutigen, neue Herausforderungen anzugehen. Äußerungen können sich auch darauf auswirken, ob sich Schülerinnen und Schüler als Teil der schulischen Gemeinschaft fühlen.

Im schulischen Alltag kommt es zu seelischen Verletzungen

Meistens gelingt es Lehrkräften diese verantwortungsvolle Aufgabe genügend gut und wertschätzend zu erfüllen. Nichtsdestotrotz kommt es im schulischen Alltag auch zu seelischen Verletzungen durch Lehrkräfte. Beispielsweise, wenn Heranwachsende respektlos oder diskriminierend behandelt werden. Wissenschaftliche Studien und alltägliche Erfahrungen zeigen, dass seelische Verletzungen eine häufige und zugleich weitgehend ignorierte Form der Gewalt darstellen, die Kinder und Jugendliche im Bildungswesen erleiden.

Um zur dringend notwendigen Verbesserung pädagogischer Beziehungen einen Beitrag zu leisten, hat sich vor acht Jahren eine Initiative in der Rochow-Akademie am kulturellen Gedächtnisort Reckahn gebildet, in der etwa 150 Fachleute aus allen pädagogischen Arbeitsfeldern, aus Praxis, Forschung und Bildungspolitik kooperieren. Die Initiative setzt sich mit der Frage auseinander, woran man in pädagogischen Settings anerkennende beziehungsweise verletzende Handlungsmuster erkennen kann. Und auch, wie zu einem Klima der Wertschätzung beigetragen werden kann.

Dabei sind im Jahre 2016 die „Reckahner Reflexionen zur Ethik pädagogischer Beziehungen “ entstanden. Dies sind zehn Leitlinien, die beschreiben, wodurch sich gute Beziehungen in pädagogischen Settings auszeichnen. Zentral ist dabei die erste Leitlinie: „Kinder und Jugendliche werden wertschätzend angesprochen und behandelt“ .

Wertschätzung wird gebraucht

Auch Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte brauchen Wertschätzung. Die Reckahner Reflexionen sollen dazu beitragen, dass Kreisläufe der Anerkennung zwischen allen Beteiligten in Gang kommen. Dies kann sich auf unterschiedliche Art und Weise zeigen. So sollte Teamarbeit derart verankert werden, dass sie dazu führt, dass Lehrkräfte fehlerfreundlich und konstruktiv miteinander umgehen und positive Rückmeldungen für ihr alltägliches Engagement erhalten.

Darüber hinaus gehört es zur pädagogischen Professionalität, dass Lehrkräften zugestanden wird, dass sie sich im schulischen Alltag auch manchmal machtlos fühlen. Und auch, dass sie in stärkerem Maße als bisher üblich, zuweilen externe Unterstützung und Beratung in Anspruch nehmen können.

Abschließend lässt sich daher festhalten: Die Schule sollte ein Raum sein, in dem Erwachsene und Heranwachsende Wertschätzung erfahren aber auch zugleich Wertschätzung geben. Die Reckahner Reflexionen können hierbei eine hilfreiche ethische Orientierung geben.

Mehr zum Thema

Die Leitlinien der Reckahner Reflexionen: 

  • Die Reckahner Reflexionen werden herausgegeben vom Deutschen Institut für Menschenrechte Berlin, vom Deutschen Jugendinstitut München vom Menschenrechtszentrum der Universität Potsdam und von Rochow-Museum und Akademie für bildungsgeschichtliche und zeitdiagnostische Forschung an der Universität Potsdam.
  • Das Vorhaben wird unterstützt von der Robert Bosch Stiftung. Die Anschubfinanzierung wurde von der Helga Breuninger Stiftung und der Universitätsgesellschaft Potsdam gewährt. 
  • Fortbildungsangeboten und weiterführende Literatur, gibt es unter www.paedagogische-beziehungen.eu.

Zur Person

  • Anne Piezunka ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem Projekt „Reckahner Reflexionen – zur Ethik pädagogischer Beziehungen“. Im Rahmen ihrer Forschung interessiert sie sich unter anderem für die Umsetzung von Inklusion sowie bewertungssoziologische Fragestellungen.
  • Annedore Prengel ist Erziehungswissenschaftlerin. Sie ist Professorin im Ruhestand an der Universität Potsdam und Seniorprofessorin an der Universität Frankfurt am Main. Ihre Schwerpunkte sind unter anderem Pädagogik der Vielfalt und Inklusion, die kinderrechtliche Qualität pädagogischer Beziehungen sowie Pädagogikethik.