Heinz-Elmar Tenorth : Hilfe in der Not und produktive Unruhe

Kritiker befürchten, dass mit dem Quereinstieg eine Entprofessionalisierung des Lehrerberufs einhergeht. Doch Erziehungswissenschaftler und Gastautor Heinz-Elmar Tenorth entgegnet: Viele vergessen in ihrer Argumentation, dass Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger nicht nur in einer akuten Notlage die Rettung sein können, sondern auch Chancen und Potenziale für Schule und Unterricht bieten.

Heinz-Elmar Tenorth Heinz-Elmar Tenorth / 15. April 2018
Jenseits aller Kritik können Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger auch Chancen für Schule und Unterricht bedeuten, ist Pädagoge Heinz-Elmar Tenorth überzeugt.
Jenseits aller Kritik können Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger auch Chancen für Schule und Unterricht bedeuten, ist Pädagoge Heinz-Elmar Tenorth überzeugt.
©Getty Images

In einer aktuellen Notlage können Seiten- und Quereinsteiger die Rettung sein. Doch wer diesen Satz ausspricht, betont meist im gleichen Atemzug die Folgeprobleme, kurz- wie langfristige. Standesvertreter befürchten die Entprofessionalisierung des Lehrerberufs. Mit Recht, wenn durch die „Veralltäglichung“ des Quereinstiegs die Standards von Ausbildung und Kompetenz aus dem Blick geraten. Deshalb ist die Nachqualifizierung der neu gewonnenen Kolleginnen und Kollegen selbstverständlich notwendig. Sie bringen zwar Fachwissen mit, aber fach- und stufendidaktisch, pädagogisch und psychologisch müssen sie die Kompetenzen erst erwerben, die der Alltag von Unterricht und Schule fordert. Diese Qualifizierung sicherzustellen ist die erste Aufgabe, und man kann schwerlich sagen, dass dafür die notwendigen Ressourcen an Zeit und Personal, bewährten Programmen und guten Lerngelegenheiten überall hinreichend bereitstehen.

Neue Akteure bedeuten zwar immer auch Irritation, aber manche Irritationen können produktive Kraft entwickeln.
Heinz-Elmar Tenorth, Historischer Erziehungswissenschaftler, Humboldt-Universität zu Berlin

Gymnasiallehrerinnen und -lehrer können in Grundschulen ein Gewinn sein

Über der aktuellen Not sehen die Kritiker allerdings zu wenig, dass hier auch Chancen jenseits der puren Mängelkompensation entstehen. Neue Akteure bedeuten zwar immer auch Irritation, aber manche Irritationen können produktive Kraft entwickeln. Für die Seite der Fachkompetenz wird das hier und da schon eingeräumt: In der beruflichen Bildung wird beim Wechsel in die Schule die Erfahrung aus der Praxis ja nicht vergessen, die Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger im Betrieb gemacht haben. Sie kennen die Arbeitsanforderungen zum Teil frischer und problemnäher als Lehrkräfte, die ihre Fachausbildung vor Jahren erworben haben.

Auch für die Naturwissenschaften oder die Informatik in Sekundarschulen können wir produktiven Kompetenztransfer erwarten. Wenn es gelingt, sie zu rekrutieren, wären außerdem Native Speaker in den Fremdsprachen ein Gewinn – so wie selbst Gymnasiallehrerinnen und Gymnasiallehrer in Grundschulen, wenn sie das stufenspezifische Ziel des Übergangs in fachlich bestimmtes Lernen mit ihrer Kenntnis der Standards bereichern und Transparenz über Erwartungen erzeugen. Dabei müssen sie ihrerseits lernen, welche Prämissen in der Sekundarschule wie selbstverständlich als Leistungen der Grundschulen vorausgesetzt werden. Das wäre ein zweiter positiver Effekt: Das Bildungssystem lernt über sich selbst und wird sich der Annahmen über Abschlüsse und Übergänge, Anschlüsse und Spezifika bewusst, die zwischen Schulstufen und Schulformen bestehen – und zwar im Alltag, nicht in der Formelsprache der Kompetenzkonstrukte. Der dritte Ertrag kann sich für Lehrerberuf und Lehrerbildung einstellen, wenn der ja mehr als randständige Quereinstieg lernbereit reflektiert wird, bis er flächendeckend evaluiert wird.

Im Umgang mit der Not ist systematisches Lernen nicht verboten.
Heinz-Elmar Tenorth, Historischer Erziehungswissenschaftler, Humboldt-Universität zu Berlin

Organisatorische Umsetzung der Lehrerbildung ist nicht in Erz gegossen

Aus Formen der Nachqualifizierung könnten wir erfahren, wie Lernen im Beruf und im kollegialen Kontakt möglich ist, und auch, welche Erwartungen an Mentorinnen, Mentoren und an zeitliche Ressourcen gestellt werden müssen, damit wirklich Unterrichtsfähigkeit entwickelt wird. Es ist sogar machbar, das stufen- und fachspezifisch zu variieren und zu untersuchen, Eingangskompetenzen zu kontrollieren sowie, zum Beispiel gestützt auf kollegiale Beobachtung und Kommunikation mit Eltern, Schülerinnen und Schülern, auch die Bewährung im Alltag zu diskutieren. Vielleicht machen solche Erfahrungen auch sensibel für funktionale Äquivalente zur Standardform der Lehrerbildung. Die klassisch gewordene triadische Sequenz von Hochschulstudium, Berufseinführung durch die Profession und Ausbildung der Expertise im Berufsalltag ist sachlich unbestritten notwendig, aber ihre organisatorische Umsetzung ist sicherlich nicht in Erz gegossen. Am Quereinstieg und mit der Berufspraxis könnte man prüfen, welche Alternativen für Ausbildungsorte, Formen und Akteure bestehen, auch für die zweite Phase oder die Universitäten, und, horribile dictu, ob es nicht sogar Alternativen zum deutschen Sonderweg, dem Zwei-Fach-Modell, gibt, die zum Beispiel ein Kollegium autonom bewältigen kann. Im Umgang mit der Not ist systematisches Lernen nicht verboten.

Zur Person

  • Der Erziehungswissenschaftler Heinz-Elmar Tenorth wurde 1944 in Essen geboren und studierte Germanistik, Geschichte und Sozialkunde sowie Philosophie und Pädagogik an den Universitäten Bochum und Würzburg.
  • 1975 promovierte er im Fach Pädagogik an der Universität Würzburg.
  • Von 1991 bis 2011 war Heinz-Elmar Tenorth als Professor für Historische Erziehungswissenschaft Lehrstuhlinhaber an der Humboldt-Universität zu Berlin.
  • Seit 1986 ist er Mitherausgeber der „Zeitschrift für Pädagogik“.
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