Einsichten : Pädagogischer Alltag in einer Inklusionsklasse

Reichen die personellen Ressourcen aus, können die Lehrkräfte die Heterogenität bewältigen, und wie fühlen sich die Schülerinnen und Schüler? Werner Klein vom Programmteam der Deutschen Schulakademie hat sich für seinen Gastbeitrag den Alltag in einer Inklusionsklasse an der Willy-Brandt-Schule im schleswig-holsteinischen Norderstedt genauer angeschaut.

Werner Klein Werner Klein / 03. April 2019
Klassenzimmer mit Schülern verschwommen fotografiert durch eine Glasscheibe mit dem Schriftzug Inklusion
Symbolbild: Gastautor Werner Klein hat sich den Alltag in einer Inklusionsklasse einen Tag lang genauer angeschaut.
©dpa

Eine in die Höhe gehaltene runde Packung Kekse soll verdeutlichen, um was es im Mathematikunterricht der Inklusionsklasse im 9. Jahrgang gehen soll: die Flächenberechnung verschiedener Körper – in dieser Stunde die eines Zylinders. Unter den 18 Schülerinnen und Schülern der Willy-Brandt-Schule in Norderstedt, einer Gemeinschaftsschule mit integrierter Oberstufe, sind auch vier Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt Lernen und zwei Schüler mit Sprachförderbedarf gefragt, sich mit diesem nicht unbedingt eingängigen Lernstoff auseinanderzusetzen.

Die Fachlehrerin für Mathematik, Renate Mengel, und die Sonderpädagogin Karen Beckmann sind in dieser Stunde in Doppelbesetzung in der Klasse. Nach einer inhaltlichen Einführung bekommen die Schülerinnen und Schüler dazu einen Arbeitsauftrag für die Tischgruppen. Passend zur Größe eines Bierdeckels soll aus einem Papierbogen die Länge der Mantelfläche zugeschnitten werden, um damit einen Zylinder zu bauen und die Flächen zu berechnen. Die beiden Lehrerinnen verteilen sich im Raum und unterstützen gezielt einzelne Schülerinnen und Schüler darin, die Aufgabe zu bewältigen. Das gelingt einigen recht zügig, während andere erkennbar Mühe haben, die Aufgabenstellung überhaupt nachzuvollziehen.

Pädagogischer Alltag in einer Inklusionsklasse, der alle grundsätzlichen Fragen aufwirft:

  • Wie lässt sich die große Bandbreite heterogener Lernvoraussetzungen, Motivation und Interessen pädagogisch bewältigen?
  • Reichen die personellen Ressourcen aus, um dies gewährleisten zu können?
  • Klappt die soziale Integration, fühlen sich die Schülerinnen und Schüler wohl, gehen sie gern und ohne Angst zur Schule?
  • Wie kommen die Förderschülerinnen und Förderschüler damit klar, dass sie ein langsameres Lerntempo haben und deutlich mehr Zeit benötigen, um Aufgaben zu bewältigen?
  • Kommen auch die schnelleren Schülerinnen und Schüler zu ihrem Recht?
  • Und als begleitende bilanzierende Einschätzung: Ist die Inklusionsklasse tatsächlich die bessere Lernumgebung für die Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf?

Wie werden diese Fragen im Schulalltag der Willy-Brandt-Schule beantwortet?

Zunächst fällt auf, dass es – trotz der allseits spür- und sichtbaren Pubertät – im Unterricht freundlich und entspannt zugeht. Verschiedenheit wird von den Schülerinnen und Schülern offensichtlich als Normalzustand erlebt und akzeptiert. Wer zu den Förderschülerinnen und Förderschülern gehört, ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Die beiden Lehrerinnen arbeiten in der Doppelbesetzung professionell zusammen und übernehmen verschiedene Aufgaben, indem sie einander komplementär ergänzen und sich gegenseitig unterstützen. Jahrzehntelange Erfahrungen prägen ihren engagierten und zugleich gelassenen, den Schülerinnen und Schülern zugewandten Arbeitsstil.

Die Motivation der Lehrkräfte und ihr Wissen vorausgesetzt, gehören zum Können auch angemessene Rahmenbedingungen.

Bei genauerem Hinsehen und Nachfragen werden die voraussetzungsreichen Grundlagen ihrer erfolgreichen Arbeit deutlich:
In den vierzügigen Jahrgängen fünf bis neun der Willy-Brandt-Schule wird in jeweils zwei Klassen inklusiv unterrichtet. In der Regel besuchen jeweils vier Schülerinnen und Schüler mit einem attestierten Förderbedarf „Lernen“ diese Klassen. Hinzu kommen, in unterschiedlicher Anzahl, Schülerinnen und Schüler, die Deutsch als Zweitsprache (DaZ) erlernen.

Neben den regulär unterrichtenden Lehrerinnen und Lehrern stehen der Schule dafür insgesamt fünf Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen – davon drei ausschließlich an dieser Schule –, mehrere Schulbegleiter und Schulbegleiterinnen und zwei Sozialpädagoginnen zur Verfügung. Sie alle arbeiten in multiprofessionellen Teams zusammen. Hinzu kommen gute Arbeitskontakte zur Schulpsychologin des Kreises, die in besonders schwierigen Fällen nicht nur die inklusive Arbeit unterstützt.

Die personellen Ressourcen reichen offenkundig nicht aus

Wie bei allen professionellen Herausforderungen gilt auch hier, dass Wollen, Wissen und Können im Kollegium zusammenwirken müssen, um die vielfältigen pädagogischen Aufgaben, die mit der Inklusion verbunden sind, erfolgreich zu bewältigen. Die Motivation der Lehrkräfte und ihr Wissen vorausgesetzt, gehören zum Können auch angemessene Rahmenbedingungen. Hier wird schnell erkennbar, dass die zur Verfügung gestellten personellen Ressourcen offenkundig nicht ausreichen, um alle mit der Inklusion verbundenen Aufgaben in der gebotenen Qualität wahrnehmen zu können.

Wie in vielen Schulen, die vor einer vergleichbaren Situation stehen, werden fehlende Ressourcen durch das besondere Engagement aller Beteiligten, ihr Wollen, zwar nicht ersetzt, aber zumindest in Teilen ausgeglichen. Auch wenn die Website der Schule nicht ausdrücklich darauf verweist, wird die Inklusion vom gesamten Kollegium mitgetragen, als besonderes Profil dieser Schule, die sich seit mehr als 25 Jahren dieser pädagogisch herausfordernden Aufgabe widmet und vielfältige Kompetenzen entwickelt hat. So übernehmen als sichtbares Zeichen dieses Konsenses zusätzlich auch Fachlehrkräfte untereinander die Doppelbesetzung in den Inklusionsklassen.

Die für eine durchgehende Doppelbesetzung nicht ausreichende Stundenzuteilung von Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen wird dadurch zumindest insoweit aufgefangen, als in der Regel für die knappe Hälfte der Unterrichtsstunden eine Doppelbesetzung mit zwei Lehrkräften in der Klasse gewährleistet werden kann. In den anderen Unterrichtsstunden ohne Doppelbesetzung sind die Fachlehrkräfte in besonderer Weise gefordert, um durch binnendifferenzierende Angebote alle Schülerinnen und Schüler zu erreichen. Dabei entscheiden die Lehrkräfte je nach Situation, ob zielgleiche oder zieldifferente Lernangebote dafür sinnvoll sind. Damit einhergehend wird herkömmlicher Unterricht in lehrerzentrierter Form durch eine Vielfalt von Methoden und individuellen Lerngelegenheiten ergänzt oder abgelöst.

Trotz des Engagements des Kollegiums gilt, dass ideale Bedingungen für Inklusion anders aussehen, auch wenn es an vielen anderen Schulen überhaupt an sonderpädagogischen und sozialpädagogischen Fachkräften als Mitglieder des Kollegiums fehlt.

Kooperationsstrukturen können noch besser werden

Als weitere Voraussetzung kommt hinzu, dass Inklusion ohne eine verbindliche Zusammenarbeit der Lehrkräfte untereinander sowie mit weiteren Professionen nicht vorstellbar ist. Im schulischen Konsens vereinbarte Kooperationsstrukturen mit festen Zeiten sind dafür unverzichtbar, um aufwendige Terminabsprachen ad hoc auszuschließen. „Hier haben wir noch Luft nach oben“, erklären die beiden Pädagoginnen ohne Umschweife, „manche Abläufe könnten wir sicherlich noch verbessern.“

In einer von Konkurrenz um die besten Leistungen geprägten Schulkultur wären Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf fehl am Platze, weil sie als Schlusslichter unter die Räder kämen.

Durch regelmäßige Rückmeldungen und intensive Gespräche mit den Schülerinnen und Schülern der Inklusionsklasse versichern sich die beiden Pädagoginnen immer wieder, ob sie auf dem richtigen Weg sind. „Die Erfahrungen zeigen, dass sich die Förderschülerinnen und Förderschüler bei uns an der Schule über die Jahre entwickeln können, indem sie eine Fülle von Anregungen erhalten und nicht ausgegrenzt werden. Auch wenn es nicht allen gelingt, außerschulische Kontakte zu knüpfen, gehören sie einfach dazu. Dennoch müssen wir immer wieder prüfen, ob diese Schülerinnen und Schüler auch das notwendige Maß an Betreuung und Zuwendung erhalten. Und regelmäßige Lernerfolge sind für alle unverzichtbar, um mit Freude zu lernen“, versichern Renate Mengel und Karen Beckmann.

In einer von Konkurrenz um die besten Leistungen geprägten Schulkultur wären Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf fehl am Platze, weil sie als Schlusslichter unter die Räder kämen. Inklusion bietet daher allen Schülerinnen und Schülern an der Willy-Brandt-Schule die Chance, ihren eigenen Lernweg zu gehen und Lernerfolge auf der Grundlage ihrer Möglichkeiten zu erzielen, ohne sich dabei durch den Vergleich mit vermeintlich besseren Mitschülerinnen und Mitschülern permanent unter Druck zu setzen. Dank des Engagements der Lehrerinnen und Lehrer an der Willy-Brandt-Schule scheint dies offensichtlich zu gelingen.

Allerdings bleibt insbesondere die Frage offen, wie Inklusion in einem gegliederten Schulsystem gelingen kann, in dem diese Aufgabe höchst unterschiedlich verteilt und wahrgenommen wird. Immerhin ist die Willy-Brandt-Schule vor Ort in Norderstedt nicht die einzige, sondern eine von vielen Schulen, die sich dieser Aufgabe stellt.

Zur Person

  • Werner Klein leitete beim Sekretariat der Kultusministerkonferenz in Berlin die Abteilung Qualitätssicherung, internationale und europäische Angelegenheiten und Statistik.
  • Zuvor arbeitete der Pädagoge im Bildungsministerium Schleswig-Holstein als Leiter des Referats Qualitätsentwicklung an Schulen und im Landesinstitut.
  • Schwerpunkte seiner Arbeit sind systematische Schulentwicklung und Bildungsmonitoring.
    Werner Klein gehört zum Programmteam der Deutschen Schulakademie.