Lernentwicklungsgespräche : So werden Hemmungen bei den Kindern abgebaut

Lernentwicklungsgespräche können ein wirksames Instrument sein, um Schülerinnen und Schüler voranzubringen. An den Neuen Mittelschulen in Österreich sind Kind-Eltern-Lehrer-Gespräche deshalb Pflicht. Sie können aber auch Angst machen. Der ehemalige Schulleiter Wolfgang Vogelsaenger hat gemeinsam mit dem Bildungsforscher Hermann Veith an einer Schule in Vorarlberg ein Modell entwickelt, damit die Gespräche tatsächlich für alle Beteiligten gewinnbringend werden. Wie das geht, beschreibt er in seinem Gastbeitrag für das Schulportal.

Wolfgang Vogelsaenger Wolfgang Vogelsaenger / 24. April 2019
Eine Junge sitz mit seinem Vater und einer Lehrerin am Tisch im Klassenzimmer.
Kind-Eltern-Lehrer-Gespräche sind für die beteiligten Kinder oft unangenehm. Bildungsexperte Wolfgang Vogelsaenger beschreibt, wie man das ändern kann.
©Getty Images

An den Neuen Mittelschulen in Österreich treffen sich Lehrkräfte, Eltern und Schülerinnen und Schüler regelmäßig, um die Stärken jedes Kindes oder Jugendlichen zu besprechen. Diese halbstündigen sogenannten Kind-Eltern-Lehrer-Gespräche (KEL-Gespräche) sind im Schulgesetz verankert und gehen zurück auf den Anspruch der Neuen Mittelschulen, allen Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden.

Doch nicht immer geht das Ziel auf. Die Evaluationen dieser Gespräche, die Bildungsforscher Hermann Veith an den drei Mittelschulen in Hard, Höchst und Wolfurt im österreichischen Vorarlberg durchgeführt hat, zeigten auffällige Gemeinsamkeiten: Obwohl die Kinder insgesamt gern zur Schule gingen, waren sie von den KEL-Gesprächen weniger überzeugt. Fast die Hälfte der Kinder fühlte sich in den Gesprächen unwohl. Insbesondere die leistungsschwächeren Kinder hatten deutliche Vorbehalte, während die leistungsstärkeren die Gespräche als hilfreiche Hinweise zur weiteren Arbeit empfanden.

Die Kinder fühlten sich oft vorgeführt

Eine Befragung aller Kinder, die wir daraufhin gezielt durchführten, zeigte die Gründe:

  • Viele Kinder fühlten sich mit der Präsentation, die sie jeweils zu Beginn der Gespräche halten sollten, unsicher. Sie empfanden sie als weitere Prüfung und fühlten sich dabei vor Eltern und Lehrern vorgeführt.
  • Da in den Vorbereitungsbögen der Lehrpersonen auch Zensuren standen, bekam die Diskussion über Zensuren ein großes Gewicht.
  • Einige Kinder gaben an, aus Angst vor den Gesprächen nicht schlafen zu können. Sie befürchteten, dass die Lehrkräfte „etwas Schlimmes“ erzählen könnten, das die Eltern zu negativen Reaktionen veranlassen könnte.
  • Die Zielvereinbarungen waren oft zu unklar formuliert: zum Beispiel „Du musst in den Hauptfächern besser werden“, „Beteilige dich mehr“.

Zensuren spielen in den Gesprächen keine Rolle mehr

Gemeinsam mit dem Schulleiter der Vorarlberger Mittelschule Wolfurt (VMS), Norbert Moosbrugger, und einem Schulentwicklungsteam haben wir diese Aspekte aufgegriffen und die Materialien zur Vorbereitung der Gespräche wie folgt modifiziert.

  • Alle Kinder erhalten zur Vorbereitung einen übersichtlichen Bogen, den sie im Rahmen des digitalen Unterrichts ausfüllen und als Grundlage für ihre Präsentation nutzen können. Schwächere Kinder können die aufgeschriebenen Aspekte vorlesen, leistungsstärkere Kinder können sich komplett davon lösen und andere Formen der Präsentation wählen.
  • Im Anschluss an diese Präsentation stellen die Kinder als zentrale Gesprächsgrundlage eine Zielscheibe vor, in die sie ihre eigene Einschätzung von sich in den Bereichen Selbstkompetenz, Sozialkompetenz und Fachkompetenz eingetragen und als „Spinnennetz“ grafisch veranschaulicht haben. Diese Einschätzung wird gemeinsam besprochen und durch die Beobachtungen der Eltern und Lehrpersonen ergänzt. Dazu erhalten die Eltern einen sprachlich einfach gehaltenen Vorbereitungsbogen, die Lehrkräfte Bögen, in denen anstelle von Zensuren die Entwicklung des Kindes in einfachen Kurven visualisiert wird. Über vier Jahre werden diese Kurven auf einem Beobachtungsbogen nebeneinander geführt, sodass über diesen Zeitraum die Entwicklung eines Kindes besprochen werden kann.
  • Über Zensuren wird nicht gesprochen. Es reicht aus, dass bereits zweimal im Jahr Zeugnisse mit Zensuren verteilt werden und die Eltern außerdem über zensierte Klassenarbeiten regelmäßig informiert sind.
  • Alle Lehrpersonen sind aufgefordert, falls sie „etwas Schlimmes“ zur Sprache bringen wollen, dass sie dies bereits einige Tage vor den KEL-Gesprächen mit den Kindern besprechen und begründen, warum sie dies ansprechen möchten. Gleichzeitig sichern sie zu, dass sich das Gespräch auf diese angesprochenen kritischen Punkte beschränken wird, und dass nichts Überraschendes hinzukommt. So können die Kinder sich auf diese Punkte vorbereiten, vielleicht sogar mit ihren Eltern vorher das Gespräch entlasten, indem sie über ihre Sicht der Dinge mit ihnen reden.
  • Die Zielvereinbarungen sollen anhand der SMART-Formel (Spezifisch, Messbar, Akzeptiert, Realistisch, Terminierbar) verfasst werden.

Was durch die Änderungen bereits erreicht wurde

Die vorgenommenen Änderungen haben bereits Wirkung gezeigt:

  • Bildungsfernere Eltern können sich leichter einbringen.
  • Die Kinder haben weniger Angst vor den Gesprächen.
  • Die Rolle der Noten wird geringer, die Entwicklung in einzelnen Bereichen rückt in den Vordergrund.
  • Die Formblätter sind so angelegt, dass alle die Entwicklung des Kindes über vier Jahre gut visualisiert verfolgen können.
  • Durch die neuen Formblätter ist die Vorbereitung einfacher geworden und sie geben allen Beteiligten mehr Sicherheit.
  • Die Gespräche werden offener, alle Partner tragen zum Erfolg bei.

Und wie geht es weiter? Die Arbeitsgruppe hat dem Kollegium der Neuen Mittelschule Wolfurt ihre Arbeitsergebnisse vorgestellt. Auch die Klassensprecherinnen und Klassensprecher wurden über die Änderungen informiert und haben so die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, auch Kritisches über die Schule anzusprechen. Gleichzeitig wurden alle – die Schülerinnen und Schüler, deren Eltern und auch die Lehrpersonen – aufgefordert, bei den nächsten KEL-Gespräche darauf zu achten, ob sich etwas sich in der Entwicklung verbessert hat.

In einem Jahr finden erneute Befragungen der Schülerinnen und Schüler statt, um zu sehen, ob sich die Anpassungen auch längerfristig positiv auswirken.

Auch die Netzwerkarbeit in Vorarlberg zahlt sich aus: Das in Wolfurt entwickelte Verfahren wird so oder mit kleinen Modifizierungen auch in Höchst und Hard übernommen.

Zur Person

  • Der Autor, Wolfgang Vogelsaenger, leitete von 2002 bis 2018 die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen Göttingen-Geismar.
  • Seit 2014 begleitet Wolfgang Vogelsaenger gemeinsam mit dem Bildungsforscher Hermann Veith und der Lehrerin Stefanie Vogelsaenger die Schulentwicklung an drei Neuen Mittelschulen in Vorarlberg. Auftraggeberin dafür ist die Wirtschaftskammer Vorarlberg mit ihrem Abteilungsleiter Christoph Jenny.
  • Als Mitglied des Programmteams der Deutschen Schulakademie verantwortet er seit November 2018 das Thema „Beziehungen professionell gestalten“.