Interessengeleitetes Lernen : Wie beim freien Lernen echte Experten entstehen

Wenn Kinder Zeit bekommen und die Themen, mit denen sie sich beschäftigen wollen, selbst bestimmen, können sie zu ganz herausragenden Ergebnissen kommen. Die Grundschullehrerin und Schulportal-Kolumnistin Sabine Czerny beschreibt, wie sie Schülerinnen und Schüler, von der ersten Klasse an, ans freie und interessengeleitete Lernen heranführt.

Sabine Czerny Sabine Czerny / 26. November 2018
Kinder beugen sich gemeinsam über ein Heft und Bastelmaterial
Grundschullehrerin Sabine Czerny gibt den Kindern im Schulalltag Freiräume, in denen sie sich mit einem selbstgewählten Thema beschäftigen können.
©shutterstock

Es ist mir ein Dorn im Auge, wenn Kinder immer nur das lernen müssen, was ich als Lehrerin vorgebe. Wenn ich sehe, für wie viele Themen sie sich interessieren, die in der Schule überhaupt keinen Platz haben, wird es mir immer ganz arg.

Aus diesem Grund schaffe ich ab dem ersten Schultag auch Zeiträume, in denen sie frei arbeiten dürfen. Und damit meine ich nicht freiere Arbeitsformen wie Wochenplanarbeit oder Stationentraining. Diese Formen lernen sie natürlich auch kennen – aber letztendlich geht es auch bei ihnen nur darum, sich Vorgegebenes anzueignen.

Kinder brauchen wachsende Verantwortungsräume für interessengeleitetes Lernen

Freies, individuelles Arbeiten ist allerdings nicht etwas, was Kinder von vornherein können. Das wird häufig unterschätzt, und deshalb gelingt es oft nicht. Damit Kinder wirklich selbstbestimmt lernen und arbeiten, müssen sie gezielt die Erfahrung machen, sich selbstständig ein Thema oder eine Tätigkeit zu suchen, von allein zu beginnen, mit anderen kooperativ zusammenzuarbeiten und mit verschiedenen Medien umzugehen. Dazu brauchen sie wachsende Verantwortungsräume, um wahrhaftig Herr ihrer Beschäftigung zu werden. Vielen Kindern ist das heutzutage nicht mehr von vornherein gegeben – zu sehr wird für sie alles vorgegeben und durchstrukturiert. Andererseits ist es für Kinder wichtig, sich sicher zu fühlen: Nur so übernehmen sie Verantwortung.

In der ersten Klasse beginne ich damit, diese Grundlagen aufzubauen. Schon am ersten Schultag bekommen die Kinder von mir den Auftrag, zu Beginn des kommenden Tags von allein eine vorgegebene Tätigkeit auszuführen. Meist ist das erst mal meditatives Malen zu Musik. Im Morgenkreis sprechen wir immer darüber, wie das jeweils schon funktioniert hat oder welche Probleme es gegebenenfalls dabei gab.

Die Kinder können sich frei umsetzen und mit anderen zusammenarbeiten

Schon sehr bald bekommen die Kinder eine Auswahl an Tätigkeiten, sie dürfen aber auch eine komplett freie wählen. Dafür stehen verschiedene Spiele und Übungen im Regal, die Kinder haben auch ein „Krimskramsheft“, in das sie arbeiten können, was sie möchten. Und ein Bastelschrank steht zur freien Verfügung. Daneben gibt es klar definierte Aufgaben für diejenigen Kinder, die sich noch nicht sicher genug fühlen, aber so zumindest schon selbst wählen.

Relativ zeitgleich dürfen die Kinder sich frei umsetzen, um mit anderen zusammenzuarbeiten. Bedingung ist lediglich, so leise zu arbeiten, dass kein Kind gestört wird. Das funktioniert erstaunlich gut, denn sie arbeiten gern mit anderen. Die Kinder lieben diese freie Arbeitszeit. Inhaltlich produktiv ist sie natürlich eingeschränkt, aber das Wesentliche dabei ist ja, die Kinder so weit aufzustellen, dass sie aus sich heraus tätig werden. Dazu braucht es insbesondere die inhaltliche Freiheit, denn jedem Kind bereitet etwas anderes Freude.

In der zweiten Klasse lenke ich dieses individuelle Arbeiten in ein individuelles Lernen über – manche Kinder haben bis dahin doch nur aus Holzklötzen Gebilde gebaut oder ausschließlich Bilder gemalt. Den Anspruch der Schule, dass es um produktives Lernen geht, trage ich aber mit. Und wenn sich bei einem Kind ein besonderes Interesse an Malerei oder Architektur zeigt, steht es ihm natürlich offen, sich damit intensiver zu beschäftigen.

Kinder brauchen in diesem Alter allerdings stets Sicherheit, etwas, an dem sie sich orientieren und festhalten können, insbesondere wenn sie einen neuen Erfahrungsraum erobern. Daher bekommen sie von mir einen Pappkartonhefter und – als eine Art Leitplanke – die Vorgabe, dass sie zu ihrem selbst gewählten Thema ein Deckblatt entwerfen und eine Art Button dazu auf die Deckseite kleben. Meiner Erfahrung nach finden die Kinder so leichter einen Zugang und einen Anfang.

Mit dem Deckblatt den Anfang finden

In der Klassenbücherei stehen Bücher zu zahlreichen Themen und oft in mehrfacher Ausführung – über die Jahre zusammengesammelt auf Flohmärkten oder bei Rabattaktionen –, sodass mehrere Kindern gleichzeitig zusammen damit arbeiten können. Die Eltern bitten wir, zu Hause Bilder auszudrucken, oder ich mache das an meinem privaten Drucker. Den zur Verfügung stehenden PC haben die Kinder für die Internetrecherche teilweise bereits in der ersten Klasse genutzt. So fangen sie an, an ihren selbst gewählten Themen zu arbeiten: Sie lesen, schreiben, kleben, gestalten.

Im Morgenkreis dürfen die Kinder, wenn sie möchten, von ihren Themen erzählen. Es ist sehr interessant, zu bemerken, dass sie von Anfang an frei sprechen und voller Enthusiasmus erzählen. Oft haben sie ein unglaubliches Wissen angesammelt, und nicht selten wissen sie über ein Thema schon weit mehr als ich. Echte Experten – in einem so jungen Alter!

Weder der Prozess noch das Ergebnis werden bewertet

Und nein, ich bewerte diese Arbeit nicht – weder den Prozess noch das Ergebnis! Ich würde damit so viel kaputt machen. Denn es müsste wieder Kriterien geben, denen sich die Kinder anzupassen hätten, anstatt wahrhaft aus sich selbst heraus arbeiten zu können. Und sie stünden wieder unter Leistungsdruck – die Eltern würden die Arbeit nicht ihren Kindern überlassen! Damit würde all das Wertvolle verloren gehen, das diese Arbeit mit sich bringt: Dieses individuelle, selbstverantwortete Lernen baut das Selbst der Kinder auf. Sie bekommen eine innere Aus- und Aufrichtung, sie sind voller Motivation und Anstrengungsbereitschaft, und wie die Kinder daran wachsen ist für mich immer wieder erstaunlich.

Wenn ich mir vorstelle, dass die Kinder stets Zeit und Raum für ein so individuelles, interessengeleitetes Lernen bekämen … wie würden sie etwa mit 15 Jahren arbeiten, wenn sie schon ein so hohes Niveau mit knapp acht Jahren erreichen? Welche Experten würden sich zeigen, mit welchen Themen würden sie sich auseinandersetzen? Wie würden sie, weit über Vorgegebenes hinaus, arbeiten und gar komplett neue Felder entdecken und erforschen? Wie würde das mit all den Möglichkeiten aussehen, die weiterführende Schulen bieten können – allein schon an Material, technischer Ausstattung und Vernetzung?! Das gäbe echtes Expertentum. Das wäre eine echte Ausbildung individueller Begabungen. Das würde zu stärkeorientiertem Lernen führen.

Leistungsmessung und Zeitmangel hemmen interessengeleitetes Lernen

In der dritten Klasse ist trotz allen Werts dieser Arbeit damit Schluss. Bislang hat kein Lehrer, hat keine Lehrerin diese Arbeit weitergeführt – sehr zu meinem und zum Bedauern der Kinder. Es ist einfach keine Zeit: Zu viel Vorgegebenes muss gelernt werden, und vor allen Dingen muss geprüft und benotet werden.

Unsere vergleichende Leistungsmessung verhindert individuelles Lernen und Arbeiten und die Ausbildung individueller Stärken und Interessen. Ein Vergleich benötigt immer klar definierte Inhalte und Kriterien, die bei einem echten freien Arbeiten nicht möglich sind, ohne das Wesentliche wieder zu zerstören. Damit verhindert unsere vergleichende Leistungsmessung, dass Kinder und Jugendliche wahrhaft Neues entwickeln und wahrhaft Experten werden.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­schule im Groß­raum München eine zweite Klasse in allen Fächern. Zusätzlich gibt sie Fach­unter­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundesweit Schlag­zeilen: Weil ihre Schüler­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.
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