Abitur : Neue Lernkultur statt Gleichmacherei

Während in der Politik derzeit über eine Vereinheitlichung des Abiturs in den Bundesländern diskutiert wird, plädieren Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher für eine größere Offenheit in der Lernkultur der Oberstufe. Gastautor Stefan Wender schreibt über einen Workshop, in dem verschiedene Modelle einer zeitgemäßen Oberstufe vorgestellt wurden.

Stefan Wender Stefan Wender / 26. Juli 2019
Schülerinnen und Schüler der Oberstufe lernen gemeinsam in einer Bibliothek.
Es wird über das Abitur diskutiert, aber wie steht es um die allgemeine Lernkultur in der Oberstufe? Wie sieht zeitgemäßer Unterricht aus?
©Getty Images

In der „ZEIT“ vom 27. Juni 2019 wird der Bildungsteil mit einem Artikel begonnen, der unter dem Titel „Ist das denn so schwer?“ fragt, warum es (immer noch!) je nach Bundesland unterschiedliche Vorgaben und Regelungen für die Vergabe des Abiturs gibt, wo das Abitur doch als Hochschulzugangsberechtigung eine klare Funktion zu erfüllen habe. Geworben wird für eine Vereinheitlichung und Standardisierung des Abiturs – und damit natürlich auch für den Unterricht und die Prüfungen in den Oberstufen der Republik.

Auch die Kultusministerkonferenz (KMK) will die Entwicklung des Abiturs in diese Richtung: So wurde im Jahr 2015 beschlossen, einen länderübergreifenden Aufgabenpool zu schaffen, damit „nicht Gleichförmigkeit, aber Gleichwertigkeit“ hergestellt werden könne. Der Trend scheint hier klar zu einheitlichen Standards zu gehen – aber ist dies überhaupt sinnvoll?

Auf der Suche nach neuen Gestaltungsmöglichkeiten der Oberstufe

Schon seit einiger Zeit wird unter anderem in den Innovationslaboren der Deutschen Schulakademie nach alternativen Gestaltungsmöglichkeiten für die Oberstufe gesucht: Sei es durch die beiden Projekte „G-Flex – auf dem Weg zum Abitur“ oder dem Labor zur „Neuen Oberstufe“ von Projektleiterin Barbara Stockmeier, aber auch durch Veranstaltungen wie das Forum „Oberstufe neu gestalten – Bildung für die Zukunft“ (2017). Anstatt einer bildungspolitischen Gleichmacherei hinterherzurennen werden in Projekten wie diesen die Flexibilisierung und die freiere Gestaltung von Curricula und Organisationsformen der Oberstufen diskutiert, erprobt und evaluiert.

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft befasst sich mit der variablen Gestaltung der gymnasialen Oberstufe: Je nach individuellem Lerntempo soll die flexible Oberstufe zwei, drei oder vier Jahre dauern. Die Wissenschaft habe sie dabei auf ihrer Seite, so Fachautorin Esther Geißlinger in einem aktuellen Beitrag für das Online-Angebot der Gewerkschaft.

Die Ergebnisse der Pilotprojekte stimmen durchaus positiv: Von zwei Herangehensweisen, wie Oberstufe neu gedacht und organisiert werden kann, war Ende Juni 2019 im Workshop „Neue Lernkultur in der Oberstufe“ im Rahmen des Regionalen Lernforums „Schulentwicklung“ (veranstaltet vom Regionalbüro Heidelberg des Deutschen Schulpreises und der Deutschen Schulakademie in Kooperation mit der Heidelberg School of Education) die Rede. Dieser Workshop soll im Folgenden kurz resümiert werden.

Worauf muss Schule den Nachwuchs vorbereiten?

Lernen und Lernprozesse verändern sich immer schneller. Als Stichworte, die eine immer größere Rolle spielen, seien hier nur genannt: „formelles“ versus „informelles Lernen“, die „Nicht-Linearität von Lernprozessen“ oder auch „Gamification“. Dazu kommt die Digitalisierung: Die Zukunft der Arbeit wird eine andere sein als die heutige, Jobs mit Routinetätigkeiten werden durch Maschinen und Algorithmen ersetzt. Gleichzeitig verbreiten sich immer mehr Berufe, in denen der Umgang mit neuen Situationen und Ungewissheiten vonnöten ist.

Dies ist der Einstieg, den Matthias Förtsch vom Firstwald Gymnasium Mössingen (Gewinner des Deutschen Schulpreis 2010) wählt, um die Notwendigkeit zur Reform althergebrachter Unterrichtsmethoden und -verfahren zu verdeutlichen. Wollen wir aber nun zukünftig nur noch die Dinge lehren, die Computer nicht können – wie es beispielsweise der Executive Chairman Jack Ma des chinesischen Internetunternehmens Alibaba gefordert hat –, uns also im Unterricht auf Kunst, Sport, kritisches Denken etc. fokussieren? Oder führt diese Verengung der Lehrinhalte nicht schlussendlich dazu, die Fachlichkeit, die als notwendige Grundlage für die „4K-Ziele“ (Kreativität, Kritisches Denken, Kollaboration und Kommunikation) benötigt wird, zu vergessen?

Die Neugier der Schülerinnen und Schüler wecken

Am Firstwald Gymnasium wurde vor diesem Hintergrund bei der Schulentwicklung eine multiperspektivische Herangehensweise gewählt: Unter Einbeziehung von Schülerinnen und Schülern, Eltern und dem Lehrerkollegium wurde 2016 ein Konzept erstellt, welches das gemeinsame Verständnis zu Unterricht und dem Ziel von Bildungsprozessen abbildet.

Förtsch stellte hierzu drei Aspekte vor:

  • Wichtig war den Beteiligten, durch die Einbindung externer Partnerinnen und Partner bei den Schülerinnen und Schülern Neugier zu wecken. Dies kann am besten durch Forschendes Lernen erreicht werden, was in Mössingen bereits in der Unter- und Mittelstufe angelegt wird.
  • Zum Zweiten haben die Diskussionen ergeben, dass die (schematische) Methodik des Unterrichts in vier Phasen aufgeteilt wird: Recherche der Schülerinnen und Schüler, Produktion (unterschiedlicher, dem Gegenstand angemessener Werke), Präsentation und schließlich Reflexion der eigenen wie der fremden Präsentationen.
  • Drittens habe man in diesem Prozess ebenfalls die Schüler- und Lehrerrolle neu definiert und bestimmt.

Das Konzept hat seitdem Bestand und wird von allen Akteurinnen und Akteuren der Schulgemeinschaft getragen, unter anderem deswegen, weil es nicht nur in Gremien erdacht, sondern in offenen Runden gemeinsam erarbeitet worden ist. Dieser Prozess war vielleicht chaotischer, als wenn er nur durch Gremien bestimmt gewesen wäre; aber so konnte die Fokussierung auf benötigte Energien gelegt werden, nicht nur auf Zeitbudgets.

Anregungen aus Singapur und Kanada

Anschließend stellte Bildungsforscherin Anne Sliwka (Universität Heidelberg) ihre Forschungsergebnisse zu „Deeper Learning“ vor, die sie vor allem aus dem systematischen Vergleich erfolgreicher Bildungssysteme wie Singapur, Finnland und Kanada gewonnen hat.

Auch sie argumentierte, dass durch sich verändernde Arbeitsprozesse, die durch Digitalisierung noch beschleunigt werden, zukünftig vor allem analytisches Denken und das komplexe Problemlösen in Teams von hoher Bedeutung ist. Gleichzeitig differenzierte sie, dass hier nicht das fachliche Wissen gegenüber den „Schlüsselkompetenzen“ ausgespielt werden darf, da beide Bereiche ihre absolute Bedeutung haben.

Sliwkas Forschung in Australien und Singapur zeigt, dass eine Aufteilung des Unterrichts in die Phasen Instruktion, Ko-Konstruktion und Präsentation sehr Erfolg versprechend ist: Durch dieses sehr selbstbestimmte Lernen der Schülerinnen und Schülern an (oftmals interdisziplinären) Projekten sind die Lernenden sehr motiviert, was auch ein von Sliwka an einem Heidelberger Gymnasium durchgeführtes Pilotprojekt im Bereich Angewandter Biologie zeigt. Die Schülerinnen und Schüler haben hier nicht bloß die angesetzten neun Unterrichtsstunden gearbeitet, sondern auch sehr viel Eigenarbeit in der Freizeit investiert.

Im internationalen Vergleich gibt es natürlich auch interessante, relevante Unterschiede: Während die Schülerinnen und Schüler in Singapur insgesamt weniger Einfluss auf die Projekte und die Verwirklichung eigener Ideen haben, ist dies in Kanada anders: Hier ist das sogenannte „voice & choice“ weit verbreitet, dass also die Schülerinnen und Schüler selbst ihren Unterricht und Prüfungsformen mitgestalten können. Die Umsetzung solcher Unterrichtsgestaltung hängt also auch mit unterschiedlichen (Lehr- und Lern-)Kulturen zusammen.

Wo können Veränderungen ansetzen?

In der abschließenden Diskussion der beiden Beispielprojekte zeigten sich die anwesenden Lehrerinnen und Lehrer angetan von den Ideen, die Sliwka und Förtsch skizzierten. Gleichzeitig betonten sie, dass sie die Hürden für eine Entwicklung in diese Richtung als sehr hoch wahrnehmen: Der bildungspolitische Trend gehe ja, wie oben bereits skizziert, eher zu einer größeren Standardisierung und Zentralisierung als zu einem höheren Maß an Flexibilität.

Auch Sliwka und Förtsch teilten diese Ansicht. Gleichzeitig empfahlen sie, bei gewünschten Veränderungsprozessen an den Schulen auf wissenschaftliche Konzepte oder internationale Vergleichsstudien (wie PISA) Bezug zu nehmen: Singapur ist dort das erfolgreichste Bildungssystem, auch Kanada und Finnland schneiden bei diesen Vergleichsstudien seit Jahren gut ab. Dies sind Argumente, Veränderungen im Rahmen schulentwickelnder Prozesse flexibel zu gestalten und auf die neuen Anforderungen des Lernens für zukünftige Herausforderungen im Arbeitsbereich einzugehen.

Ein Aufbrechen bestehender Kulturen der Unterrichtsgestaltung in der Oberstufe ist demnach ein Ziel, das sowohl aus der Analyse erfolgreicher internationaler Beispiele als auch aus der Schulgemeinschaft selbst verfolgt werden kann.

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