Klaus Hurrelmann : Lehrer büßen Autorität ein

Die junge Generation wird mit der Digitalisierung groß und bedient Smartphone, Tablet & Co. wie selbstverständlich – während die Lehrerinnen und Lehrer ihnen in Sachen Digitalkompetenz hinterherhinken. Wird jetzt nicht schnell gehandelt, droht ein Autoritätsverlust für die Institution Schule, argumentiert Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance in seinem Gastbeitrag für Das Deutsche Schulportal.

Klaus Hurrelmann Klaus Hurrelmann / 14. April 2018
Digitale Medien sollten auch für Lehrerinnen und Lehrer zum Schulalltag gehören, meint Jugendforscher Klaus Hurrelmann.
Digitale Medien sollten auch für Lehrerinnen und Lehrer zum Schulalltag gehören, meint Jugendforscher Klaus Hurrelmann.
©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)

Lehrerinnen und Lehrer sind für Kinder und Jugendliche wichtige Bezugspersonen. Sie rangieren gleich nach den Eltern, wenn es um Orientierung im Leben und Training von Alltagsfertigkeiten geht. Ihre Autorität müssen sie in unseren demokratisch verfassten Gesellschaften immer wieder neu erarbeiten, ebenso wie es auch die Eltern tun müssen.

Probleme entstehen dann, wenn sie entweder inhaltlich oder aber prozedural nicht auf der Höhe der Zeit sind. Ein bitteres Beispiel war zuletzt die Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2007 und 2008. Da rächte es sich, dass in den Schulen das Thema Wirtschaft und Finanzen traditionell keine Rolle spielt. Nur ganz wenige Lehrerinnen und Lehrer waren in der Lage, ihren Kindern und Jugendlichen zu erklären, wie es zu dieser Krise gekommen ist und welche Merkmale sie hat. Das war ein großer Autoritätsverlust der Institution Schule.

In einer digitalisierten Gesellschaft darf die Schule nicht analog bleiben.
Klaus Hurrelmann, Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler, Hertie School of Governance

Es droht ein erneuter Autoritätsverlust

Jetzt droht eine zweite Problematik dieser Art – diesmal nicht inhaltlich, sondern prozedural. Es geht um die digitale Kompetenz der Lehrkräfte. Hier spitzt sich die Lage zu, weil die Angehörigen der jungen Generation mit der Digitalisierung groß werden und wie selbstverständlich mit Smartphone und Computer umgehen können. Das kann man von der Mehrzahl der Lehrerinnen und Lehrer nicht sagen, ja auch nicht erwarten, denn sie sind in Zeiten groß geworden, in denen es diese Möglichkeiten noch gar nicht gab.

Aber: Lehrerinnen oder Lehrer, die sich auf diesem Gebiet nicht auskennen, die zum Beispiel Unsicherheiten bei der Bedienung ihres eigenen Smartphones oder eines Computers haben, sind für die Kinder in ihren Klassen eine Irritation. Es besteht die erneute Gefahr eines großen Autoritätsverlusts der Schule, falls hier nicht schnellstens gehandelt wird.

Lehrkräfte müssen in der Schule mit den modernsten Techniken umgehen können, sonst verlieren sie ihre pädagogische Autorität.
Klaus Hurrelmann, Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler, Hertie School of Governance

Die von den meisten Schulen heute praktizierte Lösung, dass die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen elektronischen Geräte nicht einfach mit in die Schule bringen oder sie dort nicht benutzen dürfen, wird nicht von Dauer sein. So einfach kommen die Lehrkräfte nicht davon! In einer digitalisierten Gesellschaft darf die Schule nicht ausschließlich analog bleiben oder gar den neuen Medien gegenüber feindlich eingestellt sein. Deswegen müssen die Lehrerinnen und Lehrer auf die Höhe der Zeit gebracht werden. Sie müssen wissen, in welcher Welt ihre Schülerinnen und Schüler leben, wenn sie sich im Anschluss an den Schulvormittag ganz überwiegend in Internet-Netzwerken und -plattformen bewegen. Auch müssen die Lehrkräfte wissen, wie man mit Facebook, Instagram und Snapchat umgeht, sonst können sie die Erfahrungen ihrer Kinder nicht richtig einschätzen und im Unterricht berücksichtigen. Sie sollten in der Schule mit den modernsten Kommunikations- und Informationstechniken umgehen können, sonst verlieren sie ihre pädagogische Autorität.

Was Lehrkräfte von Kindern und Jugendlichen lernen können

Was ist zu tun? Es sollte eine gezielte Fortbildung verpflichtend für ein ganzes Kollegium angesetzt werden. Fachleute kommen vor Ort in die Schule und trainieren jeden einzelnen Lehrer und jede einzelne Lehrerin. Es spricht nichts dagegen, wenn sich daran auch kompetente Kolleginnen und Kollegen aus dem eigenen Team beteiligen. Und es spricht auch nichts dagegen, es dem Modell vieler Schulen nachzumachen und einmal pro Woche eine Fortbildung für Lehrkräfte anzusetzen, die von Schülerinnen und Schülern bestritten wird. Dann können die Lehrkräfte von den eigenen Schülerinnn und Schülern lernen, wie sie ihr Smartphone zu Hause und wie sie das Whiteboard der Schule bedienen können. Ihre Autorität als fachlich versierte Pädagogen leidet darunter kein Jota, aber dafür haben sie dann nach dem Training die digitalen Fertigkeiten erreicht, die sie heute brauchen, um ihrer Rolle als Bezugspersonen gerecht zu werden.

Zur Person

  • Klaus Hurrelmann ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance.
  • In seiner Forschung konzentriert sich Klaus Hurrelmann auf die Bereiche Gesundheits- und Bildungspolitik.
  • Er ist maßgeblich an zahlreichen nationalen Studien zur Entwicklung von Familien, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen beteiligt.
  • Mehr über Klaus Hurrelmann auf der Website der Hertie School of Governance
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