Fortbildung : Was Lehrerinnen und Lehrer jetzt können sollten

Vor den Sommerferien sollten sich Schulen Gedanken machen, welche Fortbildungen jetzt besonders wichtig sind. Während des Fernunterrichts haben die Lehrerinnen und Lehrer viel Neues ausprobiert. Einige der neuen Erfahrungen können auch im Regelunterricht wertvoll sein. Gleichzeitig haben sich in der Krise Schwächen offenbart, etwa beim eigenverantwortlichen Lernen der Schülerinnen und Schüler. Schulentwickler Matthias Förtsch gibt in seiner Kolumne eine Orientierung, worauf Schulen bei der Planung des Fortbildungsbedarfs jetzt achten sollten.

Matthias Förtsch / 11. Juni 2020
eine Lehrerin erstellt ein Erklärvideo
Nur wer eine Vorstellung davon hat, was ein gutes Lernvideo ausmacht, kann anschließend von Lernenden verlangen, ebenfalls eines zu erstellen.
©Getty Images

Während der akuten Covid-19-Infektionswelle waren viele Schulen zunächst überfordert und im Krisenreaktions-Modus. Inzwischen haben sie nach und nach etwas Zeit gewonnen –  Zeit zum Luftholen und Nachdenken. Zum Beispiel darüber, welche Fähigkeiten der Lehrerinnen und Lehrer im Fernunterricht hilfreich waren und auch darüber hinaus tragen. Diese Fähigkeiten und Fertigkeiten gehen weit über neue technische Kenntnisse hinaus.

Vor dem Start nach den Sommerferien

Bevor der Regelunterricht also „wie auch immer“ (Bundesbildungsministerin Anja Karliczek) nach den Sommerferien wieder startet, könnten die Lehrerkollegien dieser Republik zum Beispiel mal die zentralen Ziele der jeweiligen Schule, das Schulprofil, eben genau daraufhin prüfen, inwieweit dieses durch den Wandel der gesellschaftlichen Herausforderungen infrage gestellt wird. Hier mögen Fragen auftauchen wie:

  • Worauf wollen wir unsere Schülerinnen und Schüler (jenseits des vorgesehenen Abschlusses) eigentlich vorbereiten?
  • Was sind die aktuellen Herausforderungen dieser Gesellschaft? (Zukunft der Demokratie, Klimawandel, Globalisierung, Pandemien …)
  • Welche inhaltlichen und methodischen Schwerpunkte haben wir bisher gesetzt? Hierbei sollte das Bisherige jedoch nicht nur hinterfragt, sondern auch in seinem Wert neu wahrgenommen werden: Was genau schätzen wir wirklich am Präsenzunterricht, und wie werten wir genau diese Wirkung auf?
  • Welche Aspekte, die bisher in der Präsenz stattgefunden haben, können auch anders abgedeckt oder gar sein gelassen werden?
  • Wo haben sich im Fernunterricht oder im Hybrid-Unterricht Fortbildungsbedarfe bei den Lehrerinnen und Lehrern gezeigt?

Erst Fragen wie diese ermöglichen, den wirklichen Fortbildungsbedarf im Kollegium gezielt zu bestimmen.

Neue technische Fertigkeiten

Denn, einerseits, hat durch die erzwungene Hauruck-Digitalisierung während der Krise ein Großteil der Lehrkräfte technisch schnell dazugelernt:

  • Viele haben Videokonferenzen mit ihren Schülerinnen und Schülern organisiert, um den Kontakt zu halten, aber auch um bei auftretenden Schwierigkeiten gezielt individuell zu fördern.
  • Viele haben gute Lernvideos im Netz gefunden und eingebunden, manche sogar eigene erstellt. Und nur wer eine Vorstellung davon hat, was ein gutes Lernvideo ausmacht, kann anschließend von Lernenden verlangen, ebenfalls eines zu erstellen.
  • Viele haben angefangen, mit digitalen Tools (Selbst-)Diagnose zu Basisfertigkeiten zu ermöglichen (zum Beispiel mit Grammatik- oder Vokabeltests online oder mit Plattformen) oder die Schülerinnen und Schüler mit regelmäßigem Feedback im Lernprozess zu begleiten, und das alles weitgehend ohne Notendruck.

Lernsettings gestalten

Andererseits braucht es sicherlich weitere Fertigkeiten, die bisher zum Teil vorhanden waren, aber nicht im Fokus gestanden hatten: So sollten Lehrkräfte sowohl in der Lage sein, individuelle Angebote zu Grundlagen je nach Lernstand maßzuschneidern und das eigenständige Lernen von Schülerinnen und Schülern zu initiieren, als auch selbst gewählte Schwerpunkte als Vertiefung ermöglichen. So könnte eine neue Anforderung an alle Lehrerinnen und Lehrer sein, die Arbeit in Projekten zu fördern. Folgende Bereiche sind dabei wichtig:

  1. Die Zielsetzung des Projekts gemeinsam definieren
  2. Beteiligung bei der Themenwahl ermöglichen und organisieren
  3. Methodik der Erarbeitung sicherstellen
  4. Prozessbegleitung/Coaching beherrschen
  5. Eine begleitende Dokumentation (Projektmanagement) unterstützen
  6. Nicht zuletzt: vertrauen, statt permanent zu kontrollieren

Gleichzeitig könnte es vielen Lehrkräften gelingen, sich vom Denken in Schubladen (Fächern) hin zu der Frage zu bewegen, wozu das eigene Fach eigentlich dient. Nur dann kann man an thematische Schwerpunkte in Projekten andocken. Beispiele finden sich in den Schulen mit Global Goals Curriculum oder dem Konzept des vernetzten Unterrichts im Marchtaler Plan.

Prüfungen zeitgemäß gestalten

Auch die Prüfungen, eine der zentralen Aufgaben des Systems, könnten von Lehrkräften flexibler gestaltet werden. In der Corona-Phase waren zum Teil keine Prüfungen erlaubt bzw. war es unmöglich, sie in der bisherigen Form durchzuführen. Lehrerinnen und Lehrer stellten fest: Schulen könnten auch im Alltag zum Teil weg vom klassischen Format der Klausur oder Klassenarbeit kommen, hin zu offeneren Prüfungsformen (Lernvideo erstellen, Portfolio führen), und sie könnten Gruppenprozesse noch stärker in den Blick nehmen. Wenn die Vorgaben dies bisher verhinderten, so könnten sich hier nun neue Fenster öffnen, oder es braucht noch mehr Kreativität in der Interpretation der Vorgaben.

Das eigene Lernen stärken

Nicht zuletzt geht es aber auch um das Lernverhalten von Lehrkräften als „Lead Learners“. Sie müssen in der Breite die Angst vor der Einarbeitung in immer neue (technische) Möglichkeiten verlieren; die lebenslange Selbstfortbildung sollten sie als zentrale Aufgabe erkennen. Dafür bedarf es eines Persönlichen Lernnetzwerks (PLN), entweder vor Ort oder über soziale Netzwerke, und einer verstärkten Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen, inhaltlich wie methodisch. Das klingt zunächst nach viel Kooperationsarbeit, aber eben auch nach Synergieeffekten, wenn nämlich Schülerinnen und Schüler ihr Lernen ebenfalls zunehmend selbstständig und in Kooperation organisieren.

Zur Person

  • Matthias Förtsch ist Lehrer für Englisch und Gemeinschaftskunde (Politik, Wirtschaft und Soziologie) an einem privaten, gebundenen Ganztagsgymnasium in Baden-Württemberg.
  • Zusätzlich ist er hauptverantwortlich für die Schulentwicklung an seiner Schule.
  • Die Zukunft der Schule interessiert ihn so sehr, dass er darüber auch twittert und regelmäßig in seinem Blog berichtet.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Matthias Förtsch regelmäßig eine Kolumne.