Entwicklung der Psyche : Lernerfolg ist eine Frage der inneren Struktur

Die Entwicklung der Psyche wird im Elternhaus und in der Schule oft übergangen, meint Sabine Czerny. Die Folge sind geringe Selbstkontrolle, schnelle Überforderung und Schwierigkeiten im Miteinander der Schülerinnen und Schülern. Wie Schule den Kindern dabei helfen kann, ihre innere Struktur zu verbessern, beschreibt die Grundschullehrerin in ihrer aktuellen Kolumne für das Schulportal.

Sabine Czerny Sabine Czerny / 16. August 2019 / 2 Kommentare
Kind sitzt am Tisch und schreibt
Kinder, die sich im Unterricht auffällig verhalten, brauchen eine engmaschige Betreuung.
©Getty Images

In den letzten Jahren nehmen ich und viele meiner Kolleginnen und Kollegen eine Veränderung bei unseren Schulkindern mit großer Besorgnis wahr: Immer mehr Kinder agieren mit nur geringer Selbststeuerung: Sie haben weder in ihrem Blick noch in ihrem Verhalten eine erkennbare Klarheit, was oft zu massiven Störungen im Unterricht und im sozialen Miteinander führt. Die Kinder sind „nicht in sich aufgestellt“, so habe ich immer versucht, dieses Phänomen in Worten zu beschreiben. Ihnen scheint eine innere Struktur und Ordnung zu fehlen und die Möglichkeit, auf sie gezielt zugreifen und bewusst agieren zu können. Diese Kinder sind nicht Herr ihrer selbst, sie wirken wie in sich verloren. Sie agieren motorisch unkontrolliert, heischen nach Aufmerksamkeit, geben teils unvermittelt unverständliche Laute von sich oder wirken teilweise auch völlig apathisch.

Michael Winterhoff hat vor Kurzem sein Buch „Deutschland verdummt“ publiziert. Die Meinungen darüber gehen stark auseinander, die einen halten das Buch für eine sehr klare, ehrliche Analyse, die anderen empfinden es als viel zu negativ und als Ohrfeige für Lehrkräfte und Eltern. Ich möchte Winterhoffs Aussagen hier nicht bewerten, aber ich bin ihm dankbar für eine bestimmte Formulierung. Er fasst diese kaum greifbare Veränderung bei vielen Kindern in stimmige Worte: Diese Kinder haben eine „nicht entwickelte Psyche“. Winterhoff zeigt recht genau, wie es zu einem solchen Seinszustand kommen kann, und beschreibt auch, dass diese Kinder dadurch auf dem Stand von Kleinkindern bleiben, in ihrem Wollen und in ihrem Sein. Und auch das trifft genau meine Beobachtungen. Kürzlich habe ich mich mit einer Gymnasiallehrerin unterhalten, die eben dieses sogar für einige ihrer Schülerinnen und Schüler in der achten Klasse bestätigte.

Wie erfolgreich Kinder lernen, ist eine Frage ihrer inneren Struktur

Solange die situativen Bedürfnisse sofort erfüllt, keine Ansprüche gestellt und diese Kinder mehr oder weniger bedient werden,  ist alles soweit gut. Wohl auch deshalb merken viele Eltern gar nicht, dass ihr Kind diese Auffälligkeit zeigt. Aber wenn das Leben – oder eben auch die Schule – etwas darüber hinaus fordert, wird es schwierig. Die Anstrengungsbereitschaft ist gering, ebenso wie eine gewisse Selbstdisziplin, die das Miteinander und auch das gemeinsame Lernen erst ermöglicht. Gelingt es den Eltern nicht, spätestens dann die Problematik ihres Kindes zu erkennen und zu handeln, wird die Schuld oft bei der Schule oder den Lehrkräften gesucht.

Als Lehrerin konnte ich schon immer beobachten, dass es eine Frage der inneren Struktur war, wie erfolgreich Kinder lernen. War es möglich, diese innere Struktur zu verbessern, verbesserten sich sowohl die Ergebnisse als auch die Lernfreude der Kinder. Aufgrund dieser langjährigen Erfahrung bin ich der festen Überzeugung, dass in der Regel jedes Kind gut lernen kann, aber eben dieser Aspekt der Ausbildung der Psyche, des „In-sich-aufgestellt-Seins“, oft übergangen wird.

Einige Kinder geben schon auf, bevor sie überhaupt angefangen haben

Für mich ist daher die Frage wichtig, was ich in der Schule tun kann, um diesen Kindern zu helfen. Denn so sind die Kinder meistens nicht glücklich. Sehr schnell merken sie im Miteinander, dass ihre Fähigkeiten sehr begrenzt sind. Da sie selten etwas zu Ende und meist auch nicht sorgfältig machen, haben sie auch selten Erfolgserlebnisse, die sie weiter anspornen könnten. Schulische Inhalte bleiben eher durch Wiederholung hängen, als dass sie diese wirklich bewusst aufnehmen und einordnen können. Kinder, denen die nötige Selbststeuerung fehlt,  geben aber oft schon auf, bevor sie überhaupt angefangen haben, vieles ist ihnen schnell gleichgültig. Ihnen fehlt die Möglichkeit, bewusst agieren zu können und sich in ihrer Selbstwirksamkeit zu erfahren.

Letztlich muss man mit den Kindern ganz anders arbeiten, als es die eigentliche Unterrichtsarbeit vorsieht. Mit einer großen Anzahl von Kindern kann man schulisch arbeiten, wenn diese bereits fähig und willig sind, zuzuhören, Anweisungen umzusetzen und ihre Aufgaben sorgfältig zu erledigen. Eben dies ist immer weniger Kindern kaum oder nur schwer möglich, sie müssen erst dazu befähigt werden. Mit der wachsenden Anzahl dieser Kinder wird es allerdings ungleich schwerer, wenn nicht gar unmöglich, ihnen im üblichen Klassenverband gerecht zu werden. Dazu braucht es sehr kleine Gruppen und Zeit.

Eine äußere Struktur schafft eine innere Struktur

Gerade am Anfang dieses Prozesses, in dem das Kind lernt, von sich aus Verantwortung zu übernehmen, ist die persönliche Beziehung am wichtigsten: Es braucht einen Menschen, der sich immer und immer wieder ganz bewusst mit dem Kind auseinandersetzt, in ständigem Kontakt mit dem Kind steht, ihm Orientierung bietet und ihm über Mimik, Gestik und Sprache Rückmeldung gibt. Eine äußere Struktur schafft eine innere Struktur. Deshalb ist es sehr wichtig, klare Anweisungen zu geben, klare Forderungen zu stellen, klare Grenzen zu setzen und einen klaren Erwartungshorizont aufzubauen.

Das Entscheidende hierbei ist, den Prozess so kleinschrittig und individualisiert zu gestalten und zu begleiten, damit das Kind erfolgreich sein wird. Selbstwirksamkeit ist ein sehr starkes Gefühl, je öfter Kinder diese erleben umso mehr strengen sie sich von sich aus an. Es geht also nicht darum, Regeln und Grenzen um ihrer selbst willen zu setzen.  Sie müssen so festgelegt werden, dass für das Kind ein Verantwortungsraum entsteht, den es voll ergreifen kann und in dem es das Gefühl der Kompetenz über sich und die Dinge, mit denen es beschäftigt ist, erlebt.

Hierfür kann man schulische Inhalte und Aufgaben teilweise sehr gut nutzen. Allerdings verhindert gerade die Fülle der geforderten Inhalte, dass die Kinder diese wichtige Erfahrung der Selbstkompetenz immer und immer wieder machen und lässt sie schnell zurückfallen in das Gefühl einer gewissen Hilflosigkeit. Weit weniger ist hier weit mehr.

Mit Bewegung und Musik die Sinneswahrnehmungen stärken

Und zusätzlich gilt es, die Körperlichkeit der Kinder aufzubauen, die Sinneswahrnehmung, das Körperbewusstsein, die Wahrnehmung seiner selbst und der anderen. Das gelingt gut mit gezieltem Spracheinsatz, beispielsweise mit vorgegebenen Satzmustern oder Gedichten, mit Singen, gerade im Kanon oder mehrstimmig, Musizieren mit Instrumenten, mit Rhythmusarbeit, sportlichen Übungen, die bewusst auf die gegenseitige Wahrnehmung aufbauen, und auch mit diversen Bastelarbeiten, die die Motorik und die Koordination schulen.

Nach meiner Erfahrung braucht es gut eineinhalb Jahre intensiver Arbeit, um eine gute Grundlage für diese Kinder zu legen. Das gelingt jedoch nur, wenn Eltern nicht aktiv dagegen arbeiten. Und man muss mit den Kindern in diesem Zeitraum mit Blick auf ihre innere Entwicklung arbeiten, nicht mit Blick auf äußere Ergebnisse und Lernerrungenschaften, also völlig anders, als es die Schullandschaft derzeit fordert.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­schule im Groß­raum München eine zweite Klasse in allen Fächern. Zusätzlich gibt sie Fach­unter­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundesweit Schlag­zeilen: Weil ihre Schüler­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.