Lesen lernen : Bringt „Success for All“ Erfolg für alle?

Der Bildungsexperte Ekkehard Thümler hat sich an einer Londoner Grund­schule angesehen, wie das Programm „Success for All“ funktioniert. Grund­schülerinnen und Grund­schüler sollen damit, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft, effektiv Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Die Ergebnisse sind erstaunlich. In seinem Gast­beitrag für das Schulportal spricht sich Thümler dafür aus, das Programm für Deutschland zu adaptieren.

Ekkehard Thümler Ekkehard Thümler / 05. Juli 2019
Das in den USA entwickelte Programm „Success for All“ zur Förderung der Lesefähigkiet ist auch in Großbritannien verbreitet.
Das in den USA entwickelte Programm „Success for All“ zur Förderung der Lesefähigkiet ist auch in Großbritannien verbreitet.
©Getty Images

„Keine Ausreden mehr!“, fordert John Halliwell, Schulleiter der Applegarth Academy. Die Grund­schule mit 400 Kindern liegt in Croydon in einem sozialen Brenn­punkt im Süden Londons. Egal, wie ungünstig die Voraus­setzungen sein mögen, die viele der Schülerinnen und Schüler mitbringen – dort herrscht die Einstellung, dass sie trotz­dem alle erfolg­reich sein können und müssen. Dabei konzentriert sich die Schule bei ihrer Arbeit nicht vor­wiegend auf leistungs­schwache Kinder, sondern legt großen Wert darauf, dass auch die starken Schülerinnen und Schüler ihren Fähig­keiten entsprechend gefördert werden.

Es ist beeindruckend, dass es der Schule tatsächlich gelingt, diesen Anspruch einzulösen. Im nationalen Leistungs­test am Ende der Grund­schul­zeit erreichten 98 Prozent der Kinder die Regel­standards in Lesen, 76 Prozent meisterten sogar die höheren Standards. Die Ergebnisse für Mathematik fielen ähnlich positiv aus.

War die Academy wegen ihrer schlechten Leistungen noch vor wenigen Jahren von der Schließung bedroht, belegte sie zuletzt im nationalen Vergleich aller 14.479 Schulen in England den siebten Platz. Bemerkens­wert an dieser Erfolgs­geschichte ist, dass sie nicht allein auf die gute Arbeit von Schul­leitung und Kollegium zurück­zu­führen ist. Aus Sicht von John Halliwell machte den entscheidenden Unter­schied, dass er in Applegarth vor vier Jahren das US-amerikanische Schul­entwicklungs­programm „Success for All“ (SFA) einführte.

„Success for All“ – eines der welt­weit am besten evaluierten Programme der Schul­entwicklung

SFA ist anerkannt als eines der weltweit am besten erforschten und evaluierten umfassenden Programme der Schul­entwicklung. Das Programm wurde in den 1980er-Jahren an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, Maryland, USA, von Robert Slavin und Nancy Madden entwickelt. Seit 1987 wird es von der „Success for All Foundation“ angeboten und weiter­entwickelt.

Das Modell richtet sich insbesondere an Schulen im Primar­bereich, die von Schülerinnen und Schülern in benachteiligten Lebens­lagen besucht werden. Im Mittel­punkt des Vorhabens steht ein wissenschaftlich fundiertes Lese- und Schreib­förder­programm, das in ein umfassendes Entwicklungs­konzept für die gesamte Schule eingebettet ist. Die große Stärke von SFA besteht darin, dass es tatsächlich zu einer Veränderung von schulischem Unterricht und im Ergebnis zu lang­fristig besserem Lernen führt. Zugleich wird die gesamte Schul­kultur und -qualität vorteil­haft beeinflusst. Diese positiven Effekte wurden in einer Vielzahl wissen­schaftlicher Vergleichs­studien immer wieder nach­gewiesen.

In den über dreißig Jahren ihres Bestehens haben sich in den USA mehrere Tausend Schulen dem Programm angeschlossen, das auf diese Weise Millionen benachteiligter Kinder wirksam unterstützt hat. Eine inter­nationale Verbreitung – allerdings in deutlich geringerem Umfang – erfolgte nach Groß­britannien, China, Südafrika und in die Niederlande.

Hauptziel ist das erfolgreiche Erlernen der Kultur­techniken Lesen, Schreiben und Rechnen

Hauptzielsetzung des Programms ist eine erfolgreiche Einführung in „Literacy“, hier in einem erweiterten Sinne zu verstehen: Der Begriff umfasst nicht nur die Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben, sondern auch die Vertrautheit mit weiteren grund­legenden Kultur­techniken, insbesondere mit den Grund­lagen der Mathematik. Hinzu kommt ein Augen­merk auf soziales Lernen. Der Haupt­akzent des Programms liegt jedoch auf der Lese­fähig­keit.

Dieses Ziel wird mittels eines systematischen Schul­entwicklungs­programms verfolgt, das denjenigen Schulen, die sich daran beteiligen möchten, sehr klare, weit­reichende und verbindliche Vorgaben macht. So wird in den teil­nehmenden Schulen eine starke Schul­leitung voraus­gesetzt, die imstande ist, das anspruchs­volle Programm umzusetzen. 80 Prozent des Kollegiums müssen sich für die Mitwirkung aussprechen.

Den Kern des Vorhabens machen jedoch die folgenden Maßnahmen aus, die für SFA-Schulen verpflichtend sind.

Täglich 90 Minuten SFA-Unterricht in leistungs­homogenen Gruppen

An der Applegarth Academy gibt es für alle Kinder ein tägliches gemeinsames SFA-Zeit­fenster von 90 Minuten. In dieser Zeit arbeiten sie in gesonderten Klassen zusammen am SFA-Curriculum.

Wohl am ungewöhnlichsten ist dabei aus deutscher Perspektive, dass die Lern­gruppen etwa alle acht Wochen neu zusammen­gesetzt werden. Dies geschieht auf Grundlage eines Tests des individuellen Leistungs­stands. Die Einteilung der Gruppen folgt dabei zwei Prinzipien: relative Homo­genität nach Leistung, Hetero­genität nach anderen Kriterien wie etwa Geschlecht und Alter sowie weitere sozio­demografische oder individuelle Merkmale. Hinter dieser Einteilung steht die Philosophie, dass Schülerinnen und Schüler mit vergleichbarer Leistungs­fähig­keit am besten miteinander lernen und voneinander profitieren – zugleich aber die Kinder auch in neu zusammen­gesetzten Gruppen gut miteinander auskommen und kooperieren sollen.

Das engmaschige Testverfahren ermöglicht zudem, dass ungewöhnliche Leistungs­entwicklungen rasch bemerkt werden. Bei Leistungs­abfall erhalten die betroffenen Kinder zusätzliche Unter­stützung – dabei kann es sich um individuelle Maß­nahmen oder die Teilnahme an kleinen Förder­gruppen handeln. Diese Zusatz­förderung hält so lange an, bis ein Kind sein spezielles Lern­problem bewältigt hat.

Standardisiertes Material und kooperatives Lernen

Ein didaktisches Kernmerkmal von „Success for All“ ist, dass die Förderung der Lese­fähig­keit auf Grund­lage wissen­schaftlicher Erkenntnisse zum Schrift­erwerb erfolgt. Den Lehr­kräften steht ein konsequent auf diesen Ansatz hin entwickeltes Paket an Lehr- und Lern­materialien – auch in elektronischen Versionen – zur Verfügung, das jede einzelne Unterrichtsstunde während der gesamten Grund­schul­zeit abdeckt. Grund­muster der Arbeit ist, dass im Lauf einer Woche ein Text in relativ hohem Tempo aus verschiedenen Perspektiven erschlossen wird. Er soll verstanden und reproduziert werden können.

In den Schülerteams wird nach dem Prinzip kooperativen Lernens gearbeitet, angeleitet und eng begleitet durch die Lehr­kraft. Für die Lösung der Aufgaben in den Teams – also deren Erfolg – sind alle Team­mit­glieder verantwortlich. Dafür werden mit den Kindern grund­legende Verhaltens­weisen erarbeitet, wie etwa Strategien aktiven Zuhörens, der wechsel­seitigen Unter­stützung sowie der gemeinsamen Fertig­stellung und Darstellung von Produkten ihrer Zusammen­arbeit.

Unterstützung durch eine geschulte SFA-Fach­kraft an jeder beteiligten Schule

Für die Realisierung der genannten Organisations­prinzipien steht den Schulen eine spezifisch qualifizierte und nicht mit anderen Aufgaben betraute Person zur Verfügung, die gemeinsam mit der Schul­leitung für die regel­mäßige schul­interne Leistungs­über­prüfung sowie die Zusammen­stellung der Lern­gruppen auf der Grund­lage der Test­ergebnisse und anderer Merkmale verantwortlich ist. SFA-Koordinatoren sind zudem in den SFA-Unterrichts­stunden ihrer Kolleginnen und Kollegen anwesend, achten auf die Umsetzung der SFA-Prinzipien und helfen dabei, die Methode zunehmend aktiver, besser und effektiver anzuwenden.

Mit SFA lernen die Kinder viel schneller – und ich habe das Gefühl, sie zum ersten Mal wirklich professionell zu unterrichten.
Lehrer an der Applegarth Academy, London

Durch diese umfangreiche Unter­stützung, verbunden mit auf­wendiger und intensiver Schulung bei der Einführung von SFA in einer Schule gelingt es mithilfe dieses Programms, die professionellen Routinen von Lehrerinnen und Lehrern gezielt und nach­haltig zu verändern. Anfangs empfinden viele von ihnen die Einschränkung ihrer Unterrichts­frei­heit als Nach­teil. Nach etwa einem Jahr fällt ihr Urteil jedoch ganz anders aus, und in der Applegarth Academy ist immer wieder die Aussage zu hören: „Mit SFA lernen die Kinder viel schneller – und ich habe das Gefühl, sie zum ersten Mal wirklich professionell zu unterrichten“.

Der hoch spezialisierte Rahmen von SFA hat zugleich den Vorteil, dass der Unterricht stets auf der gleichen inhaltlichen und methodischen Grundlage erfolgt – ganz gleich, ob er durch ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer, Vertretungs­kräfte oder auch durch Seiten­ein­steigerinnen und Seiten­ein­steiger erteilt wird.

Wäre „Success for All“ auch in Deutschland möglich?

Die spannende Frage ist, ob das Programm „Success for All“ auch auf deutsche Schulen über­tragbar wäre. Eine Machbar­keits­studie von Professor Ingrid Gogolin und Kollegen gibt Antwort darauf. Ihr Befund lautet, dass der Transfer zwar anspruchs­voll und aufwendig wäre und sehr professionell vorbereitet und umgesetzt werden müsste. Zugleich könnte das Programm aber auch an viele bereits vorhandene Initiativen anknüpfen, sodass „eine Adaption von SFA in didaktischer und methodischer Hinsicht auf einen gut bereiteten Boden treffen würde“. Zusammen­fassend kommt die Studie zu dem Schluss, dass sich eine Adaption von „Success for All“ in Deutschland lohnen würde. Sollte es dazu kommen, könnte das Programm vielleicht also schon in einigen Jahren auch hier­zu­lande „Erfolg für alle“ Kinder ermöglichen.

Mehr zum Thema

Die Darstellung der Geschichte des Programms in diesem Beitrag folgt weit­gehend der Studie von Gogolin, I., Ticheloven, A. und Schroedler, T. (2018): „Success for All (SfA) – ,Erfolg für alle‘ in Deutschland? Erste Ergebnisse einer Machbar­keits­studie“. Hamburg: Universität Hamburg (79 S. mimeo).

Zur Person

  • Ekkehard Thümler ist Senior Fellow am Centre for Social Investment (CSI) der Universität Heidelberg, wo er auch das internationale Forschungs­programm „Strategies for Impact in Philanthropy“ leitete.
  • Er berät zugleich die Geschäftsführung von Teach First Deutschland zu Bildungsinnovationen.
  • Ekkehard Thümler war für Joachim Herz Stiftung, Bertelsmann Stiftung, Baden-Württemberg Stiftung sowie die Vodafone Stiftung tätig.
  • An der Universität Heidelberg wurde er mit einer Arbeit über Wirkungs- und Innovations­strategien philan­thropischer Organisationen promoviert.