Raumgestaltung : Schönes neues Klassenzimmer!

Palmen, rosarote Einhörner vor Sonnenuntergängen oder Poster mit Jedi-Rittern – wenn es um die Inneneinrichtung des Klassenzimmers geht, hält sich Lehrerin Ulrike Ammermann lieber zurück. Warum sie es für eine gute Idee hält, wenn Schülerinnen und Schüler ihren eigenen Lebensraum gestalten, erklärt sie in ihrem Gastbeitrag für das Schulportal.

Ulrike Ammermann Ulrike Ammermann / 14. Oktober 2019
Kinder bemalen eine Wand
Bei der Gestaltung ihres Klassenraums sind die Schülerinnen und Schüler Feuer und Flamme.
©Getty Images

„Frau Ammermann, können wir unseren Klassenraum nicht irgendwie verschönern?“ Lea und Tom, die beiden Sprecher, haben das Thema in der Klassenratsstunde auf die Tagesordnung gesetzt. „Mit einer gechillten Sofaecke.“ „Ja, und coolen Bildern, nicht mehr diese ollen Lernposter.“ Fast alle Schülerinnen und Schüler der 8b sind sofort Feuer und Flamme.

Vor meinem inneren Auge taucht die blaue Wand aus meiner eigenen Schulzeit auf. Wir haben sie im Jahr des Schüleraustausches mit Frankreich gemalert. Die himmelfarbene Wand changierte von dunkel- bis hellblau mit einem orangeroten Sonnenuntergang im Hintergrund und schwarzen Möwen davor. Als uns die französischen Austauschschülerinnen und ihre Klassenkameraden ein paar Monate später besuchten, waren wir insgeheim alle ein klein wenig stolz auf unser Klassenzimmer. Das war ja wohl was anderes als der nüchterne Raum mit den abgestoßenen gelben Stahlrohrmöbeln, den wir in Frankreich kennengelernt hatten.

 Anforderungen an einen guten Lernraum

Französische 14-Jährige möchte ich heute nicht mehr beeindrucken. Als pädagogische Fachkraft stelle ich andere Anforderungen an einen guten Lernraum: helle ansprechende Farben, die die Entspannung fördern. Für Anspannung und Aufregung sorge ich mit meinen Lernanregungen schließlich selbst. Pflanzen als weiche Raumteiler, die Luft und Stimmung verbessern. Filzelemente, die allzu schrille Kinderstimmen etwas dämpfen. Und nicht zuletzt Tische und Stühle, die wir so umräumen können, wie wir sie im Unterricht gerade brauchen: von Vierer-Arbeitsgruppen über den Stuhlkreis bis zum U, von dem aus wir auf das Smartboard blicken. So toll die neue Technik auch ist, die die guten alten Overhead-Projektoren und Computer ersetzt, immer wieder zwingen uns die digitalen Tafeln in den traditionellen Frontalunterricht.

Für manche Lerninhalte brauchen wir den Frontalunterricht ja auch. Manches müssen alle erfahren und am besten auch sehen, bevor sie sich im nächsten Arbeitsschritt den neuen Lernstoff selbst erarbeiten. Wie der Konjunktiv im Deutschen gebildet wird, sollte zum Beispiel für alle geklärt werden. Wenn die Regeln sichtbar an der Wand zu lesen sind, können die Lernenden gut in kleinen Arbeitsgruppen Bedingungssätze formulieren.

Auf dem Sofa im Klassenzimmer Vokabeln lernen

„Wenn wir einen schöneren Raum hätten, würden wir lieber in den Unterricht kommen“, erklärt Elif. Lauter Applaus, ihre Mitschülerinnen und Mitschüler hat sie schon einmal überzeugt. Mich mit ihrem korrekten Bedingungssatz auch. Hat die dröge Grammatikeinheit im Deutschunterricht neulich doch etwas gebracht. „Außerdem kann ich Vokabeln zum Beispiel viel besser auf dem Sofa lernen als am Tisch.“

Wir haben sogar einen kleinen Etat, sodass wir uns Stellwände und ein einfaches Sofa vermutlich leisten können.

Auch Anton kann überzeugend argumentieren. Außer einer Sitzecke wünschen sich die Schülerinnen und Schüler für ihr Klassenzimmer ein neues Regal mit Fächern, in denen sie ihre Schulsachen verstauen können, Stellwände, um Arbeitsergebnisse sichtbar im Raum zu präsentieren, und hübschere, vor allem dunklere Vorhänge für Filmvorführungen und Powerpoint-Präsentationen. Und Bilder, unbedingt Bilder.

Die Vorschläge und Wünsche überschlagen sich. Ich teile die Klasse in Arbeitsgruppen ein, die wie Teams von Innenarchitektinnen und -architekten Vorschläge zur Umgestaltung erarbeiten sollen. Wir haben sogar einen kleinen Etat, sodass wir uns Stellwände und ein einfaches Sofa vermutlich leisten können.

Die Schülerinnen und Schüler mit allen Sinnen ins Lernen einbinden

Handlungsorientierter Unterricht versucht die Schülerinnen und Schüler mit allen Sinnen ins Lernen einzubinden. Sie sollen über gute Lösungen nachdenken, mit dem Herzen dabei sein und praktisch an der Umsetzung der eigenen Lösungen arbeiten. Was sich im Pädagogik-Studium so theoretisch anhörte, macht angesichts meiner begeisterten Klasse auf einmal Sinn.

Die 14-Jährigen sind sogar bereit, einen Wandertag für ihren neuen Raum zu opfern. In den Planungsgruppen geht es zum Teil hoch her. Eine Gruppe streitet engagiert, ob ein Sofa besser sei oder Sitzwürfel, die immer wieder neu zusammengestellt werden können. Eine andere plant den Bau einer großen Stellwand aus Europaletten. „Dürfen wir unsere Handys benutzen?“ Ausnahmsweise wollen meine Schülerinnen und Schüler nicht auf WhatsApp und Instagram gucken, was die besten Freunde gerade tun, sondern recherchieren, wo es den billigsten Nadelfilz gibt. Grundrisse und Bauanleitungen werden gezeichnet. Sogar Tabellen mit detaillierten Etatberechnungen erstellen sie. Unterrichten kann so schön sein.

Zur Person

  • Ulrike Ammermann ist Journalistin und Lehrerin.
  • In Münster und Lyon hat sie Germanistik und Geschichte studiert. Nach ihrem Volontariat beim Deutschen Fachverlag arbeitete sie viele Jahre lang für die internationale Reisepresse. Außerdem ist sie Autorin mehrerer Reisebücher, von Reportagen und Berichten für verschiedene Magazine.
  • Wenn sie gerade nicht an Texten arbeitet, begleitet sie an einem Hamburger Gymnasium Jugendliche beim Erlernen der französischen Sprache. Außerdem unterrichtet sie die Fächer Geschichte, Deutsch und PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft).
  • Sie lebt mit Mann und Kind in Hamburg.