Steuergruppen : Kontrolliertes Chaos beflügelt die Schul­entwicklung

Starre Gremien sind bei der Schul­entwicklung oft hinderlich, meint Kolumnist Matthias Förtsch. Menschen mit Energien für ein bestimmtes Thema würden in ihnen nicht zum Zuge kommen. Förtsch plädiert deshalb dafür, die jeweiligen Energien in flexiblen Strukturen zu bündeln.

Matthias Förtsch Matthias Förtsch / 27. August 2019
Kontrolliertes Chaos beflügelt Schul­entwicklung
In offenen Gruppen können bei der Schulentwicklung Energien von Menschen gebündelt werden, die sich wirklich für das jeweilige Thema interessieren.
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„Wenn man nicht mehr weiter weiß, gründet man `nen Arbeits­kreis!“ Wer kennt ihn nicht, diesen Aphorismus. Schließlich sind Arbeits­kreise an Schulen sehr beliebt, insbesondere um (pädagogische) Konzepte zu entwickeln. Sie können ja durchaus sinn­voll sein, denn in solchen Gruppen denken immer­hin mehrere Menschen zusammen, die sich besten­falls regel­mäßig treffen und ein Thema sehr gründlich bearbeiten.

Das Problem ist jedoch, dass oft auch die Steuer­gruppe einer Schule – manchmal auch Schul­entwicklungs­team genannt – nach dem Prinzip „Arbeits­kreis“ arbeitet. Und dann stellt sich natürlich die Frage, was eigentlich von dieser Steuer­gruppe „gesteuert“ wird. Welche Themen stehen hier im Mittel­punkt? Welche Schul­entwicklungs­prozesse sollen voran­getrieben werden? Und warum sollen genau diese Menschen in der Steuer­gruppe die Themen bestimmen oder bearbeiten?

Themen in der Schul­entwicklung können schnell wechseln

Nun könnte man sagen, dass sich diese Kolleginnen und Kollegen ja schließlich haben wählen lassen, dass sie also das nötige Interesse, die Kompetenz und auch die Energie für die anstehenden Entwicklungs­prozesse und Themen mit­bringen. Aber das ist alles andere als gesichert. Ein fiktives Beispiel: Im letzten Jahr war die Steuer­gruppe dafür verantwortlich, ein Raum­nutzungs­konzept für den neuen Schul­anbau zu erstellen. Für dieses Thema brannten die Menschen in der Steuer­gruppe. Gleich­zeitig stellte sich aber heraus, dass die Selbst­ständig­keit der Schülerinnen und Schüler in frei zu gestaltenden Lern­zeiten über­schätzt wurde und man das Modell nun im aktuellen Schul­jahr über­denken muss.

Energien der am Schulleben Beteiligten nutzen

Einige Mitglieder fühlen sich nun auf einmal gar nicht mehr kompetent, und das Thema interessiert sie auch nicht. Zudem gibt es Menschen mit Energie im Kollegium – oder auch unter den Schülerinnen und Schülern oder den Eltern –, die sich hier gerne einbringen würden; vielleicht, weil bei ihnen die Selbst­ständig­keit der Schülerinnen und Schüler schon immer einen hohen Stellen­wert hatte, vielleicht, weil gerade das Gegen­teil der Fall ist und sie die Über­forderung sehen. Es gibt also Menschen mit Energie für den Entwicklungs­prozess, die bei einer statisch angelegten Steuer­gruppe nicht zum Zug kämen, in dieser sogar frustriert wären.

Die Steuer­gruppe nicht als Gremium sehen, sondern als Denk­fabrik

Es lohnt also, Steuergruppen dynamisch beziehungs­weise agil zu denken. Ein Instrument hierfür kann sein, eine der­artige Gruppe nicht als Gremium mit Entscheidungs­gewalt zu sehen, sondern als eine Art interne Denk­fabrik der Schule, die je nach Dringlichkeit unter­schiedlich oft tagt, die offen für die Beteiligung aller ist, die auch mal in Klausur geht, wenn eine Frage gründlicher durch­dacht werden muss, die aber immer aus Menschen mit Energie für das jeweilige Thema besteht. Am Ende könnte dann eine Vorlage stehen, über die dann tatsächlich in offiziellen Gremien (Lehrer­konferenz, Schul­konferenz etc.) abgestimmt werden müsste.

Kontrolliertes Chaos bei der Beteiligung führt zu besseren Ergebnissen

Man könnte diesen dynamischen oder agilen Steuer­gruppen ein gewisses Chaos vorwerfen, weil die entscheidenden Prozesse bis zur Beschluss­vorlage außerhalb der Gremien statt­finden. Allerdings kann ein kontrolliertes Chaos durch flexible Strukturen zu deutlich besseren Ergebnissen führen. Die Zustimmung der Gremien ist bei solchen Beteiligungs­möglich­keiten im Vorfeld oft nur eine Form­sache. Sie beschließen dann noch formell, aber es passiert nichts Überraschendes mehr, die Energie ist im Prozess aufgegangen.

Klausur zur Schul­entwicklung als Kick-off

Ein Beispiel zum Schluss: Wir haben die Grund­lagen unserer pädagogischen Konzeption zum Projekt „Zeit­gemäß Lernen“ unter anderem bei einer offen tagenden Schul­entwicklungs­klausur gemeinsam mit Eltern, Schülerinnen und Schülern sowie Lehrerinnen und Lehrern, insgesamt 22 Personen, erarbeitet. Alle Beteiligten engagierten sich frei­willig an einem Freitag und Samstag in einer externen Tagungs­stätte für die Schule – sie hatten das Gefühl, ihre Energie hier gut einbringen zu können. Das Entscheidende hierbei: Es handelte sich nur zum Teil um gewählte Vertreterinnen und Vertreter der jeweiligen Gruppen, zum Teil aber auch um Interessierte oder sogar Skeptiker des Prozesses. Alle Menschen, die dabei waren, unter­stützen das Projekt in seiner jetzigen Form weiter­hin intensiv und tragen die guten Gedanken in die jeweilige Gruppe. Lehrerinnen und Lehrer über­zeugen das Kollegium, Eltern über­zeugen Eltern, Schülerinnen und Schüler überzeugen sich gegen­seitig. Die Konzeption „Zeit­gemäß Lernen“ ist die Grundlage, um die Schule auf das Lernen in der digitalisierten Welt neu aus­zu­richten.

Zur Person

  • Matthias Förtsch ist Lehrer für Englisch und Gemeinschafts­kunde (Politik, Wirtschaft und Soziologie) an einem privaten, gebundenen Ganz­tags­gymnasium in Baden-Württemberg.
  • Zusätzlich ist er hauptverantwortlich für die Schulentwicklung an seiner Schule.
  • Die Zukunft der Schule interessiert ihn so sehr, dass er darüber auch twittert und regelmäßig in seinem Blog berichtet.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Matthias Förtsch regelmäßig eine Kolumne.