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Neue Lernkultur : Moderne Leistungs­beurteilung braucht keine Noten

Leistung bewerten ohne Noten: Geht das? Ja! Exzellente Schulen beweisen, dass Leistungsbeurteilung auf Zensuren und Notenzeugnis verzichten kann und dabei trotzdem – oder gerade deswegen – transparent, partizipativ und lernförderlich ist. Doch an vielen Schulen fehlt eine moderne Leistungsbeurteilung, die den aktuellen Ansprüchen an Unterricht und Schule gerecht wird. Ein Gastbeitrag von Silvia-Iris Beutel und Thomas Häcker.

Schüler im Unterricht
„Klassenarbeiten und Tests dominieren nach wie vor die Leistungsbeurteilung", stellen Silvia-Iris Beutel und Thomas Häcker fest.
©shutterstock

Die Vorstellungen darüber, was in der Schule gelernt werden soll, haben sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert – sowohl in der Breite, in der Ausdifferenzierung als auch in Bezug auf Kompetenzen. In der Schule der Gegenwart steht der Erwerb kommunikativer, methodischer und sogenannter Selbstkompetenzen im Vordergrund. Schülerinnen und Schüler sollen in der Lage sein, ihr eigenes Lernen zunehmend selbst zu steuern und zu reflektieren. Man spricht von einem „Shift from teaching to learning“ – weg vom Unterrichten hin zum Lernen.

Eine neue Lernkultur braucht einen neuen Umgang mit Leistung

Trotz dieser neuen Vorstellungen und Vorgaben scheint sich der Unterricht allerdings kaum, zumindest aber nicht wesentlich verändert zu haben. Expertinnen und Experten für Leistungsbeurteilung bringen diesen Eindruck unter anderem damit in Verbindung, dass sich am Umgang mit Leistungen in der Schule bislang ebenfalls wenig verändert hat: Klassenarbeiten und Tests dominieren nach wie vor die Leistungsbeurteilung. Sie unterliegen kaum externen Qualitätskontrollen und sind für viele Lehrende die Hauptinformationsquelle über den Lernstand der Schülerinnen und Schüler. Leistungsrückmeldung erhalten die Kinder und Jugendlichen vorwiegend in Form von Ziffernzensuren. Diejenigen, die Noten erteilen, sind auch diejenigen, die unterrichten. Die notwendige Rollenklärung wird selten reflektiert. Ein inhaltlich gehaltvoller Dialog über Leistungen findet kaum statt. Das ist in der Schulpraxis insgesamt nicht nur wenig lernförderlich, sondern auch problematisch, denn eine Verbesserung der Lernkultur ist ohne einen anderen Umgang mit Leistungen in der Schule kaum zu realisieren.

Das lässt sich leicht plausibilisieren: Worauf es in der Schule wirklich ankommt, zeigt sich in der Klassenarbeit. „Testing drives teaching“, sagt man dazu in den USA. Das haben übrigens die Befürworterinnen und Befürworter länderübergreifender Vergleichstests (VERA) mit ihrer Idee, Unterrichtsentwicklung durch externe Testungen anzuregen, gut verstanden. Dass sie damit bislang wenig Erfolg haben, hat vielfältige Gründe. Leistungsbewertungen, so spitzt der Bildungssoziologe Winfried Kronig zu, sind so etwas wie die Epizentren der staatlich organisierten Bildung. Viele der rund um das Bildungssystem diskutierten Probleme haben hier ihren Ursprung.

Seit PISA-Schock: Standardisierung statt Individualisierung

Dabei scheinen die Voraussetzungen für eine Veränderung der Lern- und Leistungskultur an Schulen so schlecht nicht zu sein. Weisen doch Notenverordnungen in den Ländern zum Teil ausdrücklich darauf hin, dass die Ergebnisse der Leistungsermittlung Grundlage für die Förderung der Lernenden, zur Weiterentwicklung der Unterrichtsqualität genutzt und dabei zugleich die Fähigkeit der Schülerinnen und Schüler zur Reflexion von Leistungen und zur Selbsteinschätzung gefördert werden sollen. In der Breite scheint sich dies bislang allerdings nur wenig auf die Formen der Leistungsermittlung und -rückmeldung ausgewirkt zu haben. Selbst die mit dem sogenannten PISA-Schock verbundene Wiederentdeckung der Unterschiedlichkeit der Lernenden hat zwar die „individuelle Förderung“ und den „Umgang mit Vielfalt“ ganz oben auf die pädagogische Agenda gesetzt, in der Folge aber nicht erkennbar zu einer Individualisierung der Leistungsbeurteilung geführt. Mit der Einführung länderübergreifender Vergleichstests wurde vielmehr eine Standardisierung vorangetrieben. Erst die schrittweise Auflösung von Förderschulen für bestimmte Förderschwerpunkte, das Elternwahlrecht, die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen sowie die Beschulung von Geflüchteten scheinen im Zusammenwirken den Individualisierungsdruck in der Schule so erhöht zu haben, dass niveaudifferenzierte und individualisierte Leistungsbeurteilung aktuell zur drängenden Frage mit bildungspolitischem Potenzial wird. Fragen zur Reform der Leistungsbeurteilung gelangen in „inklusiven Zeiten“ wieder vermehrt auf die Tagesordnungen.

Transparente Leistungsbeurteilung ist auch ohne Noten möglich

Bundesweit haben sich viele einzelne Schulen, allen voran Grundschulen, zum Teil schon vor langer Zeit auf den Weg gemacht und Erfahrungen mit erweiterten und veränderten Formen der Leistungserbringung und -rückmeldung mit und ohne Ziffernnoten gesammelt. Die Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises und andere exzellente Schulen zeigen, dass Leistungsermittlung und Leistungsbeurteilung transparent, lernförderlich und partizipativ gestaltet werden können. Dabei wird eine Reihe wichtiger Fragen sichtbar: Was hat diese Schulen dazu geführt, einen anderen Umgang mit Leistungen zu suchen? Wie hängen aus Sicht solcher Schulen Unterricht und Leistungsbeurteilung zusammen? Welche Faktoren waren für die Weiterentwicklung der Lern- und Leistungskultur förderlich oder hinderlich? Vor welche Herausforderungen stellen der gleichzeitige Individualisierungs- und Standardisierungsdruck die Schulen in ihrer praktischen Arbeit?

Antworten auf die drängenden Fragen liefern Konzepte, die Teilhabe, Partizipation, Bildungserfolg und nicht zuletzt Abschlüsse zu sichern helfen. Vor allem durch den Anspruch der inklusiven Schule, jedem einzelnen Kind und jedem einzelnen Jugendlichen gerecht zu werden, sowie durch die damit verbundene Orientierung an Kinderrechten rückt der Bedarf an solchen Konzepten verstärkt in den Mittelpunkt. Lehrkräfte können mit einer veränderten Praxis individualisierenden und differenzierenden Lehrens und Lernens sowie einer darauf zugeschnittenen Lernbegleitung und Leistungsbeurteilung die Chance nutzen, ihren Unterricht im Dialog mit ihren Schülerinnen und Schülern zu gestalten und Instrumente zur Feedback-, Rückmelde- und Prüfungskultur zu entwickeln. Um diese Prozesse der Professionalisierung anstoßen zu können, hat die Deutsche Schulakademie die „Pädagogischen Werkstätten“ ins Leben gerufen. Das Fortbildungsprogramm verfolgt das Ziel, Schule und Unterricht gleichermaßen zu entwickeln und voranzutreiben.

Mehr zum Thema

  • Das aktuelle Forum der Deutschen Schulakademie – „Lernen. Leistung. Noten?“ – stellt in Kooperation mit Silvia-Iris Beutel und Thomas Häcker neue Ansätze der Leistungsbeurteilung für die schulische Praxis vor.
  • Im Fokus stehen exemplarische Initiativen der vergangenen Jahre, die innovative Ideen bei der Leistungsermittlung und Leistungsbeurteilung verfolgen.
  • Ziel des Forums ist es, miteinander passgenaue Instrumente und Verfahren zur Lernbegleitung und Leistungsbeurteilung zu entwickeln.

Es bleibt festzuhalten: Leistungsrückmeldung und künftige Lernplanung müssen zusammen gedacht werden und die Förderung des Lernens der verschiedenen Schülerinnen und Schüler ebenso unterstützen, wie sie die Lernenden selbst einbeziehen sollten. Nur dann können die Kinder und Jugendlichen für das, was sie in der Schule tun und lernen, auch Verantwortung übernehmen. Die Zeiten der „schlechten Noten“ als Sanktion sind endgültig vorbei! Heute geht es um Anerkennung und Mitbestimmung, wenn wir Leistungen beurteilen, Lernberichte verfassen – und auch dann, wenn wir Zensuren in der Schule erteilen müssen.

Zeugnisse und Noten bestimmen die Zukunftschancen in Deutschland und Europa

Für die moderne Schule, die auf effizientes Lernen und auf am Ende der Schullaufbahn anwendbare Kompetenzen bei den Schülerinnen und Schülern zielt – und die dies auch noch im internationalen Vergleich belegen muss –, geht es dabei nicht um eine Nebensache, sondern um ein zentrales Element professionellen Lehrerhandelns mit weitreichenden Folgen. Denn Zeugnisse, Noten und Leistungsbeurteilung geben im Idealfall nicht nur eine anerkennende und lernförderliche Rückmeldung an die Kinder und Jugendlichen in der Schule, sondern bestimmen deren beruflichen Lebensweg und ihre Zukunftschancen in Deutschland und mehr denn je – auch in Europa. Es geht also weniger um die Frage, ob Lehrerinnen und Lehrer ihren Beruf gut ausüben, sondern mehr um einen besonderen Aspekt der gegenwärtigen Bildungspolitik.

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7 Kommentare

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#7 – 10.08.2020 Viola J.

Schüler brauchen messbare Leistungsergebnisse, aber keine Bewertung dieser

Ich kann in diesem Notensystem als Lehrerin aktuell nicht arbeiten, weil ich selbst mit der psychischen Belastung der Notengabe zur Zeit noch nicht wieder zurecht komme. Für mich ist jeder Schüler in seiner Individualität gut. Es belastet mich sehr, anders zu bewerten. Es könnte für jede Kompetenz ein Leistungsniveau festgelegt werden. Im Zeugnis erscheinen die erreichten Kompetenzen als Nummern. Texte zu den Nummern, können zentral nachgelesen werden, oder als generiertes Textdokument zusätzlich ausgedruckt werden. Im Zeugnis steht z. B. in Mathematik Algebra: 1,3,4,7 Geometrie: 1,4 ... Sozialverhalten sollte extra sein: Arbeitsweisen im Team: 1,3,5 ... Selbstorganisation: 2,4... etc. Jedem Schüler kann ich sagen, was er geschafft hat und ihn unterstützen, was er noch schaffen möchte. Jedes Jahr könnten fehlende Nummern ergänzt geprüft und dem Zeugnis hinzugefügt werden. Der Wunschberuf und der Schüler entscheidet über die Kompetenzwahl. Das wäre mein Traum Ich bin gerne Lehrerin
#6 – 08.06.2019 Max B.

Schueler brauchen Noten

Aus Erfahrung mit verschiedenen Schuelern auf Schulen ohne Noten, weiss ich, dass sie ohne diese orientierunslos sind. Die Frage ist, an was gemessen wird. Gibt es einheitliche Standards, die Schueler erreichen muessen/koennen? Oder, wird jeder Schueler nach seinen individuellen Eigenschaften gemessen? Sollte das Zweite der Fall sein, wird jeder darunter leiden, da ein guter Schueler mit mehr Verstaendniss gleich dem bewertet wird, der weniger Verstaendniss hat aber nach seinen Moeglichkeiten arbeitete. Einheitliche Standards und Noten tragen zum Erfolg bei, auch wenn bei der Vergabe einiges verbessert werden kann.
#5 – 28.10.2018 Gerhard H.

Was soll an einer Beurteilung schlecht sein

Erziehung beginnt weit vor der Schule und findet in der Regel durch eine andauernde Rückkopplung zwischen Kind und erziehendem Elternteil statt. Was erfolgt denn in dem Gedächtnis eis Kindes, wenn diese Signale: richtig-falsch, gut-böse, Lob-Tadel, ja-nein dauerhaft ausbleiben? Es wird völlig orientierungslos, weil falsche Ergebnisse zugelassen und abgespeichert werden. Kinder verlangen regelrecht nach Orientierung, nach Richtig und Falsch, nach Lob und Tadel. Natürlich ist Lob und Gunst das höchste Ziel, aber ohne das Richtig und Falsch entsteht nur Chaos. Über allem steht natürlich das Gebot der Gerechtigkeit! Ich kann auch nicht verstehen, wie man Naturwissenschaften unterrichten will ohne die Richtigkeit eines Ergebnisses zu bewerten, bzw. zu erklären. Wer will den in einem Konzertsaal sitzen, wenn dem Dirigenten alle Töne aus dem Orchester gleichgültig sind und Tempi keine Rolle mehr spielen. Wer nicht frühzeitig lernt Korrekturen und Bewertungen zu ertragen, wird lebensuntüchtig
#4 – 05.07.2018 Danny D.
In dem Artikel von Beutel & Häcker werden nicht nur persistierende Missstände in Bezug auf Leistungsbeurteilung und Bildungspolitik aufgegriffen, sondern auch Gelingensbedingungen und mögliche Perspektiven für Schulen benannt, welche -lernförderliche- Leistungsbeurteilung anstreben. In Zeiten zunehmender Heterogenität sind individualisierte Beurteilungsformen und motivierende Rückmeldungen für Schülerinnen und Schüler unabdingbar - und im Rahmen des Beitrags wird besonders deutlich, dass eine solche Feedbackkultur die Lernenden aktiv einbinden und Partizipation ermöglichen muss.
#3 – 28.06.2018 Isabel T.

Leistungsbeurteilung zwischen Individualisierung und Standardisierung

Der Artikel von Beutel & Häcker weist eine Sensibilität für die gegenwärtige Spannung von Individualisierung und Standardisierung in der Schule am spezifischen Konfliktherd der Leistungs- und Leistungsbeurteilungspraxis auf. Dass Noten individuelle Leistungen in den Schatten stellen und stattdessen eine konstruierte Selektionspraxis darstellen, stellt der Artikel pointiert heraus. Inwiefern diese gängige Praxis objektiv Zukunftschancen zeigt, ist fraglich - vielmehr stehen eine ausgewiesene Feedback- und Lernkultur im Fokus einer am Schüler orientierten Konzeption.
#2 – 25.06.2018 Wibke K.

Visionärer und am Kindeswohl orientierter Blick auf gängige Beurteilungspraxis

Besonders die Verknüpfung von der Praxis der Leistungsbewertung und –beurteilung mit den drängenden bildungspolitischen Herausforderungen gelingen Beutel & Häcker in diesem Beitrag in außerordentlich stichhaltiger und präziser Form. Der Beitrag fungiert regelrecht als "Teaser" für das bevorstehende bundesweite Forum, in welchem die hier angezeigten Veränderungsnotwendigkeiten sicherlich diskursiv aufgegriffen werden.
#1 – 25.06.2018 Christiane R.
Beutel und Häcker klären nachdrücklich den inneren Zusammenhang von Lernen und Leistung. Eine individualisierte Lernbegleitung und Leistungsbeurteilung als zentrales Element professionellen Lehrerhandelns und als bedeutsamer Aspekt aktueller Bildungspolitik sollte vorrangige Aufgabe einer inklusionsorientierten Schul- und Unterrichtsentwicklung sein.