Michael Schratz : „Wir schaffen es“ statt „Es geht nicht, weil …“

Phrasen wie „Es geht nicht, weil …“ ersticken jede Initiative schon im Keim, beklagt Michael Schratz. Er ist Sprecher der Jury des Deutschen Schulpreises und weiß, dass es eben doch geht: Die Preisträgerschulen leisten Hervorragendes – unter den gleichen Bedingungen wie andere Schulen. Wie Veränderung eben doch gelingen kann, erklärt Michael Schratz in seiner Kolumne für Das Deutsche Schulportal.

Michael Schratz Michael Schratz / 19. April 2018
Preisträgerschulen wie die Jenaplan-Schule in Jena beweisen, dass Veränderungen gelingen können.
Preisträgerschulen wie die Jenaplan-Schule in Jena beweisen, dass Veränderungen gelingen können.
©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)

„Es geht nicht, weil …“ Diesen Ansatz haben Sie sicher schon öfter gehört. Damit beginnen Begründungen, die signalisieren sollen, dass Veränderungen nicht gewünscht sind. Dabei steht gar nicht zur Debatte, ob etwas überhaupt möglich sein sollte. Vielmehr kennzeichnet solch ein Satz eine besonders im deutschsprachigen Kulturkreis häufig vertretene Einstellung gegenüber Ansinnen auf Veränderung. Sätze wie diese werden auch als „Killerphrasen“ bezeichnet, da sie jede Initiative, jedes zaghafte Entstehen von Neuem bereits im Keim zu ersticken vermögen. Viele gute Ideen und Initiativen haben deshalb gar nicht erst das Licht der Welt erblickt!

Forschergeist wird eingebremst und Fehlermachen nicht als notwendige Möglichkeit erkannt, etwas Neues auszuprobieren.
Michael Schratz, Sprecher der Jury des Deutschen Schulpreises

Dieses „Es geht nicht, weil …“ hat mich in meiner Berufsbiografie zeitlebens begleitet – nicht nur im Bildungsbereich, sondern auch in unterschiedlichen Situationen und Institutionen gesellschaftlichen Lebens. Diese vier Worte scheinen insgesamt typisch für eine Kultur, die innovationsträge oder zumindest skeptisch gegenüber Neuem ist. Für mich als Wissenschaftler ist die Offenheit gegenüber Neuem eine berufliche Grundhaltung, denn Forschung ohne Streben nach Unbekanntem ist nicht denkbar. Und eine forschende Grundhaltung wäre gerade auch für Schülerinnen und Schüler eine wichtige Lebenskompetenz, welche die Schule vermitteln sollte!

Wer Neugier und Offenheit abwehrt, bremst die Kreativität

Mit dem „Es geht nicht, weil …“ ist eine Haltung verbunden, die dieses Streben nach Neuem, diese Neugier und die damit verbundene Offenheit abwehrt, nicht zulässt und das Bewährte und sozial Approbierte zur Richtschnur für „richtiges“ Handeln macht. In der Schule führt das oftmals dazu, dass die Schülerinnen und Schüler wenig Möglichkeit erhalten, ihre eigene Kreativität und selbstständige Ideen zu entwickeln, da sie dem „So geht es!“-Weg folgen müssen, um ihre Qualifikationen und Abschlüsse zu erreichen. Abweichungen werden negativ geahndet und in der Leistungsbeurteilung entsprechend sanktioniert. Forschergeist wird somit eingebremst und Fehlermachen nicht als notwendige Möglichkeit erkannt, etwas Neues auszuprobieren.

Es geht auch anders. Die Frage ist nur: Wie!? In US-amerikanischen Grundschulen zum Beispiel soll jedes Kind mindestens einmal täglich stolz auf etwas sein, das es erreicht hat! Das kann auch etwas sein, das eben nicht funktioniert oder sich nicht lösen lässt. Denn nicht nur das erfolgreiche Lösen von Aufgaben kann stolz machen, sondern auch die Erfahrung, an kreativen Ideen zu scheitern – denn immerhin war sie ja da, diese Idee!

Jeden Schultag der Woche sollen die Kinder formulieren, worauf sie stolz sind: Das fördert die Selbstwirksamkeitserfahrung Einzelner und einer ganzen Gesellschaft. Im Gegensatz dazu erhalten die Kinder bei uns Rückmeldungen im Unterricht eher darüber, was sie nicht können, und werden dabei vielfach beschämt. Dahinter verbirgt sich eine Defizitorientierung, die volkswirtschaftliche Auswirkungen haben kann, denn die gesellschaftlich vorhandenen Potenziale werden nicht oder zu wenig genutzt.

Warum Veränderung eben doch möglich ist

Seit Jahren wird viel und lange davon geredet und gefordert, dass unser Schulsystem innovative Ideen und Impulse benötigt, um erfolgreich zu sein. Doch stellt sich dabei die Frage, wie das gehen soll, wenn „es nicht gehen kann, weil …“ Innovative Ideen, Konzepte und erprobte Modelle gibt es genügend, aber leider immer auch genügend Argumente, warum sie nicht umgesetzt werden können, weil … (die Politik, die Lehrpläne, die mangelnden Ressourcen, die nicht ausreichende Lehrerausbildung, die zwingende Vorbereitung auf Vergleichstests, zu viele Kinder ohne deutsche Sprachkenntnisse und vieles andere) dies angeblich nicht ermöglichen.

Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern.
Ernst Bloch, deutscher Philosoph (1885–1977)

Dabei gibt es auch in unserem Schulsystem Beispiele für das „Es geht doch …“. Was sich an den Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises nachweisen lässt: Bundesweit leisten diese jeweils Hervorragendes – und das unter den gleichen Bedingungen wie andere Schulen und mit Lehrkräften derselben Ausbildung sowie ohne zusätzlichen Ressourcen! Sie verfügen über innovative Konzepte und reagieren auf die jeweiligen Umfeldbedingungen so, dass die Schülerinnen und Schüler über sich selbst hinauswachsen und exzellente Leistungen erbringen. Was machen diese Schulen anders?

Sie haben das „Es geht nicht, weil …“ überwunden zugunsten eines „Wir schaffen es, weil …“. Erfolgreiche Schulen lassen sich allerdings nicht einfach kopieren. Die Sehnsucht nach Erfolg, nach dem Überwinden von Hürden und Herausforderungen, die Haltung, für alle Schülerinnen und Schüler, die an diesen Schulen prägende Jahre erleben, die bestmögliche Schule sein zu wollen, muss im jeweiligen Kontext von Schule von allen Akteuren gelebt werden. Innovative Konzepte lassen sich nicht einfach „verpflanzen“ – sie benötigen das gemeinsame Bemühen aller, dass daraus eine grundlegende Haltungsänderung erwächst, nämlich von der Defizit- zur Ressourcenorientierung. Das heißt: nicht auf das schauen, was „nicht“ geht – oder Kinder und Jugendliche im Unterricht „nicht“ können. Sondern: Möglichkeitsräume eröffnen und bei den Stärken und Fähigkeiten, aber auch bei den sehr persönlichen Bedürfnissen aller an der jeweiligen Schule Beteiligten – Lernenden wie Lehrenden – ansetzen.

Die gesetzten Interventionen sind daher lösungs- und nicht problemorientiert. Mit Ernst Bloch könnte man zusammenfassen: „Man muss ins Gelingen verliebt sein, nicht ins Scheitern!“

Zur Person

  • Der österreichische Erziehungswissenschaftler und Schulpädagoge Michael Schratz ist Gründungsdekan der School of Education der Universität Innsbruck.
  • In seiner Arbeit fokussiert sich Michael Schratz auf die Schulentwicklung und die Professionalisierung von Führungspersonen im Bildungsbereich.
  • Als hochkarätiger Experte aus der Wissenschaft ist er Mitglied der Jury des Deutschen Schulpreises und zugleich deren Sprecher.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Michael Schratz regelmäßig eine Kolumne und beobachtet dafür internationale Entwicklungen im Bildungssektor.
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