Digitale Transformation : Framing – wie Sprache und Bilder das Schulleben beeinflussen

Schubladendenken bremst die digitale Transformation im Bildungsbereich: Die Schule im digitalen Wandel kann und muss mehr als „Tablet-Klassen” und „digitale Klassenzimmer” bieten. Schulportal-Kolumnist Dejan Mihajlovic erklärt in seinem Gastbeitrag, warum Framing nicht auf die technische Ausstattung reduziert werden darf.

Dejan Mihajlovic Dejan Mihajlovic / 02. Oktober 2018
Tablet, Federtasche und Schreibblöcke liegen auf einem Arbeitsplatz
Framing in der Schule: Wer nur von Tablet-Klassen spricht, setzt einen Fokus auf Technik und klammert Ideen für neue Lernprozesse und Strukturen aus.
©dpa
Die Analyse und Ideen für neue Lernprozesse, Lernsettings und Strukturen bleiben häufig auf der Strecke.
Dejan Mihajlovic

Framing, der aus der Kommunikationswissenschaft stammende Begriff, ist im öffentlichen Diskurs angekommen – spätestens seit der immer stärkeren gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dem weltweit zunehmenden Rechtspopulismus. Bei Framing geht es um einen durch Sprache oder Bilder geschaffenen Deutungsrahmen, in dem Informationen verarbeitet werden sollen. Da sich im digitalen Wandel die Ordnung von Gesellschaft grundlegend ändert, wird um Handlungsempfehlungen gerungen – auch im Bildungsbereich.

Der Fokus auf die Technik ist der falsche Weg

Wer von Tablet-Klassen spricht, erzeugt damit einen Deutungsrahmen. Das gedanklich gezeichnete Bild der Tablet-Klasse erzählt eine Geschichte. Natürlich sind Computer der Ursprung des digitalen Wandels und spielen als neues Leitmedium gesellschaftlich eine zentrale Rolle. Trotzdem wird mit Tablet-Klassen der Fokus auf Technik gelegt. Das freut zum einen Unternehmen, die Technik verkaufen möchten und zum anderen diejenigen, die nach Lösungen für die komplexen Herausforderungen des Kulturwandels suchen.

Das bedeutet natürlich nicht, dass die für die Schulentwicklung zuständigen Personen nur aufgrund des Deutungsrahmens Schulen mit Tablets überschütten und glauben, mit dem Kauf alle Aufgaben gelöst zu haben. Es erklärt aber zumindest, dass bundesweit auf den gut besuchten Veranstaltungen zum Thema Bildung im Zeitalter der Digitalität immer noch der Schwerpunkt bei Tablets und Apps liegt. Dabei bleiben die Analyse und Ideen für neue Lernprozesse, Lernsettings und Strukturen häufig auf der Strecke.

Wenn Framing Ängste und Ablehnung schürt

Das Gleiche gilt auch für die Personengruppe, die mit dem Einzug digitaler Technik in den Schulen den Weltuntergang herbei beschwört. Wer beispielsweise von einem digitalen Fukushima spricht, erzeugt bewusst ein Bild, das Digitales als Gefahr und Katastrophe zeichnet, Ängste schürt und eine in diesem Fall ablehnende Handlung gegenüber neuer Technik fördert. Dieser Frame setzt stark auf die dadurch aktivierten Gefühle. Das gilt vor allem für Ängste. Fakten scheinen dabei weniger wirksam zu sein.

Der kulturelle Wandel löst Grenzen auf, ändert Hierarchien und stellt die Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Dabei stehen die, die das bisherige System und die darin erworbenen Privilegien erhalten möchten, denen, die nachrücken und Reformen anstreben, gegenüber. Framing scheint eine beliebte und wirksame Waffe zu sein, im Kampf um die Deutungshoheit. Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang auch einen Blick auf die Titel- und Bildwahl von Plakaten zu werfen, die Veranstaltungen bewerben.

In einer Zeit, in der mehr und vielfältiger kommuniziert wird, benötigt es eine Sensibilität für bewusst oder unbewusst erzeugte Frames. Wer vom Starren auf Handys spricht, aber Menschen nie in Bücher starren sieht, verrät und unterstützt damit eine Haltung. Dasselbe gilt auch für die Beschreibungen Daddeln oder Wischen, die sich in Bezug auf Smartphones und Tablets sprachlich etabliert haben. Sie bestärken das Bild, jegliche Nutzung mobiler Endgeräte sei banal und automatisch minderwertig.

„Framing verstehen” als Bildungsauftrag

Framing darf im Bildungskontext aber nicht auf die Frage der Technik reduziert werden. Die anfangs erwähnten rechtspopulistischen Deutungsrahmen sind ein drängendes gesamtgesellschaftliches Problem und müssen ein elementarer Bestandteil eines jeden Bildungsauftrags sein. Wenn es anscheinend Menschen auch über Framing gelingt, Bilder und Gefühle zu erzeugen, die Gewalt auf den Straßen begünstigen, muss in Bildungsinstitutionen Aufklärungsarbeit geleistet und die Demokratie geschützt werden.

Zur Person

  • Dejan Mihajlovic unterrichtet Mathematik, Geschichte, Chemie und Ethik an der Freiburger Pestalozzi-Realschule.
  • Darüber hinaus arbeitet Dejan Mihajlovic unter anderem als Fachberater für Schul- und Unterrichtsentwicklung beim Staatlichen Schulamt und als SMV-Beauftragter beim Regierungspräsidium in Baden-Württemberg.
  • Das Schwerpunktthema von Dejan Mihajlovic ist „zeitgemäße Bildung im digitalen Wandel”. Zu diesem Thema hält er regelmäßig Vorträge, veranstaltet Workshops, moderiert und organisiert Veranstaltungen. Außerdem berichtet er darüber in seinem Blog „Dejan Mihajlovic – Bildung von morgen schon heute denken”.
  • Für das Schulportal schreibt Dejan Mihajlovic regelmäßig Gastbeiträge.
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