Klimaschutz : „Meine Umweltpolizei ist acht und sechs Jahre alt“

Die Kinder scheinen es ernst zu meinen mit dem Klimaschutz und sie glauben, dass man Dinge ändern kann. Schulportal-Kolumnistin Sandra Garbers erlebt eine kleine Revolution von unten, die die Erwachsenen oft alt und altmodisch dastehen lässt.

Sandra Garbers Sandra Garbers / 26. April 2019
Zwei Kinder mit Transparenten bei der Schülerdemonstration.
Jeden Freitag gehen Schülerinnen und Schüler für den Klimaschutz auf die Straße. Und langsam wächst bei vielen Erwachsenen das schlechte Gewissen.
©Christoph Soeder (dpa)

Ich bin wirklich umweltbewusst. Ich benutze keinen Weichspüler – außer, wenn es wirklich sein muss (Handtücher). Ich trenne den Müll – wenn es nicht allzu umständlich ist. Ich besitze zwei Fahrräder, von denen ich eines sogar hin und wieder benutze, habe drei T-Shirts aus recycelter Baumwolle mit dem Aufdruck: „Because there is no Planet B“, esse nur Fleisch von Tieren, die in ihrem Leben schon mal eine Weide gesehen haben. Und ich kaufe im Bio-Supermarkt ein, wo ich Reis und Linsen in Tupperdosen fülle, um auf den ganzen Verpackungsmüll zu verzichten. Natürlich fahre ich dort mit dem Auto hin, das ganze Zeug kann ja kein Mensch schleppen: Wofür haben wir schließlich das schöne Auto mit der neuen Abgasnorm? Ich würde sagen, dass ich vielleicht noch nicht perfekt bin, aber da, wo es geht, versuche ich es mit dem Umweltschutz.

Sie sind zu zweit, sie sind streng, und sie dulden keine Ausnahme

Seit Kurzem habe ich trotzdem das Gefühl, ein Dinosaurier zu sein. Schuld daran ist Greta, sind die Schüler-Demonstrationen und meine kleine Umweltpolizei zu Hause. Sie sind zu zweit, sie sind streng, und sie dulden keine Ausnahmen. Sie achten penibel auf korrekte Mülltrennung („Das gehört nicht zum Papiermüll, das ist Biomüll!“), verlangen in regelmäßigen Abständen nach einem neuen Gefährt („Wann kaufen wir endlich ein Wasserstoffauto?!”) finden Nutella doof, weil da Palmöl drin ist und sind so überzeugte Vegetarier, dass noch nicht einmal für Gummibärchen oder Marshmallows eine Ausnahme gemacht wird („Igitt, Schweinegelatine…“), obwohl es Zeiten gab, da sie Gummibärchen und Marshmallows geliebt haben.

Es geht schon längst nicht mehr nur ums Weltklima. Es geht um die Art, wie wir leben. Von Orang-Utans bis Mikroplastik. Eine kleine Revolution von unten. Meine ganz persönliche Umweltpolizei ist acht Jahre alt und sechs Jahre alt. Und ehe der Verdacht, sie derart indoktriniert zu haben, jetzt auf mich fällt – denn das ist ja immer der Vorwurf, dass Kinder von ihren Eltern indoktiniert werden – ich bin unschuldig! Es waren die Babysitter, diese Kinderwissenssendungen im Fernsehen, die Schule, die Omas und Opas, die Erwachsenengespräche, die Bücher und Nachrichtenfetzen aus dem Radio.

Es fing alles damit an, dass meine Tochter mit fünf Jahren feststellte, dass das Rind, von dem ein Teil auf dem Teller lag, nicht an Altersschwäche gestorben war.

Es fing alles damit an, dass meine Tochter mit fünf Jahren feststellte, dass das Rind, von dem ein Teil auf dem Teller lag, nicht an Altersschwäche gestorben war. Von dem Moment an hat sie nie wieder Fleisch angerührt. Ihr Bruder war vier, als er uns Eltern angeekelt beim Fleischessen zuschaute. „Mach dir nichts draus“, sagte seine große Schwester damals. „Unsere Eltern stört es nicht, wenn Tiere für sie getötet werden…“. Von diesem Tag an war auch der Junge Vegetarier. Unser schlechtes Gewissen fütterte er mit Sätzen wie: „Ich liebe Fleisch, aber mir tun die Tiere so leid.“

Langsam wächst mein schlechtes Gewissen. Und je ernsthafter und überzeugter die Kinder sind, desto größer wird es. Deshalb hätte ich prinzipiell gar nichts dagegen, wenn die Kinder auch mal fürs Klima demonstrieren wollten. Und ich würde es nach allem, was ich zu Hause und von den Mitschülern der Kinder erlebe, auch nicht für den Versuch der Durchsetzung einer Vier-Tage-Woche mit anderen Mitteln halten. Aber weil sie dafür mit der S-Bahn durch die halbe Stadt fahren müssten (mit dem Auto steht man so lange im Stau) und die Mathe-Doppelstunde am Freitag ja auch nicht ganz unwichtig ist, erzählen wir den Kindern gar nicht erst von Greta und von den anderen Kindern, und dass sie für die Rettung des Weltklimas auf die Straße gehen. Die Frage bei solchen Veranstaltungen ist ja ohnehin immer, was das eigentlich bringen soll.

Elterntaxis mit E-Kennzeichen und Ferien an der Nordsee

Und dann fiel mir plötzlich vor der Schule auf, dass immer mehr Elterntaxis ein E-Kennzeichen haben. „E” wie „Elektroauto”. Eine der Mütter erzählte, dass sie dieses Jahr in den Ferien an die Nordsee fahren würden, weil ihre beiden Töchter vehement gegen eine Flugreise protestiert hatten. Und damit kommen wir vielleicht zu dem Punkt, der an der ganzen Sache am erstaunlichsten ist: die Konsequenz. Natürlich kann man den Kindern vorwerfen, dass sie zu wenig Ahnung haben vom Treibhauseffekt, der Volkswirtschaft und überhaupt. Haben die meisten vermutlich auch. Der Sechsjährige sagte kürzlich, wir dürften nun nie wieder in ein Flugzeug steigen. Warum? „Weil sonst die Erde explodiert.“ Wer sagt das? „Mein Freund Arved.“ Aber es ist ja auch nicht die Expertise, die diese Jugendbewegung so erstaunlich macht, sondern die Konsequenz mit der die Kinder ihr Leben zu ändern bereit sind, während wir noch an den alten Dieseln hängen. Sie sind bereit auf Dinge zu verzichten, die sie eigentlich gern haben. Sie scheinen es ernst zu meinen. Und sie haben die Naivität zu glauben, dass man Dinge, die nicht so gut laufen, einfach ändern könne. Angesichts dieser Kinder fühlt man sich als Erwachsener alt und altmodisch.

Irgendwann werden sie unsere tollen Geschichten, wie wir mit 50-Euro-Flügen die Welt entdeckten, nicht mehr hören wollen. Weil wir damit einen CO2-Fußabdruck hinterlassen haben, groß wie der eines Yeti.

Geahnt habe ich es schon lange, dass es mal so kommen würde. Irgendwann werden sie unsere tollen Geschichten, wie wir mit 50-Euro-Flügen die Welt entdeckten, nicht mehr hören wollen. Weil wir damit einen CO2-Fußabdruck hinterlassen haben, groß wie der eines Yeti. Dann werden sie uns unsere Plastik-Strohalme und die bunten Geburtstagspappteller um die Ohren hauen. Ich hätte nur nicht erwartet, dass es so bald passieren würde. Und so flächendeckend. Und ich hätte auch nicht gedacht, dass der Zeitpunkt schon so bald kommen würde, an dem wir Konsequenz von unseren Kindern lernen, anstatt sie ihnen beizubringen.

Und die Expertise der Kinder, die so gerne angezweifelt wird? Meine Achtjährige sagt zu diesem Thema: „Autos verpesten die Luft, Bäume sind gut fürs Klima und der Klimawandel ist blöd. Mehr muss man nicht wissen.“

Zur Person

  • Sandra Garbers ist freie Autorin und lebt mit Mann, zwei Kindern, Hund und Katze in Berlin.
  • Für die Tageszeitungen „Berliner Morgenpost“ und „Hamburger Abendblatt“ schrieb sie die Kolumne „Mamas & Papas“.
  • Nun blickt sie in ihrer Kolumne für das Schulportal aus Eltern­perspektive auf den Schul­all­tag.