Projekt Herausforderung : Eine innovative Idee macht Schule

Im Projekt „Herausforderung“ lernen Jugendliche fürs Leben: Die Schülerinnen und Schüler verlassen das Klassenzimmer und begeben sich eigenverantwortlich auf ein mehrtägiges Abenteuer fernab der eigenen Komfortzone. Bildungsforscher Matthias Rürup von der Bergischen Universität Wuppertal erklärt in seinem Gastbeitrag, warum „Herausforderungen“ eine schulische Innovation ist, die weiter unterstützt und gefördert werden muss.

Matthias Rürup Matthias Rürup / 11. Dezember 2018
Mehrere Kinder fahren für das Projekt Herausforderung mit dem Rad oder mit einem Longboard eine Straße entlang
Mit dem Longboard und dem Rad von Berlin an die Ostsee: Für diese Herausforderung gehen die Schülerinnen und Schüler der Berliner Heinz-Brandt-Schule an ihre Grenzen.
©Die Deutsche Schulakademie

Jugendliche stellen sich einem unvergesslichen Abenteuer

Seit ungefähr zwölf Jahren verbreitet sich an deutschen Schulen mit Sekundarstufe I eine bemerkenswerte Projektidee: Schülerinnen und Schülern der Klassenstufe acht bis zehn (teilweise auch jüngeren oder älteren) wird die Möglichkeit geboten, sich innerhalb des Schuljahrs für ein bis drei Wochen einer eigenständig gewählten und umzusetzenden außerschulischen Herausforderung zu stellen. Ganz überwiegend handelt es sich dabei um sportliche Aktivitäten (zum Beispiel Wandern, Radfahren, Die-Alpen-Überqueren), die – und das ist die eigentliche Beanspruchung – fern von zu Haus, entweder einzeln oder auch in der Gruppe, selbst gestaltet und verantwortet werden müssen. Die erwachsenen Begleiterinnen und Begleiter sollen sich – dem Konzept nach – grundsätzlich zurückhalten und so den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geben, eigene Erfahrungen und vor allem auch eigene Fehler zu machen.

Inzwischen gibt es deutschlandweit mehr als 50 Schulen, die die Idee aufgegriffen haben.
Bildungsforscher Matthias Rürup, Bergische Universität Wuppertal

Die Projektidee wurde ursprünglich an zwei Schulen in Hamburg und Berlin umgesetzt (der Stadtteilschule Winterhude und der Evangelischen Schule Berlin Zentrum). Inzwischen gibt es deutschlandweit mehr als 50 Schulen, die die Idee aufgegriffen haben (namentlich bekannt sind mir 51) – mit zum Teil deutlichen Veränderungen. So variiert inzwischen nicht nur die Benennung des Projekts („Herausforderung“, „Herausforderungen“, „Challenge“, „Heraus aus dem Nest“, „Herausspaziert“, „Stadt – Land – Fluss“), sondern auch seine organisatorische Umsetzung.

Manche Schulen bieten Herausforderungen als Wahlmöglichkeit für wenige Freiwillige an, die meisten jedoch verpflichtend für alle Schülerinnen und Schüler als Teil des schulinternen Curriculums. An einigen Schulen werden die einzelnen Herausforderungen durch Lehrkräfte oder Kooperationspartner der Schule entworfen und zur Wahl gestellt, an anderen Schulen sind die Schülerinnen und Schüler selbst aufgefordert, ihre Herausforderungen zu entwickeln.

An manchen Schulen werden die Herausforderungen von Lehrkräften der Schule begleitet, an anderen wird Wert gerade darauf gelegt, dass es nicht die Lehrkräfte der Schule, sondern unabhängige (von der Schule ausgewählte und qualifizierte) Erwachsene sind, die die Aufgabe der Begleitung und damit der aufsichtlichen und pädagogischen Absicherung der Projektumsetzung übernehmen. Argumentativer Hintergrund hierfür ist das Anliegen, die Herausforderung nicht mit unnötigen Rollenkonflikten zu belasten, die dadurch entstehen könnten, dass Lehrkräfte in der Schule eine klare Anleitungs- und Orientierungsfunktion gegenüber den Schülerinnen und Schülern wahrnehmen, sich als Begleitung bei der „Herausforderung“ aber plötzlich nondirektiv und zurückhaltend verhalten sollen.

Die Montessori Oberschule Potsdam hat am Schlänitzsee einen ganz besonderen Lern- und Arbeitsort für 12- bis 14-Jährige geschaffen.

Mit kleinem Budget raus aus der Komfortzone

Nicht an allen Schulen ist vorgegeben, dass die Herausforderung unbedingt fern vom Heimatort, als fortwährende Reisetätigkeit oder als Gruppe zu absolvieren ist; nahezu allen Umsetzungen gemeinsam ist aber die Aufforderung an die Schülerinnen und Schüler zum Umgang mit einem sehr begrenzten finanziellen Etat, der zur genauen Planung und Abwägung der Ausgaben vor allem für Unterkunft und Ernährung zwingt. Insbesondere Schülerinnen und Schüler, die sich auf längere Reisen begeben, sind so regelmäßig aufgefordert, Kontakt zu Einwohnerinnen und Einwohner der besuchten Orte aufzunehmen, um kostengünstige oder auch kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten zu finden. Zu den zentralen Erfahrungen der Herausforderungen zählt entsprechend, dass es gerade im ländlichen Raum viel mehr hilfsbereite und freundliche Menschen gibt (und Solidarität selbstverständlicher ist) als vermutet. Aber auch das Verzichten-Können auf übliche Standards des Schlaf- und Wohnkomforts, auf die Allzeit-Verfügbarkeit von Betten, Toiletten, Wasser, Strom und Internet gehören zu den zentralen Erlebnismöglichkeiten, die sportlich-aktive Herausforderungen üblicherweise eröffnen.

Neben diesem Typ von Herausforderungen lassen sich aber auch künstlerisch-journalistische, handwerkliche oder sozial-karitative finden. In einzelnen Fällen werden auch Möglichkeiten zugelassen, die Herausforderung als Erkunden anderer Lebensweisen (zum Beispiel im Ausland, im Kloster, mit körperlichen Einschränkungen) oder interessierender Berufsfelder bis hin zu universitären Schnupperstudien anzulegen.

Weitere Unterschiede zwischen den verschiedenen Projektumsetzungen sind die Dauer des Projekts (üblicherweise zwischen ein und drei Wochen) oder auch die Schulvorgabe, ob die Schülerinnen und Schüler sich nur einmal – in einem bestimmten Schuljahr – oder mehrfach, in bis zu drei aufeinanderfolgenden Schuljahren, einer Herausforderung stellen können oder sollen.

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Das Fahren des Versorgungsrades: Eine wichtige Aufgabe, bei der sich abgewechselt wird.
©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)

Mit dem Longboard an die Ostsee: eine Herausforderung, die sich lohnt. Für dieses Projekt erfahren und überwinden die Schülerinnen und Schüler der Berliner Heinz-Brandt-Schule ihre eigenen Grenzen. Insgesamt verlassen die Jugendlichen der Klassenstufen sieben bis zehn für zwei Wochen ihren Alltag.

Die Heinz-Brandt-Schule in Berlin ist eine Integrierte Sekundarschule im gebundenen Ganztagsbetrieb mit rund 450 Schülerinnen und Schülern. Die Heinz-Brandt-Schule ist Preisträgerschule des Deutschen Schulpreises.

Hier erfahren Sie mehr über das Konzept „Herausforderung“.

Die vielfältigen Formen der Idee der „Herausforderung“ sind einerseits Ausdruck ihres ungeplant-ungeleiteten Verbreitungswegs. Es handelt sich um eine Innovationsdiffusion fast ausschließlich zwischen einzelnen Schulen, vermittelt über mediale Berichterstattung, direkte Kontakte zu Vorbildschulen  und bestimmte Schulnetzwerke („Blick über den Zaun“, „Schule im Aufbruch“, Sekundarstufe-I-„Schulen in evangelischer Trägerschaft“ oder der „Verband für Schulen des Gemeinsamen Lernens“ [GGG]). Insbesondere in Schulen, die sich auch anderen pädagogischen Innovationen wie dem „Lernbüro“-Konzept öffnen, gehört ein „Herausforderungs“-Projekt in den Klassen acht bis zehn zum Profil – oft ergänzt um ein Parallelprojekt der Verantwortung, bei dem sich Schülerinnen und Schüler für einen längeren Zeitraum (ein halbes bis ganzes Schuljahr) kontinuierlich in einem örtlichen sozialen Projekt einbringen und also soziale Verantwortung übernehmen sollen. Andererseits sind die vielfältigen Ausgestaltungen der Idee auch Ausdruck der komplexen organisatorischen und vor allem pädagogischen Anforderungen, die sich den Lehrerkollegien und der gesamten Schulgemeinschaft bei der Umsetzung stellen.

Von dem eigentlichen konzeptuellen Impuls haben sich alle Schulen, die das Projekt der „Herausforderung“ umsetzen, weitgehend entfernt. Vom Ursprung her ist die Idee auf ein im Jahr 2006 von Hartmut von Hentig im Hanser Verlag publiziertes pädagogisches Manifest mit dem Titel „Bewährung. Von der nützlichen Erfahrung, nützlich zu sein“ zurückzuführen. In diesem Buch schlägt Hartmut von Hentig – aufbauend auf seinem Grundlagenwerk „Die Schule neu denken. Eine Übung in pädagogischer Vernunft“ – vor, für Jugendliche in der Pubertät  Erfahrungs- und Lebensorte zu gestalten, die den typischen Entwicklungsbedürfnissen dieser Altersgruppe eher entsprechen würden als die übliche schulische Praxis. Von Hentigs Vorschlag besteht, kurz gefasst, darin, Schule für ein bis zwei Schuljahre regelrecht auszusetzen und die Jugendlichen in dieser Zeit entweder auf eine Art Wanderschaft oder in ein selbst zu organisierendes Landschulheim zu schicken (von Hentig gibt das Beispiel eines Kottens, der von den Jugendlichen – zusammen mit wenigen erwachsenen Betreuerinnen und Betreuern – bewohnt, das heißt anfangs überhaupt erst bewohnbar gemacht und dann von jeder weiteren Bewohnergeneration nach eigenen Vorstellungen aus- und umgestaltet wird). Unterricht im eigentlichen Sinne brauche, so von Hentig, nicht stattzufinden, da die Jugendlichen sich einerseits selbst ihre nicht nur körperlichen und sozialen, sondern auch intellektuellen Herausforderungen suchen würden und es curricular (wie nicht zuletzt die schwierige Beschulung dieser Altersgruppe zeige) eher um das Erhalten bisheriger schulisch-vermittelter Kenntnisse und Fähigkeiten gehe und nicht so sehr um ihre Weiterentwicklung.

Am ehesten greift noch die Montessori-Oberschule Potsdam mit ihrem Schlänitzsee-Projekt diese anfängliche Idee Hartmut von Hentigs auf. Selbst an der Laborschule Bielefeld (die von Hartmut von Hentig gegründet wurde) findet sich – auch erst ab dem Schuljahr 2011/12 – nur eine zeitlich und organisatorisch beschränkte Umsetzung als Projekt der Entschulung.

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Schülerinnen und Schüler beim Heuwenden des Strohs für die Futterversorgung der Esel.
Schülerinnen und Schüler beim Heuwenden des Strohs für die Futterversorgung der Esel.
©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)

Schülerinnen und Schüler aus den Klassenstufen sieben und acht der Montessori Oberschule Potsdam verbringen die Hälfte ihrer Unterrichtszeit unter freiem Himmel. Fernab der Enge eines Klassenraums arbeiten und experimentieren die Jugendlichen in Landwirtschaft und Natur. Dabei lernen sie, selbstständig zu denken und zu handeln.

Seit 2007 betreibt die Montessori Oberschule Potsdam, Preisträgerschule des Deutschen Schulpreises, die Jugendschule am Schlänitzsee.

Hier geht es zum Konzept „Jugendschule am Schlänitzsee“.

Das Projekt der „Herausforderung“ ist, in Abgrenzung zu von Hentigs Vorschlag, von vornherein als ein Kompromiss einzuschätzen. Und zwar einerseits zwischen dem Anliegen, Jugendlichen in der Pubertät die Möglichkeit zu geben, sich den typischen Entwicklungsaufgaben ihres Alters konzentriert zu widmen. Und andererseits dem Interesse der Schule oder auch der Eltern (zum Teil auch der Jugendlichen selbst) an der Aufrechterhaltung des „normalen“ – lernplangeleiteten – Betriebs als Garantie eines aufbauenden, zielgerichtet auf Prüfungen und Abschlüsse hinführenden Lehrgangs.

Die Möglichkeit eines Ausstiegs aus der Schule und einer intensiven individuellen Bewährungsphase an wirklichen – nicht alltäglichen, nichtschulischen – Herausforderungen, bei denen sich die Schülerinnen und Schüler als autonom, handlungs-, konflikt- und entscheidungsfähig erleben können sollen (nicht mehr Kind, sondern erwachsen zu sein), wird so ebenfalls eröffnet. Allerdings nur zeitlich begrenzt: für ein bis drei Wochen, ein- bis dreimal im schulischen Bildungsgang.

Die Vor- und Nachbereitung der Herausforderung durch die Schülerinnen und Schüler wird dabei üblicherweise als Kurs in den regulären Stundenplan integriert. Dabei werden als zeitliche Freiräume für die Umsetzungsphase üblicherweise die curricular weniger dichte Phase zu Schuljahresbeginn oder Schuljahresende genutzt. Außerdem wird oftmals auf eine Klassenfahrt verzichtet. Neben dem Umstand, dass es sich bei den – insbesondere schon länger aktiven – Schulen auch ansonsten um eher reformpädagogisch ausgerichtete Schulen handelt (was mit einer Öffnung und Flexibilisierung von Unterrichtsformen und Curricula einhergeht), ergeben sich auch für weniger reformorientierte Schulen durch die erweiterte Eigenverantwortung, die ihnen schulrechtlich gewährt wird, entsprechende organisatorische Freiräume. Zu verweisen wäre hier zum Beispiel auf die Umstellung der Lehrpläne auf Bildungsstandards, auf bildungsgangbezogene Flexibilisierungen der Stundentafel oder auf die einzelschulische Pflicht der Erarbeitung schulinterner Curricula, von Schulprogrammen und Schulprofilen. Diese Betonung der Machbarkeit des Projekts soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass insbesondere die Konzeption und Planung der konkreten einzelschulischen Umsetzung für die beteiligten Lehrkräfte und die gesamte Schulgemeinschaft schon Herausforderungscharakter hat. So lassen sich neben den mehr als 50 deutschen Schulen mit „Herausforderungen“ auch weitere identifizieren, die sich nach einem anfänglichen Interesse dann doch gegen eine Realisierung entschieden haben.

Mit dem Longboard von Berlin an die Ostsee: Eine Herausforderung, die sich lohnt. Schülerinnen und Schüler erfahren und überwinden im Projekt ihre eigenen Grenzen.

Wie lange sollte das Projekt „Herausforderung“ laufen?

Durch den Kompromisscharakter des Projekts ist die Frage naheliegend, ob es überhaupt noch sinnvoll ist, sich konzeptuell bei seiner Begründung auf Hartmut von Hentig zu beziehen. Dafür spricht vor allem, dass die meisten Schulen, die „Herausforderungen“ anbieten, dies in den Klassen acht bis zehn tun – also für Schülerinnen und Schüler in der Pubertät. Nur an einzelnen Schulen lassen sich auch in jüngeren Klassen (dann zeitlich und vom Anspruch eingegrenzter) oder in der gymnasialen Oberstufe platzierte Umsetzungen finden. Daran schließt sich die Frage an, ob der zeitlich deutlich reduzierte Umfang des Projekts überhaupt ausreichend ist, um die angestrebten Wirkungen bei den Jugendlichen – sich als erwachsen autonom, handlungs-, konflikt- und entscheidungsfähig zu erfahren – zu erreichen und diese zur nachhaltigen Entfaltung zu bringen. Womöglich sind ein bis drei Wochen als entsprechendes Erlebnis zu kurz und zu schnell vorbei.

Letztlich ist dies aber nur empirisch – im Vergleich der „Herausforderungs“-Projekte an möglichst vielen verschiedenen Schulen – aufzuklären. Gleiches gilt für den notwendigen Umfang der Selbstverantwortung und Eigentätigkeit der Schülerinnen und Schüler bei der Projektplanung und -umsetzung. Womöglich können auch von Lehrkräften konzipierte und begleitete Herausforderungen ausreichende Gelegenheit für intensive Erfahrungen der eigenen Kompetenz und Selbstwirksamkeit bei den Schülerinnen und Schülern eröffnen.

Es ist zu bezweifeln, dass die Entwicklungsphase der Pubertät durch die Teilnahme an einer ,Herausforderung‘ wesentlich verkürzt oder entkrampft werden kann.
Bildungsforscher Matthias Rürup, Bergische Universität Wuppertal

Von vornherein skeptischer kann man indes bei schulischen Erwartungen sein, das Projekt der „Herausforderung“ könne – quasi als Kurzzeit-Intervention – die für Schülerinnen und Schüler der siebten bis neunten Klassen typische größere Distanz zum schulischen Lernen und zur Schule aufheben. Es ist kaum zu erwarten, dass ein – wenn auch von der Schule offeriertes – Angebot dezidiert nichtschulischer Aktivität die Schülerinnen und Schüler dazu bewegt, normales schulisches Arbeiten daraufhin (wieder) als gut und sinnvoll zu empfinden. Vielleicht erhöht sich die individuelle Identifikation mit der eigenen Schule etwas und vielleicht kann das Erlebnis eigener Handlungsfähigkeit für einzelne Schülerinnen und Schüler die entsprechende pubertäre Verunsicherung etwas abmindern. Dass allerdings die Entwicklungsphase der Pubertät durch die Teilnahme an einer „Herausforderung“ wesentlich verkürzt oder entkrampft werden kann, ist einerseits zu bezweifeln, andererseits vielleicht auch nicht zu wünschen.

Eine reichhaltige, vielseitige Erfahrungswelt erleichtert den Schülerinnen und Schülern womöglich das Verständnis mancher Fachinhalte.
Bildungsforscher Matthias Rürup, Experte für das Projekt „Herausforderung”

Für eine nähere Bestimmung sinnvoller Erfolgskriterien für das Projekt scheint es außerdem prinzipiell weniger sinnvoll zu sein, lehrplanbezogen-fachliche Aspekte in den Mittelpunkt zu stellen. Angesichts der großen Vielfalt der „Herausforderungen“ ist einerseits kein einheitlicher fachlicher Lehrimpuls beziehungsweise Lernfortschritt zu erwarten. Andererseits dürfte der Transfer von Lernerfahrungen während der „Herausforderungen“, die sich prinzipiell auf curriculare Fachinhalte beziehen ließen, – abgesehen von Einzelfällen – schwer erkenn- und nachweisbar sein.

Dies hat aber, meiner Ansicht nach, weniger damit zu tun, dass während der Herausforderungen keine bedeutsamen – zum Beispiel geografischen, biologischen, physikalischen oder auch ästhetischen und ethischen – Erfahrungen gesammelt würden, sondern damit, dass der schulische Normalunterricht solche individuell-erlebnishaltigen Bezüge auf Fachinhalte üblicherweise nur wenig aufgreifen und nutzen kann, maximal noch als motivationale Ausgangserfahrung oder als Ankerbeispiel für eine – dann schnell von der Alltagserfahrung wegführende – kognitiv-versachlichende und an fachwissenschaftlichen Begriffen und Theoremen orientierte Aufbereitung und Systematisierung des Wissens. Womöglich erleichtert eine reichhaltige, vielseitige Erfahrungswelt den Schülerinnen und Schüler das Verständnis mancher Fachinhalte. Selbstverständlich und gesichert scheint dies nicht.

An „Herausforderungen“ muss man auch scheitern können

Sicherlich wesentlich und sinnvoll allerdings ist es, von den „Herausforderungen“ Kompetenzgewinne in überfachlichen Bereichen der persönlichen Entwicklung, der sozialen Zusammenarbeit, Konfliktfähigkeit und Verantwortungsübernahme zu erwarten. Schülerinnen und Schüler sollten durch die Herausforderungen erleben und erlernen können, dass sie sich im Umgang mit anforderungsreichen und ungewissen Situationen bewähren und ein entsprechend positiv-realistisches Selbstbewusstsein aufbauen. Dies sollte dann – im Sinne des psychologischen Konzepts der Selbstwirksamkeitserwartungen – begünstigen, dass sich die Jugendlichen auch in Schule, Beruf und Privatleben selbstbestimmter und selbsttätiger neuen Herausforderungen stellen. Etwas pathetisch könnte man dies als „Förderung von wesentlichen Zukunftsfähigkeiten für das Leben in der heutigen, modernen Gesellschaft“ beschreiben: Eigenverantwortung, Risikobereitschaft, Unternehmertum.

Unabhängig von einer erst noch zu leistenden empirischen Begleitforschung dieser Innovationsidee (für die ich mich zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen im Forschungsverbund HeRiS einsetze, siehe www.ifb.uni-wuppertal.de/herausforderungen), lassen sich aus vorliegenden lern- und motivationspsychologischen, aber auch erlebnispädagogischen Wissensbeständen heraus schon konzeptuelle Eckpunkte formulieren, die als prinzipiell günstig bis notwendig für einen Projekterfolg einzuschätzen sind.

Ergebnisse der Hirnforschung, die im Kontext des Projekts gerne ebenfalls herangezogen werden, weisen in dieselbe Richtung. „Herausforderungen“ dürften eine gute – motivierende und anregende – Erfahrung sein, wenn sich Schülerinnen und Schüler bei ihnen als selbstbestimmt (autonom), kompetent und sozial eingebunden erleben. Die Herausforderungen, denen sie sich stellen, sollten, um die Bedeutung eines nachhaltig wirksamen Erlebnisses zu erreichen, einerseits den alltäglichen Rahmen des Bekannten und Vorhersehbaren überschreiten (aus der Komfortzone heraus in die persönliche Wachstumszone führen), ohne die Schülerinnen und Schüler zu überfordern.

Es geht letztlich um eine – individuelle angepasst-flexible – Aufgabenschwierigkeit, die eine proximale Entwicklung ermöglicht. Auch hierzu scheint die Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler eine gute Voraussetzung zu sein, um eine fremdbestimmte Überforderung zu vermeiden. Zugleich ist die Einbindung in eine Gruppe als Ansporn und Korrektiv hervorzuheben, die eine selbstbestimmte Über- oder auch Unterforderung kommunikativ ausgleichen kann.

Auf jeden Fall muss man an Herausforderungen – um „Herausforderung“, und das heißt: echte Erfahrung mit Ernstcharakter, zu sein – scheitern können. Erfolg und Misserfolg müssen sich die Schülerinnen und Schüler selbst zurechnen können. Dazu gehört auch eine das Projekt insgesamt tragende positive Fehlerkultur, die dazu einlädt, (begrenzte) Wagnisse einzugehen und Unsicherheiten zuzulassen, und es besonders wertschätzt, wenn die Schülerinnen und Schüler trotz Rückschlägen nicht aufgeben und den Irrtum aktiv als Lerngelegenheiten nutzen. Schließlich sollten die Schülerinnen und Schüler Gelegenheit bekommen, ihre eigenen Herausforderungen als bemerkenswerte Aktivität zu präsentieren und zu reflektieren.

Schulen setzen Idee der „Herausforderung“ verantwortungsvoll um

Allen Schulen, die ich im Zuge meiner nun schon mehrjährigen Beschäftigung mit der Idee der „Herausforderung“ näher kennenlernen konnte, kann ich attestieren, dass sie diese Eckpunkte eines Projekterfolgs umfänglich berücksichtigen: Sie setzen die Idee der „Herausforderung“ umsichtig, anspruchs- und verantwortungsvoll um. Es sind beeindruckende und begeisternde Schulen, Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie viele Ehrenamtliche, die für ihr oft unbezahltes zusätzliches Engagement Wertschätzung und Vertrauen verdienen.


Dieser Beitrag ist zuerst auf der Website der Bergischen Universität Wuppertal erschienen.


Zur Person

Matthias Rürup
Matthias Rürup
©privat
  • Matthias Rürup ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Bildungsforschung in der School of Education (Bergische Universität Wuppertal).
  • Ein Forschungs- und Arbeitsschwerpunkt ist das Projekt „Herausforderung“ als schulische Innovation.
  • Darüber hinaus konzentriert sich Matthias Rürup in seiner Arbeit unter anderem auf die Themen „Innovationsforschung“, „Schule als Organisation“, „Bildungspolitik und –verwaltung“.
  • Mehr Informationen über Matthias Rürup gibt es auf seinem persönlichen Blog.
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