Motivation : Kinder brauchen Beziehung!

Wer glaubt, dass Kinder von sich aus Motivation genug mitbringen, zu lernen, der irre, meint Kolumnistin Sabine Czerny. Hier gehe es um Beziehung. Kinder wollen das Erfahrene mitteilen. Neues entdecken zu wollen und dafür auch eine gewisse Anstrengung aufzubringen habe seinen Ursprung im Miteinander. In ihrer Kolumne beschreibt die Grundschullehrerin, wie wichtig beim Aufwachsen gesunde Beziehungen sind.

Sabine Czerny Sabine Czerny / 15. November 2019
Vater und Sohn am Küchentisch bei den H
„Papa, das hab ich gemacht!“ Wie das Kind weiterhin agiert, hängt absolut davon ab, wie die angesprochene erwachsene Person reagiert.
©Getty Images

Warum heißt es immer, dass Kinder zum Lernen Beziehung brauchen? Und was überhaupt ist mit „Beziehung“ gemeint?

Auch ich habe erst in den vergangenen Jahren gemerkt, dass wir einem Trugschluss unterliegen, wenn wir davon ausgehen, dass Kinder grundsätzlich neugierig sind und lernen wollen. Dem ist nicht so. Wir übersehen einen Aspekt, der früher beim Aufwachsen der Kinder mehr oder weniger selbstverständlich war, so dass sich kaum jemand darüber Gedanken machen musste. Heutzutage wird dieses grundlegende Element aufgrund der Veränderungen in unserer Gesellschaft immer häufiger dezimiert oder ist teilweise gar nicht vorhanden. Die Rede ist von „Beziehung“.

Kinder begeistern sich nicht von allein für etwas, das eventuell auch Anstrengung erfordert – zumindest nicht „einfach so“ und auf Dauer. Beobachtet man kleine Kinder, kann man erkennen, dass sie immer wieder dazu ansetzen, die Welt zu entdecken, das Erfahrene aber vor allem mit jemandem teilen möchten. „Mama, schau mal!“, „Papa, das hab ich gemacht!“ Und wie das Kind weiterhin agiert, hängt absolut davon ab, wie die angesprochene erwachsene Person reagiert.

Kinder, deren Eltern sich mit echtem Interesse dem zuwenden, was sie an sie herantragen, werden sich weiter interessieren – und zwar hauptsächlich, um diese Beziehung zu erleben.

Kinder, deren Eltern sich mit echtem Interesse dem zuwenden, was sie an sie herantragen, werden sich weiter interessieren – und zwar hauptsächlich, um diese Beziehung zu erleben. Ein Marienkäfer für sich ist interessant und schön, aber wenn Mama sich mitfreut oder Papa mit auf Suche geht und einen Junikäfer entdeckt, dann ist es eigentlich genau das, was Kinder wollen. Und dann lauschen sie auch aufmerksam, was Papa oder Mama darüber zu erzählen hat. Die intrinsische Motivation, sich mit der Umwelt auseinanderzusetzen, Neues zu entdecken und hierfür eventuell auch eine gewisse Anstrengung aufzubringen, hat ihren Ursprung in diesem Miteinander.

Um sich selber wahrzunehmen, brauchen kleine Kinder das Gegenüber. Ein Gegenüber, das mit ihnen in eine echte Beziehung tritt und – so unwichtig das zunächst klingen mag – Blickkontakt mit ihnen aufnimmt und hält. Anhand der Reaktionen und Aktionen des Gegenübers bauen Kinder ihr Selbstbild auf, sie orientieren sich an den Urteilen und den Werten, die gemeinsam mit ihnen gelebt werden. Daran können sie sich aufrichten, werden offen und interessiert – oder eben nicht. Durch klare „Ja“ und „Nein“ können innerhalb dieser Beziehung schadlos innere Struktur und Ordnung und damit Sicherheit vermittelt werden. Und eine solche Verbindung kann klug und liebevoll dazu genutzt werden, den Kindern wertvolle Dinge mitzugeben – Fertigkeiten ebenso wie Wissen und Erfahrungen –, die sie bereichern und befähigen.

Auch das Setzen von Grenzen gehört zu einer guten Beziehung

Früher nannte man das „Erziehung“, bis vor einigen Jahren dieser Begriff negativ belegt wurde, da Erziehung zunehmend beziehungsloser wurde und man sich mehr an Vorstellungen über das Kind als am Kind selbst orientierte. Also sprechen wir nun von „Beziehung“ – mit der Problematik, dass manch einer sich dennoch nicht wirklich zuwendet, dafür aber, ersatzweise, verschwenderisch mit Lob, Belohnungen, außerfamiliärer Frühförderung und Überhöhungen des Kindes umgeht. Und mit dem Problem, dass der Begriff der „Beziehung“ eine gewisse Passivität und Konfliktlosigkeit suggeriert und so vermeintlich ein klares Positionieren ausschließt, als ob man dem Kind damit Schaden zufügen würde. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Anstand, Respekt, Umsicht und Empathie entwickeln sich beim Kind gerade dann, wenn Eltern und Bezugspersonen ihre eigenen Grenzen klar setzen. Auch und gerade das gehört zu einer guten Beziehung.

Bei Kindern, die in solch gesunden Beziehungen groß werden, kann man beobachten, dass sie mit der Zeit immer mehr den Part des Gegenübers übernehmen und in sich selbst ausbilden.  Sie werden selbstständiger – jeden Tag ein Stückchen mehr, teilweise beginnend bereits im Vorschulalter. Ab dem Grundschulalter wirken diese Kinder wach, sie nehmen von sich aus Blickkontakt auf, zeigen ein sozialverträgliches Verhalten, fordern nicht ständig die Aufmerksamkeit des Gegenübers, haben eine gewisse innere Ruhe und sind lernfreudig. Sie haben durch diese Art der Beziehung Bestärkung in ihrem Sein erfahren und über den bisher gelieferten Input häufig erlebt, wie gut es sich anfühlt, wenn man etwas selber kann, und wie spannend all das um sie herum sein kann. Diese Erfahrungen sind die kraftvollste Grundlage jeglicher Motivation, zu lernen. Am Anfang aber steht die Beziehung.

Vielen Kindern fehlt ein Gegenüber, an dem sie sich aufrichten und orientieren können

Kindern, die ohne solch eine gute Beziehung aufwachsen, die in den Familien eher mitlaufen, mitgezogen oder auch ruhig gestellt werden, fehlt diese Motivation. In der Regel fehlen ihnen auch wichtige Grundlagen, Vorerfahrungen und Vorkenntnisse, die für den Schulanfang und den weiteren schulischen Verlauf wichtig wären. Vor allem aber fehlen diese Kinder sich selbst, weil sie nie ein Gegenüber hatten, an dem sie sich aufrichten und orientieren konnten. Wie sollen sie da ihr Leben und ihr Lernen organisieren – und die Anstrengung aufbringen, sich mit der Welt auseinanderzusetzen?

In meinen Klassen und Lerngruppen der Schulanfänger stelle ich fest, dass es immer mehr Kinder gibt, die auf diese Weise „lost in space“ sind. Ich würde mir wünschen, dass wir erkennen, dass diesen Kinder Beziehung fehlt, anstatt immer wieder nur anzumerken, dass „die“ von allein gar nichts arbeiten, nur lustlos und unmotiviert sind und nicht leistungsbereit. Falls sich in vielen Familien unserer Gesellschaft weiterhin eine solche „Beziehungslosigkeit“ gegenüber den aufwachsenden Kindern entwickelt, können wir diesen Kindern nur dann noch eine Chance verschaffen, wenn die Schule sich kümmert und diese Beziehungsarbeit nachholt.

Durch gute Beziehungsarbeit können Kinder Selbstwirksamkeit erfahren

Eine solche Beziehungsarbeit in der Schule ist möglich. Aber sie kostet Kraft. Und Ressourcen. Viele der auf diese Weise beziehungslosen Kinder haben das Gefühl verloren – oder gar nicht erst aufgebaut –, bei sich zu sein, und agieren fehlgeleitet – weit über ein gesundes Maß hinaus. Durch eine gute Beziehungsarbeit kann es jedoch immer noch gelingen, das Kind in Kontakt mit sich selbst zu bringen und durch Anregungen und Austausch die notwendigen Grundlagen dafür zu legen, dass das Kind Selbstwirksamkeit erleben kann. Erst dann kann ein Kind selbstständig werden und eigenverantwortlich seinen Weg gehen.

Eine solche Arbeit kann man innerhalb einer Klasse mit 27 Kindern aber vielleicht mit gerade mal einem oder zwei Kindern leisten – zu viel Zeit, Aufmerksamkeit, individuelle Zuwendung, Geduld und vor allem Kraft sind dafür erforderlich. Keinesfalls aber kann so etwas mit 15 „beziehungsbedürftigen“ Kindern gelingen – eine Anzahl, die in den Klassen heutzutage leider keine Seltenheit mehr ist.

Vielleicht erkennen wir in den nächsten Jahren zumindest im Nachhinein, welch wichtige und wertvolle Arbeit die Mütter früher geleistet haben, und bringen der häuslichen Beziehung endlich wieder die Anerkennung und die politische Unterstützung entgegen, die sie verdient hat. Denn selbst wenn wir in Kleingruppen von vier, maximal fünf Kindern die fehlende Beziehungsarbeit nachholen, werden wir eine gesunde und meist weit reichhaltigere Eltern-Kind-Beziehung niemals ersetzen können.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­schule im Groß­raum München eine zweite Klasse in allen Fächern. Zusätzlich gibt sie Fach­unter­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundesweit Schlag­zeilen: Weil ihre Schüler­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.