Hausaufgaben : Vom Ernst des Lebens, der keinen Spaß verstand

Als ihre ältere Tochter zur Schule kam, war die Autorin Anke Willers entspannt. Doch schon bald ahnte sie: So einfach ist es nicht. Der Kampf um die Hausaufgaben bestimmte fortan den Familienalltag, und die Mutter wurde zur Hilfslehrerin. So wie ihr geht es vielen Eltern. Im Deutschen Schulbarometer, einer repräsentativen Befragung im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT Verlagsgruppe, gaben die meisten der befragten Eltern an, dass sie ihre Kinder regelmäßig bei den Hausaufgaben unterstützen. Was dieser Job als Hilfslehrerin mit Anke Willers und ihren beiden Töchtern gemacht hat, beschreibt die Autorin ehrlich, schonungslos und mit einer guten Portion Humor in ihrem Buch „Geht’s dir gut oder hast du Kinder in der Schule?“. Wie alles begann, beschreibt sie in diesem Kapitel.

Anke Willers Anke Willers / 09. September 2019
Junge mit Schulranzen an der Hand
Wenn ein Kind eingeschult wird, sind auch Eltern gespannt - und wissen nicht, wie es mal mit Hausaufgaben laufen wird.
©iStock

Im September 2006 – ich lebte inzwischen in München und hatte Mann und zwei Kinder: Greta und Ida – wurde ich ein zweites Mal eingeschult. Und zwar zusammen mit meiner großen Tochter Greta, die damals gerade sechs Jahre alt geworden war. Ich wollte das nicht. Ich hatte nicht vor, noch mal zur Schule zu gehen. Ich fand: Schule ist Kinder- und Lehrersache. Und Grundschule sowieso. Da sollen die Eltern sich nicht ständig einmischen. Das schaffen die Kinder auch allein.

Und dieser ganze Förderzirkus war sowieso nicht meins. Ich hatte schon zur Kindergartenzeit nicht zu denen gehört, die ihre Kinder überallhin kutschierten. Und schon gar nicht würde ich meine Töchter mit dem SUV zur Schule fahren und ihnen den Ranzen und das Pausenbrot hinterhertragen.

Nein, ich würde auch nicht den Personal Trainer für meine Kinder machen und um sie rumhelikoptern. Schließlich hatte ich nicht nur Kinder, sondern auch einen Beruf, und um den irgendwie mit der Familie vereinbaren zu können, hatte ich Anfang der Nullerjahre richtig kämpfen müssen. Denn damals gab es weder bezahlte Elternzeit noch Kitaausbau.

Was mir Mut machte, war die Tatsache, dass ich Mädchen hatte. Das schien – zumindest was die Schule anging – ein klarer Startvorteil. Mädchen, so hörte ich überall, kämen von Anfang an in der Schule besser klar: weil sie besser stillsitzen und fokussierter arbeiten könnten, sich sprachlich oft differenzierter ausdrückten, feinmotorisch geübter und meistens auch angepasster seien. Das wiederum gefalle vor allem den weiblichen Lehrkräften, die ja in der Grundschule die große Mehrheit des Kollegiums ausmachten.

Ja, ich war überzeugt: Das läuft bei uns!

Geht ihr normal – oder macht ihr was Privates?, wurde ich beim Schultütenbasteln gefragt.
Anke Willers, Mutter von zwei Töchtern

Doch schon im letzten Kindergartenjahr dämmerte es mir: Ich war auf dem Holzweg. Und die Lage war ernster, als ich es wahrhaben wollte: „Geht ihr normal – oder macht ihr was Privates?“, wurde ich beim Schultütenbasteln gefragt. Und während ich für Gretas Schultüte ein paar Deko-Schmetterlinge ausschnitt, überlegte ich, was damit wohl genau gemeint war. Dann ahnte ich: Die Frage zielte auf die Schulwahl. Und die unausgesprochene Botschaft zwischen den Zeilen hieß: „Normal ist 2006 nicht mehr normal. Wenn du dein Kind einfach in der Grundschule um die Ecke einschulst, machst du es dir schlicht zu einfach. Es gibt schließlich noch Montessori und Waldorf und die Reformpädagogen, und du weißt ja, da kommen andere Menschen raus, bessere …!“

Es gibt, so erfuhr ich weiter beim Basteltag, auch die zweisprachige Privatschule. (Die unausgesprochene Botschaft: „Englisch ist heute so wichtig, und in der ersten Klasse sind noch alle Lernfenster offen. Da haben sie später im Beruf gleich einen Vorsprung.“) Und, achja, die Grundschule im Stadtviertel nebenan soll auch viel besser sein als die aus dem eigenen Sprengel … (Die unausgesprochene Botschaft: „Die haben eine sehr nette Schulleitung und nicht so viele Kinder aus schwierigen Verhältnissen – aber das darf man ja nicht laut sagen.“)

„Aber kommt man da nicht nur hin, wenn man da wohnt?“, fragte ich.
Die ausgesprochene Botschaft der Bastelmutter neben mir, die schon ein Kind in der Schule hatte: „Musst du halt deinen Wohnsitz ummelden!“
„???“
„Na, pro forma bei einer Freundin einziehen.“
„Das ist aber ein ganz schöner Aufwand und außerdem geschummelt.“
„Das wär mir mein Kind aber wert.“

BÄMM! Und schon war es da, das schlechte Gewissen. Ich hatte doch tatsächlich gedacht, ich melde mein Kind einfach in der Grundschule um die Ecke an.

„Klar machen wir das“, sagte der Kindsvater, selbst eher pragmatisch veranlagt. „Ist doch bloß die Grundschule, muss man doch nicht so einen Bohei drum machen. Außerdem: Wenn die ganz woanders zur Schule gehen, können die sich ja nachmittags gar nicht verabreden oder müssen immer irgendwo hinkutschiert werden.“ Ich dankte ihm für diese klaren Worte. Und wir beschlossen: Unser Kind geht normal.

Wir beschlossen außerdem: Es war auch normal, dass Greta vor der Schule noch nicht lesen konnte. Und wir würden das vorher auch nicht extra mit ihr üben. Trotzdem verunsicherten mich die Berichte anderer Eltern: „Neulich sitzen wir so am Tisch, und da guckt mein Kleiner ganz versonnen auf die Wasserflasche und sagt dann plötzlich: Vi-ta-quell. Einfach so. Also, ich hab ihm das nicht beigebracht …“

Aber reichte das für die erste Klasse? War sie wirklich ganz normal?
Anke Willers, Mutter von zwei Kindern

Unsere Tochter konnte das vor der Schule nicht. Sie sagte weder „Vitaquell“, wenn sie auf eine Wasserflasche schaute, noch „natürliches Mineralwasser mit Kohlensäure“. Unser Kind sagte:„Ich hab Durst!“ Es schraubte selbstständig den Deckel ab und zielte ins Glas. Greta konnte auf Litfaßsäulen auch schon große Gs erkennen – wie bei „Greta“. Und große Ws wie in „Willers“. Aber reichte das für die erste Klasse? War sie wirklich ganz normal?

Nein, ich mochte dieses Vergleichen nicht. Und doch fing ich schon damit an, noch bevor das Kind überhaupt in der Schule war. Am 13. September begann er dann offiziell: der Ernst des Lebens. Die Schule ging los. Zusammen mit über 100 anderen Erstklässlern wurde unser Kind in der Grundschule um die Ecke eingeschult. Es war eine Grundschule mit einem ziemlich großen Einzugsgebiet. Die Zweitklässler sangen für die Erstklässler in der Turnhalle ein Lied mit zweifelhaftem Inhalt:

„Alle Kinder lernen lesen, Indianer und Chinesen …“
Es war laut.
Es war aufregend.
Nur ein Kind weinte: Greta.

Zur Person

  • Anke Willers ist Journalistin und Buchautorin. SIe war Textchefin der Zeitschrift „Eltern” und hat dort als Kolumnistin über ihren Familienalltag geschrieben.
  • Heute ist sie leitende Redakteurin bei „Eltern family” und pendelt zwischen München und Hamburg.
  • Ihre Erfahrungen als „Hilfslehrerin“ bei den Hausaufgaben ihrer beiden Töchter hat Anke Willers in dem Buch „Geht’s dir gut oder hast du Kinder in der Schule?“ (Heyne Verlag, 19,99 Euro, 272 Seiten) beschrieben. Aus diesem Buch ist das hier abgedruckte Kapitel entnommen.
Anke Willers Buchcover
©Heyne Verlag