Leistungsbewertung : Noten verunsichern Kinder und Eltern

Sabine Czerny ist Grundschullehrerin und fest davon überzeugt, dass Noten den Lernprozess der Kinder stören. In ihrer Kolumne für das Schulportal erklärt sie, warum die vergleichende Leistungsmessung den Erkenntnissen aus der Entwicklungsbiologie widerspricht.

Sabine Czerny Sabine Czerny / 22. Oktober 2018 / 1 Kommentar
ARCHIV - 21.03.2012, Bayern, Burgebrach: Zwei Sch¸lerinnen melden sich im Unterricht in einem Klassenzimmer der Grundschule der Volksschule Burgebrach (Bayern). Das Statistische Bundesamt verˆffentlicht am 13.03.2018 Zahlen zu Sch¸lern an Allgemeinbildenden Schulen. Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Eine bunte Mischung: Die Kinder in der ersten Klasse bringen alle andere Voraussetzungen mit.
©David-Wolfgang Ebener (dpa)

Die ersten Schulwochen sind vergangen, an den zahlreichen Tischen sitzen 27 Erstklässler zwischen fünf und acht Jahren. Clara zum Beispiel ist gestern sieben Jahre alt geworden. Ihre Mutter arbeitet halbtags als Ärztin. Ihr Vater ist ein angesehener Rechtsanwalt in einer gehobenen Kanzlei. Eine Reihe weiter sitzt Jussuf, sechs Jahre alt, aus Syrien. Er kam im vergangenen Jahr zusammen mit seinem Vater und zwei kleineren Geschwistern nach Deutschland. Die Mutter ist nicht dabei – sie wurde in Syrien vor Jussufs Augen erschossen. Neben ihm sitzt Peter, noch keine sechs Jahre alt. Sein Vater ist Polizist, seine Mutter arbeitet als Floristin. Peter ist Einzelkind. Sandra hat den Platz an der Tür, Mutter und Vater sind ohne Ausbildung. Die Familie lebt von „Hartz IV“. Weitere 22 Kinder, alle mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, komplettieren diese bunte Mischung.

Heute steht nun die inzwischen dritte Probe an. Die Schülerinnen und Schüler haben bislang fünf Buchstaben gelernt. Sie sollen sie in Wörtern optisch erkennen und sie korrekt in Zeilen schreiben. In einer weiteren Aufgabe  sollen sie bestimmen, ob und gegebenenfalls wo in einem Wort sie den gesuchten Buchstaben hören. Abschließend  sollen mithilfe der Anlauttabelle unbekannte Wörter unter Verwendung aller Buchstaben verschriftet werden. Für die Unterscheidung von Groß- und Kleinbuchstaben gibt es zusätzliche Punkte.

Ob Smileys oder Wetterzeichen – die Bewertung orientiert sich am Notenschlüssel

Insgesamt sind das also schon sehr anspruchsvolle Aufgaben – aber so soll es ja auch sein. Die Vorgaben für die Erstellung einer Probe geben vor, dass die Anforderungen über das im Unterricht Gelernte hinausgehen sollen. Zudem soll sich die Bewertung schon am Notenschlüssel orientieren: Da gibt es für bis etwa 92 Prozent der vollen Punkte eine Eins, für bis etwa 84 Prozent eine Zwei, für bis etwa 70 Prozent eine Drei und so weiter.

Bei den Kleinen steht zwar noch keine Note auf den Tests, aber oft stehen da schon Punkte oder Smileys, oder eben Wetterzeichen – von Sonne bis Gewitter. Die Eltern müssen unterschreiben, die Probe wird dann im Probenordner abgeheftet. Während der Bearbeitung stehen große weiße Pappwände zwischen den Kindern, damit sie nicht abschauen.

Alle diese so unterschiedlichen Kinder schreiben also zum gleichen Zeitpunkt diese Probe. Ja, kann man machen. Es wird gemacht, es muss sogar gemacht werden – seit Jahrzehnten, in sehr vielen Klassen, in sehr vielen Schulen, oft mehrfach die Woche.

Aber zu welchem Zweck? Diese Kinder sind so unterschiedlich – was erwarten wir als Ergebnis? Genau, es wird eine Verteilung geben, die zudem gänzlich vorausgesagt werden kann. Was haben wir also davon? An sich so gut wie nichts – wir selektieren und bereiten die Verteilung in die weiterführenden Schulen vor. Das war’s aber auch schon. Denn welche individuelle Förderung jedes Kind braucht, weiß eine Lehrkraft auch ohne diese Probe, auch ohne Angst und Druck zu verbreiten. Aber vor allem bräuchten die Kinder Zeit. Nicht Zeit, weil sie zu dumm sind. Sondern Zeit, weil sie in einem Entwicklungsprozess sind.

Kinder gehen unterschiedliche Wege beim Lernen

Der Lese- und Schreiblernprozess beispielsweise ist erst mit Ende der vierten Klasse abgeschlossen – so steht es sogar im Lehrplan. Aber wir bewerten und messen nach etwa drei Schulwochen das erste Mal. Die Kinder bekommen nicht mal die Zeit, einen Prozess abzuschließen, bevor sie bewertet werden. Dabei wissen wir auch, dass Kinder unterschiedliche Wege gehen beim Lernen, die wir von außen gar nicht nachvollziehen können. Es macht einfach keinen Sinn, immer und immer wieder während des Weges bestimmte Kriterien zu testen, um zu vergleichen und zu bewerten – insbesondere wenn einige Kinder durch ihr Alter oder auch bessere häusliche Rahmenbedingungen einen Vorsprung haben.

Aber was passiert dadurch? Wir stören den Lernprozess! Wir stören die innere Ruhe, die Kinder brauchen, um lernen und sich gut entwickeln zu können – die innere Ruhe übrigens auch bei denen, die am besten in diesen Proben abschneiden. Wir verunsichern die Kinder. Wir verunsichern die Eltern. Und sowohl Kinder als auch Eltern glauben, dass die oft zwangsläufig defizitären Ergebnisse tatsächlich eine bedeutende Schwäche und generelles Unvermögen offenbaren. Das ist besonders schlimm.

Wenn Kinder laufen lernen – im Allgemeinen zwischen dem neunten und 18. Lebensmonat –, käme niemand auf die Idee, einem Kind, das gerade zwölf Monate alt geworden ist, eine Gehschwäche zu attestieren.

Wenn Kinder laufen lernen – im Allgemeinen zwischen dem neunten und 18. Lebensmonat –, käme niemand auf die Idee, einem Kind, das gerade zwölf Monate alt geworden ist, eine Gehschwäche zu attestieren. Bei besonderen Auffälligkeiten würden wir uns kümmern und ansonsten in vollem Vertrauen abwarten, wie es sich in den kommenden Monaten entwickelt.

Aber kaum in der Schule angekommen, ist das anders! Wir messen, vergleichen, verurteilen Kinder, die mitten in einem Prozess sind, wir pathologisieren sie oder werten sie gleich ganz ab. Und ja, plötzlich lernen nicht mehr alle Kinder Lesen und Schreiben und Rechnen, sondern scheitern an den einfachsten Aufgabestellungen. Und ja, plötzlich gehen sie auch nicht mehr so gerne in die Schule. Und plötzlich wird alles anstrengend.

Das ist das Problem mit unserer vergleichenden Leistungsmessung bei den Kleinen. Wir stören gerade ihre so wichtigen grundlegenden Lern- und Entwicklungsprozesse, nehmen ihnen die Freude am Lernen und vermitteln zu oft falsche und hemmende negative Überzeugungen über ihre Lern- und Leistungsfähigkeit. Auf diese Weise verhindert unsere Leistungsmessung erfolgreiches Lernen und eine gesunde Entwicklung aller Kinder.

Was wir tun können? Uns mal wieder mit der Entwicklungsbiologie beschäftigen und unsere Schulen und Lehrpläne dementsprechend gestalten. Wahrnehmen, dass wir hier kleine Kinder vor uns haben, die gerade anfangen, die Welt zu entdecken, und keine erwachsenen, bereits ausgebildete Menschen. Wir sollten aufhören, sie zu messen und zu vergleichen, sondern sie individuell unterstützen. Lernen ist an sich leicht und freudvoll! Wir sind es, die es schwer machen.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­schule im Groß­raum München eine zweite Klasse in allen Fächern. Zusätzlich gibt sie Fach­unter­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundesweit Schlag­zeilen: Weil ihre Schüler­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.
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