Jenseits der Fächer : Warum „Well-being“ mehr Beachtung verdient

Das Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern rückt unter dem Schlagwort „Well-being“ weltweit immer stärker ins Blickfeld. Nicht ohne Grund: Auch in Deutschland klagen Kinder und Jugendliche zunehmend über Depressionen, Leistungsdruck oder Mobbing. Michael Schratz, Kolumnist für das Deutsche Schulportal, stellt fest, dass bisher bewährte Instrumente zur Intervention versagen. Sein Blick nach Kanada zeigt, welche Faktoren bei der Entwicklung von „Well-being“ entscheidend sind.

Michael Schratz Michael Schratz / 20. Juli 2018
ein kleiner Junge sitzt gelangweilt auf einer Glasbrücke
Kinder leisten in der Schule weniger, wenn sie sich mental nicht wohl fühlen.
©iStock

In den vergangenen Jahren habe ich hier­zulande zunehmend erlebt, dass Lehr­kräfte sich mit den heutigen Bedürfnissen und Erwartungen der Schüler­innen und Schüler schwertun. Interventionen, die bisher erfolg­reich waren, helfen nicht mehr, Unter­stützung ist selten zur Stelle – vor allem oft dann nicht, wenn man sie braucht. Dies ist nicht erst seit den jüngsten Migrations­bewegungen der Fall, die Rufe nach Abhilfe wurden durch diese aber noch lauter.

Als Gründe für die gegenwärtigen Herausforderungen in Bezug auf die Schüler­schaft bekomme ich meist genannt: die Zunahme an „besonderem Förder­bedarf“ aufgrund physischer oder psychischer Beeinträchtigungen, Depressionen, die abnehmende Bereit­schaft, sich auf Vorgaben einzulassen, bis hin zu Leistungs­verweigerung und Gewalt­tätig­keiten. Dazu kommen Cyber­mobbing und religiöse oder ethnische Konflikte. Und dann sind da noch die „Helikopter­eltern“, die für ihr eigenes Kind die Ansprüche an Schule und Unter­richt erhöhen und Lehr­kräfte unter Druck setzen. Vielfach fehlt den Lehr­kräften angesichts dieser Heraus­forderungen eine ausreichende Unter­stützung durch die Behörden.

Da sich diese Phänomene länder­über­greifend zeigen, können Lösungen nicht einzelnen Lehr­kräften abverlangt werden – sie erfordern vielmehr ein systemisches Herangehen, auf allen Ebenen: auf der Ebene des Bildungs­systems als Gesamt­strategie, aber auch auf der Schul­ebene, da sich lokale Probleme nicht zentral lösen lassen.

Nicht zuletzt deshalb haben die verantwortlichen Politiker­innen und Politiker in vielen Ländern welt­weit das Thema „Well-being“ aufgegriffen. Mit entsprechenden Policy-Maßnahmen wird versucht, die Basis für eine lebens­werte Zukunft der nächsten Generationen zu legen.

Der Begriff „Well-being“ lässt sich nicht eins zu eins ins Deutsche über­setzen – er beinhaltet Aspekte wie Wohl­befinden und Wohl­ergehen, aber auch eine bejahende Lebens­führung. Dies­bezügliche Policy-Empfehlungen reichen von vertrauens­bildenden Maßnahmen über kognitive, emotionale, soziale und physische Unter­stützungs­systeme und Resilienz­förderung bis zu Fragen der Sinn­findung in der individuellen und gemeinschaftlichen Lebens­gestaltung.

Scheitern verletzt die Würde des Menschen

Eine aktuelle Studie in Ontario hat vier Trends ausfindig gemacht, die sich bei der gezielten Förderung von „Well-being“ als schulischem Auftrag in der kanadischen Provinz gezeigt haben:

  1. Steigerung in „Well-being“ bringt bessere Schüler­leistungen:
    Viele Kinder leisten wenig, wenn sie sich mental oder emotional nicht wohl fühlen, gemobbt werden, zu wenig Schlaf haben, Wut­aus­brüche erleben oder Angst haben und depressiv werden.
  2. Schülerleistungen sind entscheidend für „Well-being“:
    Scheitern verletzt die Würde des Menschen. Die Fokussierung auf konkrete Aufgaben und deren Erfüllung mindern Angst bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei Erwachsenen.
  3. „Well-being“ ist komplementär zu Schüler­leistungen:
    Es hilft der Entwicklung gereifter Persönlichkeiten, die erfolgreich und zufrieden sind sowie ein erfülltes Leben führen.
  4. „Well-being“ als solches ist eine besondere Leistung:
    Dies ist der Fall, wenn junge Menschen erleben, dass das in der Schule Gelernte ihnen ermöglicht, Sinn und Ziele im Leben zu finden und danach zu leben.

„Well-being“ durch Teilhabe der Kinder an der Unterrichts­gestaltung

Diese Trends legen nahe, dass das Zusammenspiel von „Well-being“ und Schüler­leistungen eine große Rolle spielt, wenn es um Perspektiven von Schule und Unter­richt geht. Dieses Ziel wird am ehesten dann erreicht, wenn alle Lehr­kräfte im Unter­richt so zusammen­wirken, dass ihre Schüler­innen und Schüler zu den Menschen werden können, die sie sein wollen und sein können, um ein Leben führen zu können, das sie wert­schätzen und Grund haben, wert zu schätzen, argumentiert der indische Nobel­preis­träger und Wirtschafts­wissen­schafter Amartya Sen.

Dies entspricht den Grundrechten des Kindes auf Schutz und Für­sorge, auf Bildung und auf Teil­habe an allen gesellschaftlichen Prozessen – vor allem aber an der Teil­habe an jenen Prozessen, die ganz direkt auf das Kind selbst einwirken.

Unterrichtsgestaltung und Schule sind Prozesse, die massiv auf Kinder einwirken – doch vielfach ohne ihre Möglichkeit, diese Prozesse aktiv mit­zu­gestalten, sodass sie aus der Sicht der Kinder Sinn machen. Teilhabe daran, „was mit mir geschieht“, aber ist der erste Schritt zur Selbst­wirk­samkeit. Selbst­wirk­samkeit wiederum ist ein zentraler Faktor für Wohl­befinden und Glück. Und zur Entwicklung von Resilienz – der Fähig­keit, an Heraus­forderungen zu wachsen, statt daran zu zerbrechen.

Teilhabe von Schülerinnen und Schülern heißt also nicht, dass im Unterricht ab und zu ein Demo­kratie­projekt durch­geführt wird. Es geht viel­mehr darum, die Prozesse und Inhalte der Gestaltung von Schule und Unter­richt sorgsam darauf abzu­klopfen, inwieweit sie jungen Menschen bei ihrer Persönlich­keits­entwicklung über­haupt dienlich sind.

Die entscheidende Frage dabei ist: Tragen die jeweiligen Maßnahmen für Erziehung und Bildung dazu bei, die Schülerinnen und Schüler zu jungen Menschen zu erziehen, die in der Lage sind, sich in Krisen zu behaupten und Verantwortung für sich und ihre Gemeinschaft zu über­nehmen?

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