Hospitation : Gute Schule dank positiver Feedbackkultur

Sollte die Schulleitung im Unterricht des Kollegiums hospitieren? Ja! Denn von einer positiven Feedbackkultur zwischen Leitung und Kollegium profitieren alle. Dafür ist Transparenz nötig – und Gegenseitigkeit, sagt unser Gastautor, der Experte für Schulentwicklung Claus G. Buhren.

Claus G. Buhren Claus G. Buhren / 30. April 2018
Vertrauen und Transparenz statt Kontrolle und Abschottung: Wenn die Schulleitung im Unterricht des Kollegiums hospitiert, ist das im besten Fall Bestandteil einer funktionierenden Feedbackkultur.
Vertrauen und Transparenz statt Kontrolle und Abschottung: Wenn die Schulleitung im Unterricht des Kollegiums hospitiert, ist das im besten Fall Bestandteil einer funktionierenden Feedbackkultur.
©Getty Images

Wie viel Einblick sollten Schulleitungen in den Unterricht ihres Kollegiums haben? Eine Frage, die von Schulleitungsmitgliedern vermutlich mit „viel“ und von den meisten Lehrkräften mit „eher wenig“ beantwortet werden dürfte. Doch was ist eigentlich sinnvoll? Wo beginnt die Verantwortung, und wo mündet es in Kontrolle?

Zunächst mal haben wir hier die rechtliche Seite: In fast allen Bundesländern ist die Schulleiterin oder der -leiter mittlerweile Dienstvorgesetzte beziehungsweise -vorgesetzter. Das heißt, es gehört zu ihren oder seinen Dienstverpflichtungen, anlassbezogene Beurteilungen von Lehrkräften vorzunehmen, beispielsweise bei Verbeamtungen und Beförderungen. Unterrichtshospitationen sind dabei ein verpflichtender Bestandteil. Dies ist auch weitgehend akzeptiert, und es verbindet quasi Verantwortung mit Kontrolle. Doch wie sieht es mit Unterrichtsbesuchen ohne einen konkreten Anlass aus?

Transparenz statt verschlossener Klassentüren

Hier beginnt die personale Seite, also die Beziehungsseite zwischen Schulleitung und Kollegium. Denn einerseits sollten Schulleitung und Kollegium in Fragen der Schul- und Unterrichtsqualität an einem Strang ziehen, andererseits ist dies kaum möglich, wenn der Unterricht ausschließlich „hinter verschlossenen Klassentüren“ stattfindet. Der Paradigmenwechsel in der Schulentwicklung von „Ich und meine Klasse“ zu „Wir und unsere Schule“, der an manchen Schulen bereits deutlich vollzogen wurde, macht dies klar. Ein Kollegium, das mehrheitlich eine transparente Unterrichtskultur pflegt – man spricht manchmal auch von „Deprivatisierung von Unterricht“ –, hat kaum ein Problem damit, dass andere Kolleginnen und Kollegen, inklusive der Schulleitung, einen gegenseitigen Einblick in den Unterricht haben. Die Betonung liegt hier auf Gegenseitigkeit oder Reziprozität, also der Umkehrbarkeit von Situationen.

Eine Lehrperson, die ihren Schülerinnen und Schülern ständig ein Feedback gibt, aber nie selbst eines zulässt, wird auf Dauer unglaubwürdig, vielleicht sogar unsicher.
Claus G. Buhren, Berater in Fragen der Schulentwicklung

Eine Lehrperson, die ihren Schülerinnen und Schülern ständig ein Feedback gibt, aber nie selbst eines zulässt, wird auf Dauer unglaubwürdig, wirkt vielleicht sogar unsicher. Für eine Schulleiterin oder einen Schulleiter gilt das Gleiche. Wer daran interessiert ist, den Unterricht seiner Kolleginnen und Kollegen zu besuchen und ihnen natürlich auch ein Feedback über das Wahrgenommene zu geben, muss auch bereit sein, sich selbst ein Führungsfeedback für seine zentralen Aufgaben und Tätigkeitsbereiche einzuholen. Das heißt, eine wirkliche Feedbackkultur in einer Schule kann nur dann entstehen, wenn die Rückmeldungen wechselseitig praktiziert werden.

Auf einen Blick

  • In seinem Buch „Resonanzpädagogik und Schulleitung. Neue Impulse für die Schulentwicklung“, das er gemeinsam mit Hartmut Rosa und Wolfgang Endres veröffentlicht hat, befasst sich Claus G. Buhren eingehender mit der Beziehungsseite zwischen Schulleitung und Kollegium.
  • Das Buch ist im Februar 2018 im Beltz Verlag Weinheim erschienen, hat 128 Seiten und kostet 19,95 Euro.

Eine erfolgreiche Feedbackkultur hängt von vielen Faktoren ab

Unterrichtseinblicke als Teil einer funktionierenden Feedbackkultur in einer Schule sind etwas anderes als die dienstrechtliche Kontrolle des Unterrichts durch die Schulleitung. Doch die Grenzen sind hier fließend – was das Beispiel eines jungen Schulleiters, der neu an eine Schule kam, illustrieren mag.

Auf einer der ersten Gesamtkonferenzen kündigte dieser Schulleiter an, dass er gern einen Überblick über den Unterricht an seiner neuen Schule erhalten möchte. Dazu werde er, wenn er Zeit habe, den Unterricht seiner Kolleginnen und Kollegen besuchen – natürlich unangemeldet, da er ja nicht immer vorher wisse, wann er Zeit habe.

Unterrichtseinblicke als Teil einer funktionierenden Feedbackkultur in einer Schule sind etwas anderes als die dienstrechtliche Kontrolle des Unterrichts durch die Schulleitung.
Claus G. Buhren, Berater in Fragen der Schulentwicklung

Gesagt, getan: So ging er tatsächlich im ersten Jahr regelmäßig unangemeldet in den Unterricht seiner Lehrkräfte und hinterließ – manchmal schon nach 15 oder 20 Minuten – auf dem Pult kleine gelbe Klebezettel. Auf denen hatte er kurz notiert, was ihm im Unterricht aufgefallen war. Anfangs waren die Lehrkräfte irritiert: Was das eigentlich sollte?! Mit der Zeit lernten sie die Notizen aber immer mehr zu schätzen, weil auf diesen kleinen Rückmeldungen nur ein oder zwei Sätze standen, mit denen der Schulleiter ihnen ein spontanes Feedback gab, meistens anerkennend und wertschätzend. Manchmal erhielten die Lehrkräfte auch einen Hinweis – auf einen Sachverhalt, den sie selbst in ihrem Unterricht nicht wahrgenommen hatten.

Das Beispiel zeigt eine Feedbacksituation, deren Gelingen sicherlich von vielen Faktoren abhängt, nicht zuletzt auch von der Offenheit und Authentizität des jungen Schulleiters, dem sein Anliegen wichtig war und der dies auch zum Ausdruck bringen konnte. Natürlich hat sich der junge Schulleiter nach einem Jahr ein Führungsfeedback eingeholt, bei dem sich ein Kriterium auch auf seine etwas unkonventionellen Unterrichtsbesuche bezog. Die Rückmeldungen waren durchweg positiv. Deshalb gilt: Unterrichtseinblicke durch Schulleitungen sollten zum einen immer ein transparentes Ziel beinhalten, und sie sollten zum anderen eingebunden sein in den Aufbau einer gegenseitigen Feedbackkultur, die potenziell alle Beteiligten einschließt.

Zur Person

  • Claus G. Buhren ist Professor für Schulsport und Schulentwicklung an der Deutschen Sporthochschule Köln in der Abteilung Schulsport und Schulentwicklung.
  • Er gibt Fortbildungen für Lehrkräfte und Schulleitungen und berät Schulen in Fragen der Schulentwicklung.
  • Zurzeit leitet er ein knapp dreijähriges Forschungsprojekt mit dem Ziel, eine E-Learning-Plattform für Schulleitungen an deutschen Schulen im Ausland zu entwickeln.
  • Claus G. Buhren ist Beiratsmitglied der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA).
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