Umweltbewusstsein : Ökologische Bildung für alle

Schülerinnen und Schüler auf der ganzen Welt demonstrieren seit Monaten bei den „Fridays for Future“-Manifestationen für eine nach­haltige Klima­politik. In der Schule ist das Thema „Ökologische Bildung“ trotz der anhaltenden Demonstrationen und dem Schulter­schluss von renommierten Klima­forschern mit den Demonstrierenden vielfach immer noch nicht angekommen. Ökologische Bildung werde wie ein Stief­kind in der Bildungs­politik behandelt, sagt Schulportal-Gast­autor Norbert Pfaff. Er konstatiert: Ein Pakt für ökologische Bildung ist überfällig.

Norbert Pfaff Norbert Pfaff / 08. Juli 2019
Pakt für ökologische Bildung
Weltweit demonstrieren Schülerinnen und Schüler für einen besseren Umgang mit der Natur. Der ehemalige Lehrer Norbert Pfaff ist überzeugt, dass es eines Paktes für mehr ökologische Bildung an Schulen bedürfe.
©dpa

Bislang haben die streikenden Schülerinnen und Schüler nur am Rande Forderungen an die Adresse der Bildungs­politikerinnen und Bildungs­politiker gerichtet, weil diese schnelle Änderungen in der Klima­politik nicht durch­setzen können.

Die Streikenden betreiben die Mobilisierung der Politik, indem sie das Thema Generationen­gerechtig­keit durch eine kalkulierte Regel­verletzung als Basis ihrer Proteste auf die Tages­ordnung gesetzt haben. Freitags beenden die Protestierenden den Unterricht früher, um danach mehrere Schul­stunden lang – und unter Berufung auf einen über­gesetzlichen ökologischen Notstand – für eine konsequente Umsetzung inter­national vereinbarter Klima­ziele und gegen business as usual in Politik und Gesellschaft zu demonstrieren. Dies im Einklang mit grund­legenden Erziehungs­zielen und Verfassungs­artikeln (Art. 2, 5, 8 und 20a GG).

Die oft abwiegelnd gemeinte Forderung von Kritikern, das Thema verstärkt im Unterricht zu behandeln, sollte konstruktiv-kritisch aufgegriffen werden. Dies schon deswegen, weil es nicht zweit­rangig ist, was und wie in den Schulen gelernt wird.

Ökologische Bildung – ein Stief­kind der Bildungs­politik

Ökologische Bildung (offiziell: Bildung für nachhaltige Entwicklung – BNE) steht spätestens seit der „Rio-Erklärung“ von 1992 inter­national und national im Pflicht­katalog von Bildungs­programmen. In der Schul­wirklichkeit sind aber oft nur Schwund­formen davon angekommen. Oder Modell­versuche, die selten in Serie gehen und bisher kaum Breiten­wirkung erzeugen. Wären seit Anfang der 1990er Jahre unsere Schulen zu Schulen des Umwelt- und Klima­schutzes umgebaut worden, unsere „Unfähigkeit zur Zukunfts­bewältigung” (Günther Anders) wäre weniger stark ausgeprägt.

Die gute Nachricht: Es ist gar nicht notwendig, die bildungs­politische Reset-Taste zu drücken. Es reichen ein System­check mit anschließender Revitalisierung von oft nur brach liegenden Ressourcen und der notwendige Ausbau der Ressourcen. Die föderale, regionale und lokale, aber zersplitterte Vielfalt kann – reorganisiert – zur Stärke werden.

Grundlegend für eine erfolgreiche ökologische Bildung sind:

  • ein ökologischer Schulbau, in dem ein ökologischer Alltag praktiziert wird,
  • fächerübergreifendes, handlungs­orientiertes Lernen in Projekten zur Umweltbildung
  • und – last, but not least – eine ausreichende Finanzierung, die eine kontinuierliche, flächen­deckende und qualitativ hoch­wertige Arbeit erst ermöglicht.

Eine ökologische Schule ist im Idealfall aus ökologischen Bau­materialien gebaut. Sie hat einen wabenförmigen Grundriss, gestaltet Klassen­räume offen für selbst­organisiertes Lernen und öffnet sich nach außen zur Gemeinde oder Stadt, beispiels­weise durch Zusammen­arbeit mit der Lokalen Agenda 21 oder Kooperationen mit Hoch­schulen. Sie sucht viel­fältige Natur­erfahrungen, ausgehend etwa vom schul­eigenen Biotop. Sie bietet auch ein ökologisches und regionales Mittag­essen und praktiziert insgesamt einen ökologischen Alltag zur Einübung eines nach­haltigen Lebens­stils. Also etwas, das bereits viele Schulen praktizieren, etwa mit Initiativen zur Mülltrennung, aber oft nicht kontinuierlich und nicht eingebunden in ein Gesamt­konzept. Dabei sollten möglichst viele dieser Elemente umgesetzt sein, da sonst der nicht nach­haltige Alltag die hoch­gesteckten Ziele dementiert.

Das Lernen erfolgt idealerweise nicht im Rahmen eines neuen Faches „Umwelt und Klima“, sondern fächer­über­greifend – etwa zwischen natur- und geistes­wissen­schaftlichen Fächern. Vernetzte Probleme und Risiken können nur durch vernetzende Analysen und die Vernetzung verschiedener Akteure erkannt werden. Die Konzepte dafür sind lange vorhanden, wie bei Frederic Vesters „vernetztem Denken“ oder dem „Syndrom­ansatz“ des Wissen­schaftlichen Beirats der Bundes­regierung  Globale Umwelt­veränderungen (WBGU). Vieles ist nicht neu ist und wird auch längst praktiziert, aber oft in Zeitnischen wie vor den Sommer­ferien, getragen von Idealisten, unkoordiniert und als Ausnahme­fall, da der Lehr­plan ruft, die Stoff­fülle drängt.

Das Beispiel Hessen: Vorzeige­projekte bisher nur für wenige

Zur Förderung für die auch im Hessischen Schulgesetz von 2017 verankerte BNE sind wie in anderen Bundes­ländern verschiedene Gremien, Initiativen und Bildungs­zentren tätig. Darüber hinaus werden Programme, Modell­versuche und Wettbewerbe zur Förderung der BNE durchgeführt.

Ein Beispiel: Im Rahmen des „Schuljahrs der Nachhaltigkeit“ wurde von Januar 2014 bis Februar 2016 ein Projekt an Grund­schulen in sechs Modell­regionen durch­geführt. Die Kosten betrugen 340.000 Euro, unter anderem für Lehrer­fortbildungen und die Durch­führung von Unterrichts­einheiten im Umfang von 18 bis 20 Stunden. Erreicht wurden damit mehr als 1.000 Schülerinnen und Schüler an 22 Grund­schulen. Demgegen­über stehen, laut dem Statistischen Landesamt Hessen, mehr als 200.000 Schülerinnen und Schüler an mehr als 1.100 Grund­schulen in ganz Hessen! Das über­trag­bare Beispiel illustriert, dass das Wünschens­werte das derzeit finanziell Machbare bei Weitem über­steigt.

Verglichen etwa mit der Debatte zur Digitalisierung der Bildung fristet die Bildung für nachhaltige Entwicklung ein Schatten­das­ein. Der Budget­vergleich ergibt für den Digitalpakt eine Milliarde Euro pro Jahr für die kommenden fünf Jahre und damit das Zigfache der Ausgaben für BNE im Jahr 2016.

Laut Bündnis Zukunftsbildung ergeben sich für 2016 insgesamt 39,3 Millionen Euro, wobei hiervon, so das Ergebnis einer Studie, entfallen.

Ökologische Bildung für alle: durch­gerechneter Aktions­plan liegt vor

Das Bündnis Zukunfts­bildung (NGOs von unter anderem BUND über GEW und Greenpeace bis Welt­hunger­hilfe) hat im Frühjahr 2018 einen Acht-Punkte-Maßnahmen­katalog mit Stufen- und Zeit­plan zur Umsetzung einer wirkungs­vollen BNE vorgelegt, einschließlich der Berechnung der jeweils benötigten Finanz­mittel. Etwa für die an jeder Schule einzu­führenden BNE-Koordinatoren, ausgestattet mit sechs Deputat­stunden und verpflichtet zu zwei jährlichen Fortbildungen. Dies addiert sich auf 454 Millionen Euro pro Jahr.

Die erreichte Konkretisierung ist vorbild­haft und ist nur in zwei Punkten zu ergänzen: Es sind keine Mittel für ökologische Schul­bauten beziehungs­weise -umbauten und neue Umwelt­bildungs­stätten vorgesehen sowie für einen Zuschuss für regionale und ökologische Ernährung an Schulen. Außerdem terminiert der Plan die vorgesehene Umsetzung für den Zeit­raum bis 2030. Hier sind Möglichkeiten der Beschleunigung zu suchen, etwa das Vorziehen der auch geforderten „Integration von BNE in und Austausch von Lehr­materialien“.

Die Voraussetzungen für eine schnellere Umsetzung eines solchen Paktes sind auf dem Weg zum Digital­pakt Schule geschaffen worden: Grund­gesetz­änderung, Schaffung eines Finanzierungs­fonds und Festlegung der Arbeits­teilung zwischen Bund, Ländern und Kommunen.

Frau Karliczek, bitte über­nehmen Sie!

Nach dem Digitalpakt ist vor dem Pakt für ökologische Bildung! Das Bundesbildungsministerium sollte als Sofort­maßnahme ein Gremium einsetzen, das die Viel­zahl vorliegender Best-Practice-Beispiele von Unterrichts­konzepten und -materialien sammelt, auswertet, weiter­entwickelt und allen Lehr­kräften unbürokratisch zur Verfügung stellt. Dort mitarbeiten sollten Lehrerinnen und Lehrer, Wissen­schaftlerinnen und Wissen­schaftler verschiedener Disziplinen, aktive im Natur­schutz und andere Vertreterinnen und Vertreter der Zivil­gesellschaft.

Der ökologische Umbau der Schule ist über­fällig – auch als Beispiel für andere gesellschaftliche Bereiche. Er sollte von den Protestierenden gefordert und mit ihnen realisiert werden. Dadurch werden öffentliche Proteste für eine andere Klima­politik nicht über­flüssig. Im Gegen­teil: Sie werden glaub­würdiger und auf mittlere Sicht wirkungs­voller.

Zur Person

  • Norbert Pfaff, 66, hat in Kassel studiert und bis 2018 als Lehrer an zwei Gymnasien in Hessen unterrichtet.
  • Während seiner Lehrertätigkeit hat er nach Möglichkeit besonders die „ökologische Bildung“ gefördert.
  • Der Beitrag ist in abgewandelter und teils erweiterter Form in der Hessischen Lehrerzeitung (Heft 6/2019, S. 30/31) und bei klimareporter erschienen.