Kontroverse : Keine Angst vor Schulnoten!

Ziffernnoten bieten eine schnelle Rückmeldung und gute Vergleichsmöglichkeiten, meint Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands. Wer Noten abschaffe, riskiere, dass andere Kriterien wie etwa Beziehungen, Geld oder Elternhaus in Auswahlverfahren an deren Stelle treten, warnt Meidinger in seinem Gastbeitrag für das Schulportal.

Heinz-Peter Meidinger Heinz-Peter Meidinger / 28. November 2019 / 1 Kommentar
Ein Zeugnis
Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands findet, Schulnoten ermöglichen eine schnelle Rückmeldung und eine gute Vergleichbarkeit.
©dpa

Die Diskussion pro und kontra Schulnoten leidet mitunter darunter, dass die Bedeutung und die Funktion von Noten in der Schule gnadenlos übertrieben und überzeichnet wird. Auch Eltern sind oft versucht, Noten überzubewerten.

Um eins gleich zu Beginn klarzustellen:  Das Wichtigste an Schule ist ein gelingender Bildungsprozess – das schließt Wissensvermittlung und Persönlichkeits- und Werteerziehung mit ein. Genau das ist die Hauptfunktion von Schule. Nicht die notenmäßige Bewertung von Schülerinnen und Schülern.

Schulnoten sind auch nie völlig objektiv, können es auch gar nicht sein, weil sie, mit Ausnahme von Abschlussprüfungen, immer unterrichtssituations- und lerngruppenbezogen sind. Jeder kennt aus seiner Bildungsbiografie die subjektive Erfahrung, auch einmal ungerecht bewertet worden zu sein. Überall wo Menschen handeln, spielen subjektive Faktoren eine Rolle.

Enger Zusammenhang zwischen Abiturnote und Studienabschluss

Trotzdem ist sowohl der Prognosewert von Noten als auch der Anteil der tatsächlichen Leistung an den vergebenen Noten groß, ja für viele überraschend groß. So gibt es einen durch verschiedene Studien belegten hohen Zusammenhang zwischen der Abiturdurchschnittsnote und der Chance, einen erfolgreichen Studienabschluss hinzukriegen. Es gilt: je besser die Abinote, desto erfolgreicher ist man im Studium.

Trotz aller zusätzlich wirksamen subjektiven Einflussfaktoren: Die Aussagekraft von Noten ist also höher, als vielfach behauptet wird.

Und auch bei der IGLU-Studie bezüglich der Lese- und Schreibkompetenz von Grundschülern der dritten und vierten Klassen konnte gezeigt werden, dass es einen engen, wenn auch nicht perfekten Zusammenhang zwischen Testleistung und Zeugnisnoten gibt. 85 Prozent der Kinder mit sehr guten Rechtschreibleistungen beim Test hatten in der Schule die Note Eins oder Zwei, und über 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit sehr schlechten Rechtschreibleistungen bei IGLU bewegten sich in der Schule im Notenspektrum von Vier, Fünf und Sechs. Trotz aller zusätzlich wirksamen subjektiven Einflussfaktoren: Die Aussagekraft von Noten ist also höher, als vielfach behauptet wird.

Ziffernnoten erlauben eine schnelle Rückmeldung

Es gibt übrigens weltweit kein Land – jedenfalls ist mir keines bekannt –, das in seinem Schulsystem gänzlich auf Bewertungen und Noten verzichtet. Spätestens ab der achten oder neunten Klasse gehören Noten zur Schule einfach dazu. Ob es besser ist, die Vergabe von Noten ganz weit hinauszuschieben – also erst ab ein oder zwei Jahren vor den ersten Abschlussprüfungen –, bezweifle ich, weil dadurch ein unnatürlich harter Übergang entsteht.

Warum es überall auf der Welt Noten in den Schulen gibt, hat natürlich handfeste Gründe. Ziffernnoten erlauben eine schnelle Rückmeldung darüber, wo ein Kind, ein Jugendlicher, bezogen auf die Klasse und auf das Verständnis einer bestimmten Lerneinheit, steht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Deshalb ist es übrigens auch hilfreich, wenn bei jeder Klassenarbeit der erzielte Durchschnitt angegeben wird – als Orientierung für Eltern und Schüler, aber auch als Rückmeldung an die Lehrkraft, wie erfolgreich der zuvor erteilte Unterricht war.

Schulnoten brauchen eine pädagogische Einbettung

Schulnoten sind aber nur sinnvoll, wenn sie begleitet werden durch eine ergänzende differenzierte Rückmeldung darüber, wie diese Leistung zustande gekommen ist, und durch Hinweise und Hilfsangebote an die Schülerinnen und Schüler, wie sie ihre Leistungen verbessern können. Das kann durch eine die Note ergänzende schriftliche Anmerkung erfolgen oder auch durch eine persönliche Ansprache der einzelnen Schülerinnen und Schüler selbst.

Ohne diese pädagogische Einbettung kann tatsächlich so etwas wie „Noten-Angst“ entstehen. Apropos „Noten-Angst“: Die meisten Schülerinnen und Schüler wissen sehr wohl mit Noten rational, um nicht zu sagen cool umzugehen. Man darf auch nicht vergessen, dass die Mehrzahl der in unseren Schulen erteilten Noten „sehr gut“, „gut“ oder „zufriedenstellend“ ausfallen. Noten sorgen also viel häufiger für Erfolgs- als für Misserfolgserlebnisse – sie motivieren viel öfter, als dass sie frustrieren.

Aber auch schlechte Noten muss man wegstecken und verkraften können. Zum Schulalltag und zum Leben generell gehört auch die Fähigkeit, mit negativen Rückmeldungen umgehen zu lernen. Wenn ich die Ursachen schlechter Leistungsergebnisse erfahre, kann ich daran etwas ändern. Wer nie gelernt hat, mit Misserfolgen umzugehen, wird es auch im Leben nach der Schule schwer haben.

Die Mehrheit der Bevölkerung hält Schulnoten für sinnvoll

Das sieht seit Langem unverändert auch eine große Mehrheit der bundesdeutschen Bevölkerung so. So erst 2016 bei der repräsentativen Erhebung des Meinungsforschungsinstituts YouGov. Drei von vier befragten Deutschen halten Schulnoten auch weiterhin für sinnvoll – im Osten mit 81 Prozent sogar noch mehr als im Westen mit 74 Prozent.

Bei derselben Umfrage sprach sich übrigens auch eine große Mehrheit gegen die Abschaffung des Sitzenbleibens aus. In der Schule Noten zu bekommen und möglicherweise sitzen zu bleiben – beides hat aus Sicht vieler Deutscher auch mit Bildungsgerechtigkeit zu tun: einer vergleichbaren, gerechten Bewertung.

Warum Noten nur von einem kleinen Teil der Menschen und auch der Betroffenen infrage gestellt wird, hat allerdings ganz viel damit zu tun, dass es keine überzeugenden, praktikablen Alternativen gibt. Verbalbeurteilungen, Leistungs- und Kompetenzbeschreibungen, Schülerportfolios – nichts davon hat sich in unseren Schulen, mit Ausnahme vielleicht innerhalb der allerersten Schuljahre, durchgesetzt.

Alternative Leistungsbeurteilungen sind oft schwer lesbar

Für Erziehungsberechtigte und Schüler sind diese Leistungsbeurteilungen schwer lesbar, oft nur mit Insiderwissen verständlich und enthalten kaum Anhaltspunkte für Vergleiche. Zudem folgen solche Verbalbeurteilungen häufig dem Trend der Arbeitszeugnisse in der Berufswelt: Nur Positives wird zusammengetragen, Defizite werden eher versteckt angedeutet. Eine ehrliche Rückmeldung sähe anders aus. Eltern und Kinder reagieren entsprechend. Die am häufigsten gestellte Frage nach dem Erhalt von Berichtszeugnissen und Verbalbeurteilungen lautet: „Was wäre das denn für eine Note?“

Die am häufigsten gestellte Frage nach dem Erhalt von Berichtszeugnissen und Verbalbeurteilungen lautet: „Was wäre das denn für eine Note?“

Es gibt für mich, abschließend, noch einen ganz bedeutenden, wichtigen Grund, warum Schulen nicht Abschied von Noten nehmen sollten. Über die Noten in Abschlussprüfungen – die nicht nur über Bestehen und Nichtbestehen entscheiden, sondern auch darüber, ob man ein „gutes“ oder nur ein „ausreichendes“ Ergebnis erzielt – verteilt Schule Lebens- und Berufschancen. In den Sozialwissenschaften nennt man das „Allokations-“ oder „Selektionsfunktion“.

Noten entscheiden über Abschlüsse und über Berufschancen

Manche Lehrkräfte wären die Verantwortung für diese Allokation junger Menschen – die allerdings immer nur vorläufig und nie abgeschlossen ist – gern los. Aus ihrer Sicht sollte Schule nur pädagogisch wirken und nicht beurteilen und benoten.

Ich sehe das ganz anders: Wer, wenn nicht die Schule – Lehrkräfte, die aus langjähriger Erfahrung ihre Verantwortung gegenüber den ihnen anvertrauten Kindern bewusst wahrnehmen –, kann am besten und am gerechtesten entscheiden, welche Voraussetzungen und welches Leistungsprofil eine Absolventin, ein Absolvent für den Start in ein Studium oder ins Berufsleben mitbringt?

Wenn sich Schule dieser Allokationsfunktion entzieht, dann werden andere Mechanismen an die Stelle der Schule treten: der Einfluss von Eltern, Beziehungen, Geld, Auslandsaufenthalte, die oft, je nach Herkunft aus einer Sozialschicht, unterschiedliche Fähigkeit junger Menschen, sich gut zu präsentieren usw. Mehr Bildungsgerechtigkeit und eine gerechtere Gesellschaft wird auf diese Weise nicht entstehen.

Handlungsbedarf bei der Praxis der Notenvergabe

Es gibt mit Sicherheit bei der gegenwärtigen Notenpraxis in Deutschland auch Handlungsbedarf. Die Noten-Inflation beim Abitur, der Wettlauf der Bundesländer um immer bessere Durchschnittsnoten sowie die unterschiedliche Bewertungspraxis, wie sie beispielsweise PISA-Begleituntersuchungen zutage gefördert haben – damit darf sich unser Bildungssystem auf Dauer nicht abfinden. Das sind aber korrigierbare Missstände, die nicht das Notensystem insgesamt infrage stellen.

Zur Person

  • Heinz-Peter Meidinger ist Schulleiter des Robert-Koch-Gymnasiums Deggendorf in Bayern.
  • Seit Juli 2017 ist Meidinger Präsident des Deutschen Lehrerverbands.
  • Zuvor war er 2004 bis 2017 Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbands.
  • Meidinger studierte an der Universität Regensburg die Fächer Deutsch, Geschichte, Sozialkunde und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.