Eltern : Keine Klassenfahrt ohne WhatsApp-Gruppe

Schulportal-Kolumnistin Sandra Garbers beobachtet ein bizarres Phänomen: Wenn die Kinder auf Klassenfahrt gehen, dann reisen die Eltern per WhatsApp-Gruppe unbemerkt mit. Während die Kinder lernen sollen, loszulassen, bleibe der Lerneffekt bei den Eltern komplett aus.

Sandra Garbers Sandra Garbers / 25. Juni 2019
Schüler auf Klassenfahrt
©dpa

Die Dritte war auf Klassenfahrt. Orientiert man sich an den paar Kommentaren, die hinterher zu vernehmen waren, muss es eine ziemlich groß­artige Reise an die Mecklen­burgische Seen­platte gewesen sein. Sie haben mit dem Koch in der Küche Bio-Essen zubereitet, hatten einen großen Kletter-Spiel­platz nur für sich. Es gab da diesen Red-Berry-Tee, der besser schmeckt, als aller Tee, den Eltern zu Hause in der Schublade horten. Und wenn man die Tatsache hinzuzieht, dass alle eine Taschen­lampe mitnehmen mussten, gab es wohl auch eine Nacht­wanderung.

Ansonsten hatte ich am Montag eine aufgeregte Acht­jährige abgegeben und am Freitag eine etwas launische, halb erwachsene Person abgeholt. Die auf neugierige Nach­fragen sagte, ich könne die Unterkunft doch googeln. Dort werde ich schon alles sehen, und dort würden alle Fragen beantwortet. Dann sagte sie noch, wie schwierig es doch sei, jetzt wieder von Eltern behütet zu werden, nachdem man Tage der kompletten Freiheit gehabt habe in der Schüler-WG – da könne man schon mal launisch werden.

Eine Zeit ohne Mama und Papa ist nicht nur möglich, sondern kann auch Spaß machen

Wir Eltern hatten natürlich eine WhatsApp-Gruppe. „Die Kinder sind alle gut zu Bett gegangen und schlafen jetzt …“ Oder: „Die Nacht war ruhig, keine Heimwehattacken …“ Ohne dass sie es merkten, waren wir so die ganze Zeit mit den Kindern verbunden.

Ohne dass sie es merkten, waren wir so die ganze Zeit mit den Kindern verbunden.

Wenn man WhatsApp-Gruppen vor Klassen­fahrten einrichtet, liegt der Lern­effekt allein bei den Kindern. Sie haben sich weiter­treiben lassen, also weiter weg von den Eltern zu Hause, haben wieder ein Stück mehr Selbst­ständigkeit gelernt und durften fest­stellen, dass eine Zeit ohne Mama und Papa nicht nur möglich ist, sondern auch verdammt viel Spaß machen kann.

Und sie haben auch ganz praktische Dinge gelernt: Betten machen, Pullover ordentlich zusammen­legen, selbst­ständig entscheiden, wie viele „Nutella“-Brote man zum Frühstück verdrückt, ohne Bauch­schmerzen zu bekommen. Manche Dinge kann man einfach nicht von den Eltern lernen, auch wenn wir uns gerne einbilden, dass wir unseren Kindern alles beibringen können. Im Kollektiv ist die Zeit für Endlos­diskussionen über das Für und Wider des Aufräumens eben begrenzt. Oder gibt es vielleicht einen Lehrer, der sich exakt 19 Mal anhört, dass es ja eigentlich sinnlos sei, Betten zu machen, weil man schon Stunden später ohnehin wieder drin liegen würde?

Auch den Lehrerinnen und Lehrern ein paar Tage elternfrei gönnen

Nur wir Eltern in der WhatsApp-Gruppe stehen nach der Kurzwoche an derselben Stelle wie zuvor. Lerneffekt im Los­lassen? Gleich null. Dabei sollte man auf Klassen­fahrten doch vielleicht nicht nur mal seine Kinder in Ruhe lassen, sondern auch den Lehrerinnen und Lehrern ein paar Tage eltern­frei gönnen. Und die Zeit ohne Kinder kann man auch mal genießen. Wirklich. Das kann man lernen. Aber nur ohne WhatsApp-Gruppe.

Einige Mütter hatten zum Abschied ihre Kinder so lange umarmt, bis sie endlich weinten.

Das bringt mich auf den Gedanken, dass die Pubertät, die sich zweifel­los bei unseren Dritt­klässlern schon in Ansätzen zeigt, möglicher­weise gar nicht dem langsamen Lösen der Kinder vom Eltern­haus dient. Umgekehrt: Sie soll den Eltern helfen, die Kinder endlich loszu­lassen. Und das scheint auch dringend nötig: Einige Mütter hatten zum Abschied ihre Kinder so lange umarmt, bis sie endlich weinten. Ich glaube nicht, weil die Kinder schon eine Ahnung von Heim­weh hatten, sondern, weil sie wussten, dass die Mutter die kinder­lose Zeit schwer aushalten würde.

Nach langem Schweigen, sich mit dem Buch ins Zimmer zurück ziehen und Hörbücher hören, tauchte zum Glück die Achtjährige wieder auf. Dann kamen doch ein paar Fetzen: Sie hatten sogar Enno etwas beigebracht, dem Rüpel. Dem Anrempel-das-hast-du-nun-davon-Enno. Am Ende hatte er beim Frühstück die Mädchen sogar vorgelassen: „Ladys first“. So etwas war seinen Eltern in den letzten neun Jahren nicht gelungen.

Unsere Kinder hatten also fünf Tage Zeit, fest­zu­stellen, dass sie schon mehr können, als sie dachten. Dass sie ihr Zeug zusammen­halten können. Dass sie vieles bereits allein entscheiden können. Sie haben Freiheit gekostet. Während wir Eltern uns gegen­seitig versichern, dass die Kinder viel zu schnell groß werden und man die Zeit genießen müsse, solange sie noch so klein sind. Nur: So klein sind sie eben nicht mehr.

Zur Person

  • Sandra Garbers ist freie Autorin und lebt mit Mann, zwei Kindern, Hund und Katze in Berlin.
  • Für die Tageszeitungen „Berliner Morgenpost“ und „Hamburger Abendblatt“ schrieb sie die Kolumne „Mamas & Papas“.
  • Nun blickt sie in ihrer Kolumne für das Schulportal aus Eltern­perspektive auf den Schul­all­tag.