Mythos und Realität : Privatschulen für alle

Bundes­weit besuchen neun Prozent der Kinder eine Privat­schule, Tendenz: steigend. Schul­portal-Kolumnist Matthias Förtsch geht der Frage nach, was Eltern eigentlich an Privat­schulen schätzen und warum das nicht auch für staatliche Schulen gilt.

Matthias Förtsch Matthias Förtsch / 20. September 2018
Grundschulkinder mit Ranzen
Immer mehr Eltern wählen für ihre Kinder eine Privatschule. Kolumnist Matthias Förtsch, ist der Frage nachgegangen, warum das so ist.
©dpa

Es gibt sie gefühlt schon immer, diese Mythen über Privat­schulen: Es sind Bildungs­einrichtungen für Privilegierte, die ihre Kinder mit dem Luxus-SUV direkt vor der Eingangstür abladen. Die Kinder besuchen solch eine Schule, weil ihre Eltern eigentlich keine Zeit für sie haben und daher eine Privat­schule mit Ganztags­betreuung für sie auswählen. Dazu kommen vielleicht noch besonders christlich orientierten Eltern (konfessionelle Trägerschaft) oder Anhänger der Reform­pädagogik (Waldorf oder Montessori), die Privat­schulen bevorzugen.

Dabei ist den meisten nicht klar, so wettern die Privatschul­gegner, dass das Personal dort eine Ansammlung von Quereinsteigern sowie Versagern des staatlichen Schul­systems ist, wobei Letzteres nicht nur für die Lehrenden, sondern genauso für die Lernenden gilt. Der Bildungs­plan wird an Privat­schulen geflissentlich ignoriert: Sie halten sich für etwas Besseres. Dabei kommt es durchaus vor, dass ihre Schülerinnen und Schüler bei zentralen staatlichen Abschluss­prüfungen kollektiv versagen.

So weit die Mythen. Und doch besuchen laut aktuellen Statistiken etwa neun Prozent aller Schülerinnen und Schüler in Deutschland eine Privat­schule – Tendenz: steigend. Privat­schulen boomen. Hinzu kommt die „stille Privatisierung der Bildung“: die gute alte Nachhilfe. Einer Studie von 2016 zufolge geben Eltern in Deutschland jährlich rund 900 Millionen Euro für private Nachhilfe aus. Auch staatliche Schulen tragen also zu diesem Trend bei.

Das Versprechen der Privat­schule

Was ist es, das Eltern an Privat­schulen so schätzen? So wie der findige Verkäufer beim Verkauf der ersten Babyschale fürs Auto die jungen Eltern frecherweise fragt, was ihnen die Sicherheit des eigenen Kindes denn wert sei, so stellt sich mit der Option Privat­schule die Frage: Was ist mir die Bildung meines Kindes wert? Möchte ich etwa nicht die beste Variante? Das ist das süße Versprechen der Privat­schulen.

Das „Beste“ kann sich in einer besonderen pädagogischen Ausrichtung zeigen, in einer besseren Ausstattung (derzeit: WLAN, Eins-zu-eins-Ausstattung mit Tablets oder Ähnliches), vor allem aber auch in kleineren Klassen und weniger Unterrichts­ausfall; vielleicht sogar in der Integration der Nachhilfe direkt in die Schule – wer zahlt, kann schließlich auch Leistung erwarten. Auch ist das Personal durch die Schule selbst auswählbar, was im Idealfall eine stärkere Identifikation mit der Schule ermöglicht.

Privatschulleistung auch für staatliche Schulen

Gerade Letzteres führt unter anderem zu etwas, das eigentlich alle Schulen ausmachen sollte: zu einem klaren Bild aller am Schulleben Beteiligten von der eigenen Organisation, zu einem hohen Maß an Veränderungs­bereitschaft, zur Entwicklung einer Corporate Identity mit dem dazugehörigen Gemeinschaftsgefühl. An solchen Schulen werden Schülerinnen und Schüler dann nicht mehr als zu disziplinierende Untergebene gesehen, sondern als Kunden, die zur Bildung verführt werden. Lehrerinnen und Lehrer sind dann gerne bereit, mehr Zeit in die Entwicklung der Persönlichkeiten zu investieren, und erhalten dafür auch, umgekehrt, positives Feedback.

In diesem Sinne wünscht man sich die Rahmen­bedingungen so mancher Privat­schulen auch für alle staatlichen Schulen. Uns als Gesellschaft sollte es das wert sein. Im Übrigen sind Privat­schulen für den Staat ein Spar­modell: Die Schülerinnen und Schüler werden in einem System versorgt, bei dem der Staat nur maximal 80 Prozent der Personal­kosten übernimmt – und die Gebäude baut und verwaltet ein privater Träger. Da könnten sich bei einem anhaltenden Trend zu Privat­schulen sogar noch größere Spielräume für staatliche Investitionen in den Bildungs­sektor ergeben…

Zur Person

  • Matthias Förtsch ist Lehrer für Englisch und Gemeinschaftskunde (Politik, Wirtschaft und Soziologie) an einem privaten, gebundenen Ganztagsgymnasium in Baden-Württemberg.
  • Zusätzlich ist er hauptverantwortlich für die Schulentwicklung an seiner Schule.
  • Die Zukunft der Schule interessiert ihn so sehr, dass er darüber auch twittert und regelmäßig in seinem Blog berichtet.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Matthias Förtsch regelmäßig eine Kolumne.
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