Geflüchtete : Wie sinnvoll sind Vorbereitungs­klassen?

Migrations­expertin und Deutsches Schulportal-Gastautorin Juliane Karakayali ist überzeugt: Für geflüchtete Kinder bringen Regelklassen plus intensive Förderung in Deutsch mehr Vorteile als separate Vorbereitungs­klassen.

Juliane Karakayali Juliane Karakayali / 26. April 2018
Blick in das Klassenzimmer: Wenn geflüchtete Kinder ohne Deutschkenntnisse in einer ganz normalen Regelklasse unterrichtet werden und sie zusätzlich intensive Förderung in Deutsch erhalten, hilft ihnen das mehr als eine separate Willkommensklasse, meint Gastautorin Juliane Karakayali.
Blick in das Klassenzimmer: Wenn geflüchtete Kinder ohne Deutschkenntnisse in einer ganz normalen Regelklasse unterrichtet werden und sie zusätzlich intensive Förderung in Deutsch erhalten, hilft ihnen das mehr als eine separate Willkommensklasse, meint Gastautorin Juliane Karakayali.
©Hardt photography

Wie können Schülerinnen und Schüler an Schulen in Deutschland unterrichtet werden, die kein Deutsch sprechen? Diese Frage wird intensiv diskutiert, seit 2015 die Zahl der neu nach Deutschland Einwandernden vergleichsweise stark anstieg. Dass diese Frage überhaupt noch gestellt wird, verweist auf ein strukturelles Problem: Seit Jahrzehnten wandern Kinder und Jugendliche ohne Deutschkenntnisse nach Deutschland ein, mal in größerer und mal in kleinerer Zahl. Und trotzdem haben sich offensichtlich bisher keine Verfahrensweisen etabliert, wie diese Kinder am besten in die Schule zu integrieren wären.

Spracherwerb im Alltag ist effektiver

Vielmehr wird vielerorts betont, dass man auf Migration nicht vorbereitet sei und Unterrichtskonzepte fehlten. Diese Wahrnehmung von Migration als Ausnahme spiegelt sich auch darin wider, dass für Schülerinnen und Schüler ohne Deutschkenntnisse separate Beschulungsformate eingerichtet werden. In 11 von 16 Bundesländern gibt es die Möglichkeit, Schülerinnen und Schüler ohne ausreichende Deutschkenntnisse temporär in separaten Vorbereitungsklassen zu unterrichten, bis sie so viel Deutsch gelernt haben, dass sie dem Regelunterricht folgen können.

Vorbereitungsklassen werden bei der Planung von Schulfesten ‚vergessen‘.
Juliane Karakayali, Soziologin an der Evangelischen Hochschule Berlin

Aus sprachdidaktischer Sicht ist eine strikte Separierung nicht sinnvoll: Eine Sprache wird nicht dadurch erworben, dass zunächst „trocken“ eine Grammatik sowie Vokabeln eingeübt und dann zu einem späteren Zeitpunkt angewendet werden. Effektiver verläuft der Spracherwerb, wenn es im Alltag die Möglichkeit gibt, die zu lernende Sprache zu hören und in sozialen Situationen auch anzuwenden.

Insofern sind Unterrichtsmodelle vielversprechend, in denen Schülerinnen und Schüler in einer Regelklasse unterrichtet werden und zusätzlich eine intensive Förderung in Deutsch erhalten. Eine solche Verfahrensweise ermöglicht es den Schülerinnen und Schülern zudem, am jahrgangsentsprechenden Fachunterricht teilzunehmen – wird ausschließlich separat Deutsch gelernt, so wird viel Stoff aus anderen Fächern verpasst.

Der Unterricht in reinen Vorbereitungsklassen ist zudem oft wenig formalisiert. Zumeist existiert für diese Klassen kein verbindliches Curriculum. Einige Lehrkräfte sehen dies als Vorteil, da die Schülerinnen und Schüler sehr unterschiedliche schulische Vorerfahrungen haben.

Die separierte Beschulung birgt auch jenseits der Unterrichtsgestaltung Konfliktpotenzial.
Juliane Karakayali, Soziologin an der Evangelischen Hochschule Berlin

Problematisch daran ist aber, dass damit allein die Lehrkraft über Unterrichtsinhalte und Lernmaterialien entscheidet. Damit variiert das, was gelernt wird, von Lehrkraft zu Lehrkraft stark, und für die Eltern besteht wenig Transparenz über Lernziele und -fortschritte. Die separierte Beschulung birgt aber auch jenseits der Unterrichtsgestaltung Konfliktpotenzial. So lässt die Beschulung in separierten Klassen die Schülerinnen und Schüler als „besonders“, als „irgendwie anders“ und vielleicht „gar nicht richtig zur Schulgemeinschaft zugehörig“ erscheinen. Das kann zu Anfeindungen auf dem Schulhof führen oder dazu, dass Lehrkräfte diese Schülerinnen und Schüler als kulturell fremd wahrnehmen und sich ihnen gegenüber distanziert verhalten. Die Separierung ist an vielen Schulen auch der Grund dafür, dass Vorbereitungsklassen bei der Planung von Schulfesten, Tagen der offenen Tür oder bei der Vergabe von Turnhallenzeiten „vergessen“ werden.

Das Regelsystem Schule muss alle Kinder integrieren

Oft werden separierte Vorbereitungsklassen nicht darum eingerichtet, weil sie als besonders sinnvolles Unterrichtsformat erscheinen, sondern weil im Regelsystem keine ausreichenden Ressourcen vorhanden sind: weil Regelschulplätze aufgrund von Fehlplanungen fehlen, die Schulen keine Sprachbildungskonzepte entwickelt haben, ein Mangel an ausgebildeten Lehrkräften herrscht und die Anwesenheit nicht Deutsch sprechender Schülerinnen und Schüler als krisenhafte Ausnahme betrachtet wird. In solchen Mangelsituationen besteht immer die Gefahr, dass sich die als zeitlich begrenzt geplante separierte Beschulung verstetigt, wie dies zum Beispiel aktuell in Berlin der Fall ist. Grundsätzlich sollte das Regelsystem Schule in der Migrationsgesellschaft Deutschland in der Lage sein, alle Schülerinnen und Schüler, die da sind, zu integrieren. Insofern birgt die mit dem Sommer 2015 erfolgte erhöhte Migration die Chance, herauszufinden, an welchen Stellen noch geschraubt werden muss, um dies zu ermöglichen.

Zur Person

  • Juliane Karakayali ist seit 2010 Professorin für Soziologie an der Evangelischen Hochschule Berlin.
  • Ihre Schwerpunkte in Lehre und Forschung sind Migration, Rassismus und Geschlechterforschung. Zu diesen Themen hat Juliane Karakayali bereits zahlreiche Publikationen veröffentlicht und Vorträge gehalten.
  • Sie ist Mitglied im Rat für Migration e. V.
  • Die 2017 von Juliane Karakayali et al. veröffentlichte Studie „Die Beschulung neu zugewanderter und geflüchteter Kinder in Berlin. Praxis und Herausforderungen“ ist vollständig und kostenlos abrufbar unter https://www.bim.hu-berlin.de/media/Beschulung_Bericht_final_10052017.pdf
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