Marode Schulen in Berlin : Dreck ist nicht gleich Dreck

Schulportal-Kolumnistin Sandra Garbers gehört nicht zu den Müttern, die ihre Kinder nach jedem Spielplatzbesuch von Kopf bis Fuß desinfizieren. Im Gegenteil: Dreck ist super. Nur bitte nicht im Klassenzimmer. Mit einer „düsteren, ranzigen“ Schulumgebung will sie sich nicht abfinden – und schickt ihre Kinder deshalb lieber auf eine andere Schule.

Sandra Garbers Sandra Garbers / 12. September 2018
Zwei Kinder mit schmutziger Kleidung und schmutzigen Händen
Kolumnistin Sandra Garbers ist überzeugt: Kinder sollten nicht keimfrei aufwachsen. Dreck ist gut - aber bitte nicht im Klassenzimmer!
©Getty Images

Kind Nummer zwei wird nun also auch erwachsen. Vor ein paar Tagen hat unser Fünfjähriger beim Frühstück seinen ersten Zahn verloren, am gleichen Tag kam die Benachrichtigung der Einzugsschule. Mit vielen Fragen, die zu beantworten sind und einem Notfallbogen. Zum Glück haben wir das alles schon einmal durch, sonst würde es mich nervös machen, dass man zur Einschulung als erstes einen Notfallbogen ausfüllen muss. Ab jetzt wird es also gefährlich.

Die größte Gefahr, könnte ich mir vorstellen, geht von der Schule aus, der er zugeteilt wurde. Sie ist ziemlich weit weg und nur deshalb UNSERE Schule, weil sie so unglaublich riesig ist. Sie ist so riesig, dass es mich nicht wundern würde, wenn sie neben Berlin noch für den äußersten Osten Hamburgs zuständig wäre. Ich glaube, an der riesigen Schule sind alle so sehr damit beschäftigt, durch die Gänge zu laufen, Klassen- oder Lehrerzimmer zu suchen, manche finden bestimmt seit Jahren den Ausgang nicht, so dass sie dort noch gar nicht mitbekommen haben, das JÜL und Schreiben nach Gehör eigentlich schon längst wieder out sind.

Dreck ist toll. Dreck macht Spaß.
Sandra Garbers, Schulportal-Kolumnistin

So ähnlich, nur sehr viel diplomatischer hatte ich vor knapp vier Jahren begründet, dass meine Tochter leider nicht so geeignet ist für die Schule und wir deshalb bedauerlicherweise eine andere Schule bevorzugen würden. Die Wahrheit ist, dass ich schon vor Betreten der riesigen Schule zu meinem Mann gesagt hatte: „Nur über meine Leiche…“ Oder wie meine Freundin Katharina es ausdrücken würde: „Ich ziehe dem Kind doch nicht jahrelang Wolle-Seide-Bodys aus artgerechter Schaf- und Raupenhaltung an, um es dann sechs Stunden täglich in so einem Loch abzuliefern.“

Dreck und Verfall an Berliner Grundschulen

Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben, weil im Mädchenklo von 14 Toiletten immerhin noch drei über eine Klobrille verfügten. Und die Generationen toter Spinnen zwischen den Doppelfenstern, teilweise zu Staub zerfallen, waren bestimmt nur ein Experiment der Bio-AG. Aber wenn man mal davon ausgeht, dass an einem Tag der offenen Tür nicht extra Schülergruppen dazu abkommandiert wurden, in jeder Ecke ein bisschen Dreck und alte Taschentücher zu verteilen, gab es doch noch deutlich Luft nach oben.

Bevor Schulen für uns ein Thema wurden, hätte ich es nicht für möglich gehalten, unter welchen Bedingungen, in welch teils düsteren, ranzigen Umgebungen unsere Kinder täglich mehrere Stunden lernen müssen. Und ich rede nicht von einer eventuell fehlenden Ausstattung mit Whiteboards oder Computern aus diesem Jahrhundert. Ich rede auch nicht vom Lehrermangel. In Berlin kann ja neuerdings theoretisch jeder unterrichten. Hauptsache, er oder sie erklärt sich überhaupt dazu bereit. Ich rede von Dreck und Verfall. Ich rede von der Basis.

Was macht eine vernachlässigte Lernumgebung mit Kindern und Lehrkräften?

Ich glaube nicht, dass Kinder keimfrei aufwachsen sollten. Dreck ist toll. Dreck macht Spaß. Gartendreck, Spielplatzdreck, Bauernhof- oder Walddreck. Schulklassendreck gehört nicht dazu. Und ich frage mich, was das eigentlich mit den Kindern macht. Wie ist es, wenn man als Sechs- oder Siebenjähriger in so einer Umgebung zu hören bekommt, dass man sauberer schreiben soll? Keinen Kakao auf die Matheaufgaben kleckern, die Schulbücher nicht knicken und bekritzeln soll und die Tische nicht bemalen. Wieso, weshalb, warum eigentlich? Dreck befördert noch mehr Dreck, besagt die Broken-Windows-Theorie, das Prinzip der eingeschlagenen Scheibe. Also wie ist es, wenn die Umgebung zu sagen scheint: „Is doch egal! Mach Eselsecken rein, dann passt es wunderbar zu dem alten, fleckigen Sofa im Hort!“ Und was macht das ganze eigentlich mit den Lehrerinnen und Lehrern, die ja noch viel mehr Jahre in so einer Umgebung verbringen müssen?

So kommt der Jüngste in die Wunsch-Grundschule

Jetzt hoffen wir, dass auch der Kleine auf die wundervolle Wunschschule der Schwester kommt. In den letzten Ferien wurden die Toiletten saniert, obwohl es nach Berliner Standard eigentlich noch gar nicht nötig gewesen wäre. Neue Reckstangen stehen auch auf dem Hof. Es gibt Frontalunterricht und jede Woche ein Diktat. Das ist zwar auch total out, aber das wissen die Kinder zum Glück nicht. Und so lange die Tochter etwas lernt und jeden Tag weiterhin begeistert ruft: „Hat total Spaß gemacht heute“, ist alles gut.

Wie bekommen wir ihren Bruder da rauf? Vielleicht schreibe ich in meiner Begründung für die Ablehnung irgendwas mit schwerer Stauballergie.

Zur Person

  • Sandra Garbers ist freie Autorin und lebt mit Mann, zwei Kindern, Hund und Katze in Berlin.
  • Ihre Tochter geht in die dritte Klasse, ihr Sohn noch in den Kindergarten.
  • Für die Tageszeitungen „Berliner Morgenpost“ und „Hamburger Abendblatt“ schrieb sie die Kolumne „Mamas & Papas“.
  • Nun blickt sie für Das Deutsche Schulportal aus Elternperspektive auf den Schulalltag.
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