Lesson Study : Unterrichtsentwicklung auf Japanisch

Mit der Lesson Study zieht derzeit eine alte japanische Kulturtechnik weltweit in die Unterrichtsentwicklung ein: Während eine Lehrperson eine gemeinsam geplante Unterrichtsstunde hält, beobachten andere Lehrkräfte, wie diese bei den einzelnen Kindern ankommt. Anschließend wird nachjustiert und die Wirksamkeit des Unterrichts verbessert. Die Bildungsforscherinnen Anne Sliwka und Britta Klopsch erklären in ihrem Gastbeitrag für das Schulportal, wie die Methode genau funktioniert und warum sie auch in der deutschen Schulpraxis häufiger eingesetzt werden sollte.

Japanische Kinder im Klassenzimmer
Motivation, Aufmerksamkeit oder Verstehensprozesse der Schülerinnen und Schüler stehen im Fokus der Unterrichtsbeobachtungen während einer Lesson Study in Japan.
©Getty Images

Lesson Study, auch „Jugyou Kenkyuu“ genannt, kommt ursprünglich aus Japan und wird dort bereits seit den 1870er-Jahren zur professionellen Unterrichtsentwicklung und zur Personalentwicklung von Lehrkräften eingesetzt. Die Lesson Study kann als Prozess beschrieben werden, der stets von einer gemeinsamen Fragestellung mehrerer Lehrkräfte ausgeht. Diese Forschungsfrage fokussiert immer auf das Schülerlernen und ist in der Regel so gewählt, dass sie allen Mitgliedern eines Lesson Study-Teams interessant und relevant erscheint. Meist steht diese Forschungsfrage in Zusammenhang mit den Entwicklungszielen einer Schule und dem nationalen Bildungsauftrag. Derzeit gibt es in Japan beispielweise eine nationale Strategie zur Verbesserung der mündlichen Sprachkompetenz japanischer Schüler beim Sprechen der englischen Sprache, sodass einige Schulen Lesson Study nutzen, um Antworten auf die Frage zu finden, wie sich der Englischunterricht in dieser Hinsicht verbessern lässt. Ist eine gemeinsame Fragestellung identifiziert worden, ziehen die Lehrkräfte im Vorbereitungsteam das Curriculum, die Schulbücher, andere Materialien und wissenschaftliche Erkenntnisse heran, um gemeinsam eine passende Unterrichtsstunde zu planen und einen Lesson Plan sowie Unterrichtsmaterialien vorzubereiten.

Eine Lehrperson unterrichtet, und die anderen Lehrkräfte beobachten dabei die Kinder

Eine Lehrperson aus dem Team erklärt sich bereit, die Unterrichtsstunde zu halten, die dann von den anderen beobachtet wird. Aus deutscher Perspektive beeindruckt hierbei, dass japanische Lehrkräfte sich offenbar bereitwillig im Unterricht beobachten lassen. Es ist wichtig zu verstehen, dass der Fokus der japanischen Lesson Study nicht auf der Lehrkraft liegt, sondern dass es vielmehr ganz um das Lernen der Schülerinnen und Schüler geht. So wird zum einen die gesamte Klasse in ihrem Lernprozess beobachtet, zum anderen liegt das Augenmerk aber auch auf der gezielten Beobachtung bestimmter, zuvor ausgewählter Schülerinnen und Schüler.

Aus deutscher Perspektive beeindruckt hierbei, dass japanische Lehrkräfte sich offenbar bereitwillig im Unterricht beobachten lassen.

Ziel ist es, die in der Klasse ablaufenden Lernprozesse  zu rekonstruieren. Konkret bedeutet dies, dass die zuschauenden Lehrkräfte neben dem Lesson Plan auch einen Sitzplan bekommen, in dem sich Informationen über die Lernenden finden. So kann beispielweise bei einer Lesson Study, die auf die Verbesserung von Kommunikationskompetenz in der englischen Sprache ausgerichtet ist, über einen Schüler die Information vermerkt sein, dass er eher schüchtern ist und sich daher ungern aktiv am Unterricht beteiligt. Während also alle anwesenden Lehrkräfte die gesamte Klasse beobachten, kann es sein, dass eine Lehrperson diesen einen Schüler ganz genau in den Blick nimmt, um besser zu verstehen, wie sein Lernprozess in diesem Unterricht aussieht. Der Mehrwert von Lesson Study: Die unterrichtende Lehrkraft selbst wäre überfordert, neben dem eigenen Unterrichtshandeln gleichzeitig noch intensiv einzelne Lernende zu beobachten, daher übernehmen diese Rolle die Kolleginnen und Kollegen.

Beobachtet werden die Verstehensprozesse, die Motivation oder die Aufmerksamkeit der Lernenden

Im Anschluss an die Stunde wird diese gemeinsam ausgewertet. Die Lehrkräfte haben sich auf dem Lesson Plan und dem Sitzplan, die sie auf einem Klemmbrett im Unterricht dabei hatten, Beobachtungen notiert. Diese stellen sie sich nun gegenseitig vor. Detailgenau wird darüber gesprochen, inwieweit die erwünschten Lernprozesse bei den Schülerinnen und Schülern der Klasse angestoßen werden konnten.

Detailgenau wird darüber gesprochen, inwieweit die erwünschten Lernprozesse bei den Schülerinnen und Schülern der Klasse angestoßen werden konnten.

Beobachtungen zu Verstehensprozessen, Interesse, Motivation und Aufmerksamkeit, zu Lernbarrieren und Störungen dienen jetzt als Informationsquelle zur Bearbeitung der gemeinsamen Fragestellung der Lehrkräfte – und in einem zweiten Schritt als Folie für die Frage, wie der Unterricht verbessert werden kann, um das Schülerlernen noch besser zu unterstützen. All diese Beobachtungen und Erkenntnisse werden dokumentiert und fließen in einem Lesson Study-Zyklus in die Überarbeitung der Stunde ein, die dann zukünftig von einer anderen Lehrkraft gehalten werden kann.

Durch Lesson Study lässt sich die Wirksamkeit des Unterrichts einschätzen

Der Mehrwert der Lesson Study im Vergleich zur kollegialen Unterrichtsplanung oder der Hospitation von Unterrichtsstunden liegt in der intensiven Beobachtung von Lernenden und der daraus abgeleiteten Einschätzung zur Wirksamkeit von Unterricht. Durch die gemeinsame Planung kennen die Beobachtenden die Unterrichtsschritte im Detail und können sich in der Beobachtung ganz auf die Schülerinnen und Schüler konzentrieren. Vor allem dient die Lesson Study durch die intensive Zusammenarbeit der Lehrkräfte in allen Phasen des Prozesses – vom Finden der Fragestellung über die Auseinandersetzung mit dem Thema und der Planung der Stunde bis hin zur gemeinsamen Reflexion – der professionellen Weiterentwicklung der Lehrkräfte. Dieses professionelle Lernen von Lehrkräften entspringt hauptsächlich der ko-konstruktiven Arbeitsweise, das heißt: dem strukturierten Austausch von Erfahrungs- und Handlungswissen. Auf der Basis der Beobachtungsdaten kann gemeinsam nachvollzogen werden, wann und wie Lernen in der konkreten Unterrichtssituation stattgefunden hat, gespiegelt an wissenschaftlichen Erkenntnissen und am Bildungsplan.

Manchmal sitzen bei der Lesson Study mehr als 20 Lehrkräfte mit im Klassenzimmer

In Japan hat sich Lesson Study mittlerweile zu einer im Lehrerberuf fest verankerten Kulturtechnik entwickelt. Sie wird an einzelnen Schulen zur Lehrerfortbildung eingesetzt und dient auch als zentrales Gestaltungselement ganzer Fortbildungstage. So machen zum Beispiel Schulen in der Provinz Nagoya typischerweise drei Lesson Studies im Schuljahr. Der von einer kleinen Gruppe an Fachlehrkräften geplante Unterricht wird dabei in der letzten Schulstunde des Tages in einer Klasse gehalten und oft von einem Großteil der Lehrkräfte (auch aus anderen Fächern) – manchmal mehr als 20 Personen – beobachtet und anschließend 90 Minuten lang ausgewertet. Um eine größere Anzahl von Lehrkräften weiterzubilden, organisieren die Universität und die Pädagogische Hochschule in Kyoto gemeinsam ganze Fortbildungstage, die nach dem Prinzip der Lesson Study organisiert sind. So wurden dort zum Beispiel im Frühjahr 2018 über 500 Englisch-Lehrkräfte weitergebildet, indem sie an einem Tag die Möglichkeit hatten, gleich mehrere nach dem Prinzip der Lesson Study vorbereitete Unterrichtsstunden an Partnerschulen der beiden Hochschulen zu beobachten. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen anderer Schulen konnten sie dann vor dem Hintergrund der gemeinsamen Fragestellung, die den Tag rahmte, die Unterrichtsstunde auswerten.

Von Shanghai bis Großbritannien – die Lesson Study wird derzeit weltweit adaptiert

Das Konzept der Lesson Study erfährt derzeit weltweit hohe Aufmerksamkeit und wird in vielen unterschiedlichen Schulsystemen – wie in Singapur, Shanghai, Norwegen, Großbritannien, USA oder Österreich – adaptiert und für die jeweilige Lehrerweiterbildung sowie für die einzelschulische Unterrichtsentwicklung genutzt. Auch in Deutschland werden derzeit erste Erfahrungen mit Lesson Study gewonnen, die sich jedoch bisher auf einzelne Schulen und kleinere regionale Schulverbünde beziehen.

Auch in Deutschland werden derzeit erste Erfahrungen mit Lesson Study gewonnen, die sich jedoch bisher auf einzelne Schulen und kleinere regionale Schulverbünde beziehen.

Aufgrund der positiven empirischen Befunde für alle Ansätze der kollegialen und ko-konstruktiven Unterrichtsentwicklung wäre es wünschenswert, dass Lesson Study und vergleichbare Methoden auch in der deutschen Schulpraxis an Bedeutung gewinnen würden. Es könnte eine Win-win-Situation für die Schülerinnen und Schüler einerseits und die Lehrkräfte andererseits werden, denn die OECD TALIS-Studie zeigt, dass die enge Kooperation von Lehrkräften in der Weiterentwicklung von Unterricht nicht nur zu besserem Schülerlernen, sondern mittelfristig auch zu einer höheren Berufszufriedenheit und besseren Gesundheitswerten bei den Lehrkräften führt.

Zur Person

  • Anne Sliwka ist Professorin am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg. Sie forscht über Schul- und Schulsystementwicklung sowie Lehrerprofessionalität in international-vergleichender Perspektive. Sie gehört zum wissenschaftlichen Beirat für das neue Qualitätskonzept in Baden-Württemberg.
  • Britta Klopsch ist ausgebildete Lehrerin und seit 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Heidelberg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Professionalisierung von Lehrkräften und die Schulentwicklung. 2015 promovierte Britta Klopsch zum Thema: „Die Erweiterung der Lernumgebung durch Bildungspartnerschaften”.