Homeschooling : „Meine Elternrolle gerät zunehmend in Schieflage“

Seit der Schulschließung vor drei Wochen stehen alle Beteiligten vor großen Herausforderungen und enormen Belastungen. Inzwischen hat sich in den Familien vieles eingespielt, schreibt Dagmar Wolf, Leiterin des Bereichs Bildung bei der Robert Bosch Stiftung, in ihrem Gastbeitrag für das Schulportal. Die Mutter von zwei Grundschulkindern wünscht sich allerdings im Homeschooling mehr Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule und vor allem eine stärkere Beziehung zwischen Lehrkräften und Kindern.

Dagmar Wolf Dagmar Wolf / 06. April 2020 / 7 Kommentare
Kind vor Laptop im Homeschooling
Wenn sich der Unterricht ins Homeschooling verlagert, sind auch die Eltern stark gefordert.
©Ulrich Perrey/dpa

Mittlerweile haben wir die dritte Woche Homeschooling hinter uns, und es ist Zeit für ein Resümee – und ein Durchatmen in der Osterpause.

Die Ankündigung flächendeckender Schulschließungen hat fast alle „kalt“ erwischt. Die erste Woche war geprägt von Chaos und eine Herausforderung für alle Beteiligten. Inzwischen haben wir uns als Familie einigermaßen in der Situation eingefunden, Routinen entwickelt und versuchen, uns den Humor und die Gelassenheit zu erhalten beziehungsweise zurückzuerobern.

Homeschooling heißt ganztägige Kinderbetreuung plus Vollzeitarbeit

Ein Großteil des direkten Lehrens liegt momentan aufgrund der äußeren Umstände bei uns Eltern. Wir nehmen diese Herausforderung an, gestalten sie – unter für uns enormen und außergewöhnlichen Belastungen. Wir begleiten, erklären und korrigieren, motivieren und teilen Arbeiten ein.

Wir gestalten diese Zeit parallel zur vollen Wochenarbeitszeit im Homeoffice oder teilweise noch an den Arbeitsstellen. Wir betreuen unsere Kinder ganztägig und unter den erschwerten Bedingungen des permanenten Zu-Hause-Seins, organisieren nebenbei noch irgendwie unseren Haushalt und fragen uns abends oft ungläubig, wie all das in einen Tag passt.

Manchen Lehrerinnen und Lehrern möchte ich aber auch zurufen: ,Nehmt diese Herausforderung ebenso an wie wir Eltern und gestaltet sie.‘

Mit großem Interesse, Staunen und Anerkennung verfolge ich die Berichterstattung zur Wissensvermittlung durch innovative Aufgabenformate und kreative Arbeitsaufträge, über Lehrerinnen und Lehrer, die Internetformate gemeinsam mit ihren Schülerinnen und Schülern erobern.

Ich erlebe bei meinen beiden Grundschulkindern zunehmend besser abgestimmte Wochenpläne, die den Kindern selbstständigeres Arbeiten ermöglichen und eine klare didaktische Handschrift tragen.

Es ist eine Zeit des Lernens und des Lehrens. Manchen Lehrerinnen und Lehrern möchte ich aber auch zurufen: „Nehmt diese Herausforderung ebenso an wie wir Eltern und gestaltet sie.“

Am Sonntag eine Flut von Arbeitsblättern für die nächste Woche ausdrucken

Den Sonntagnachmittag verbringe ich inzwischen auch damit, Materialien auszudrucken, die mein E-Mail-Postfach verstopfen. Ich lobe mich dabei insgeheim selbst für meine Weitsicht, bereits mit der Ankündigung des Homeschoolings in Druckerpatronen und Papier investiert zu haben.

Mühsam bahne ich mir einen Weg durch eine scheinbar willkürlich zusammengestellte Flut von Arbeitsblättern, versuche den Sinn hinter den Aufgaben zu erkennen und eine Struktur zu finden. Gleichzeitig gelingt es mir nicht, die immer lauter werdende Stimme in meinem Kopf zu ignorieren, die mich fragt, ob das wirklich meine Aufgabe ist? Einen erklärenden Text der Lehrerin dazu vermisse ich, der Arbeitsauftrag lautet: „Anbei schicke ich Arbeitsmaterial für Deutsch und den vernetzten Unterricht, das bis zu den Osterferien erledigt werden sollte.“

Wenn schulisches Lernen im Elternhaus stattfinden muss, dann wünsche ich mir eine enge Zusammenarbeit mit der Schule im Sinne einer Erziehungspartnerschaft.

Meine Elternrolle gerät zunehmend in Schieflage. Ich kenne das „Hilfslehrersyndrom“ von der Hausaufgabenbegleitung. Das jetzt Erlebte ist jedoch anders.

Wenn schulisches Lernen im Elternhaus stattfinden muss, dann wünsche ich mir eine enge Zusammenarbeit mit der Schule im Sinne einer Erziehungspartnerschaft. Dazu gehören für mich didaktische Handreichungen und vor allem klare und für alle nachvollziehbare Strukturen. Dann kann auch ein Grundschulkind mit elterlicher Hilfestellung positive Lernerfahrungen machen, in der Eltern begleiten, nicht aber die Rolle des Lehrers ein- und übernehmen müssen.

Dies gilt gleichermaßen auch für Schülerinnen und Schüler in der Sekundarstufe, die jetzt die Chance haben, eigenverantwortlich zu lernen, dazu aber auch Impulse, ansprechende und kreative Aufgabenformate und regelmäßige Kontaktzeiten zu ihren Lehrerinnen und Lehrer benötigen.

Gestaltung von Beziehungen fast noch wichtiger als das Lernen

Lernen und Beziehung stehen in einem engen Wechselverhältnis. In der öffentlichen Berichterstattung zum Homeschooling liegt das Gewicht momentan vor allem im Fachlichen und der Vermittlung des Unterrichtsstoffs. Gerade in diesen Zeiten geht es neben der reinen Lerntätigkeit auch um Beziehungen.

Für viele Eltern ist diese Situation mehr als eine logistische Herausforderung. Auch Eltern er- und durchleben zurzeit Unsicherheiten und Ängste. Sie haben oft existenzielle Nöte und Sorgen, die sich in der momentanen Art des engen Zusammenlebens kaum vor den Kindern verbergen lassen.

Die Schule ist neben der Familie und nach der Kita die maßgebliche Sozialisationsinstanz im Leben unserer Kinder – daran ändert auch die derzeitige Situation nichts.

Vor diesem Hintergrund bereitet mir die Schieflage meiner Elternrolle stellvertretend für viele Eltern große Sorge. Gerade in einer Zeit großer Unsicherheit, Ambiguität und Angst, die vor allem auch unsere Kinder spüren und verarbeiten müssen, brauchen Kinder verlässliche Bezugspersonen.

Eltern spielen hier derzeit die Hauptrolle, in den Nebenrollen sind das aber immer noch die Lehrerinnen und Lehrer, Schulsozialarbeiterinnen und -sozialarbeiter, Erzieherinnen und Erzieher und weiteres unterstützendes Personal an Schulen. Die Schule ist neben der Familie und nach der Kita die maßgebliche Sozialisationsinstanz im Leben unserer Kinder – daran ändert auch die derzeitige Situation nichts.

Dies ist eine Zeit, in der gute Beziehungen das Fundament für Resilienz, Leben und Lernen bilden sollten. Dazu gehört für mich aber gerade jetzt auch die Gestaltung von Beziehungen, und das ist fast noch wichtiger als das Lernen.

Wer hat ein Ohr für die Nöte und Sorgen der Kinder, deren Eltern das gerade nicht leisten können?

Ich vermisse diese Lehrer-Schüler-Beziehung in der Interaktion mancher Lehrerinnen und Lehrer. Am Ende dieser Krise wird die psychische Gesundheit unserer Kinder wichtiger sein als der Unterrichtsstoff, den sie in dieser Zeit erarbeitet haben.

Wer hat ein Ohr für die Nöte und Sorgen der Kinder, deren Eltern das gerade nicht leisten können? Wer sieht die Ängste der Kinder, den Frust, der entstehen kann, wenn es eng wird zu Hause, der Lagerkoller droht?

Dies ist eine Zeit, in der die Erziehungspartnerschaft zwischen Elternhaus und Schule eine neue Dimension erreichen kann, die weit über die Krise hinausreicht. Es ist eine Zeit, die alle Beziehungen auf den Prüfstand stellt, gleichzeitig Beziehungen aber auch ungemein festigen kann.

Ich wünsche mir, dass wir alle diese Herausforderung annehmen und gemeinsam zum Wohle unserer Kinder gestalten. Wir Eltern sind bereit!

Zur Person

  • Dagmar Wolf leitet den Bereich Bildung für die Robert Bosch Stiftung in Stuttgart.
  • Zuvor hat sie viele Jahre im Bildungssystem als Lehrerin, in der Lehrerausbildung an der Pädagogischen Hochschule Weingarten, in der Schulleitung und -verwaltung gearbeitet.
  • Dagmar Wolf hat vor allem zur Wirkung kooperativen Lernens geforscht.