Flexibel zum Abitur : Die Debatte um G8 oder G9 führt am Ziel vorbei

An den Gymnasien in Deutschland wird viel Energie in das Hin und Her der Schul­zeit-Reformen gesteckt. Matthias Förtsch, Kolumnist des Deutschen Schulportals, hält die Diskussion über G8 oder G9 für Unsinn. Was das Abitur wirklich braucht, sei mehr Flexi­bilität. Andere Länder machen längst vor, wie das funktionieren kann.

Matthias Förtsch Matthias Förtsch / 09. August 2018
Schüler laufen an einer tafel vorbei, auf der Tafel steh G8 und G9
G8 oder G9 sei nicht entscheidend, der Weg zum Abitur sollte generell viel flexibler sein, meint Kolumnist Matthias Förtsch.
©dpa

Liebe Bildungsschaffende,

stellen Sie sich vor, Sie gehen in ein Schuh­geschäft, in dem es nur Schuhe in Größe 38 zu kaufen gibt. Leider passt Ihnen aber nur die Größe 42. Der Inhaber reagiert darauf und stellt sein Geschäft so um, dass es fortan nur noch Ihre Größe zu kaufen gibt.

Ein unrealistisches Beispiel, meinen Sie? Dann betrachten Sie mal unser Schul­system, in dem ziemlich ähnlich gedacht wird. Egal, ob eine in Mathe­matik hoch­begabte Schülerin, ein von familiären Problemen psychisch belasteter Schüler oder ein junger, kurz vor dem Abschluss in seinem Heimat­land Geflüchteter mit nur rudi­mentären Deutsch­kenntnissen: Alle haben die gleiche Schul­zeit, fast die gleichen Kurse auf dem gleichen Niveau zu belegen, und am Ende steht für viele mit dem Abitur eine Abschluss­prüfung an, die über viele Lebens­chancen entscheidet.

Das ist auch vernünftig so, sagen Sie? Dann fragen Sie mal diejenigen Schüler­innen und Schüler, die zum Beispiel wegen einer Schwäche in Mathe­matik oder den Natur­wissen­schaften in diesem Jahr durchs Abitur gefallen sind und deshalb – zumindest in Deutsch­land – ein ganzes Jahr sinn­los wieder­holen müssen. Neben der individuellen Zumutung entsteht ein nicht unerheblicher volks­wirtschaftlicher Schaden: die weitere Beschulung, der gegebenen­falls verzögerte Nicht-Antritt des Studiums oder einer Ausbildung und/oder der verlagerte Eintritt ins Berufs­leben verursachen Kosten, die in fast keiner bildungs­politischen Rechnung auftauchen.

In Kanada kann jede Prüfung wieder­holt werden

Dabei ginge es durchaus anders, wie sich in vielen anderen Länder zeigt. Nur müsste man dafür bereit sein, das deutsche Bildungs­system nicht für das Maß aller Dinge zu halten, sondern es im Gegen­teil in ein agiles System verwandeln, das dadurch dann Individuen best­möglich fördert.

Der Blick nach Kanada zeigt: Hier ist der Zug nie ab­gefahren. Im Zweifel kann jede Prüfung wieder­holt werden. Selbst eine bestandene – die bessere Prüfung zählt! Zwar wird eine Gebühr fällig, wenn man sich zur Wieder­holung anmeldet, sie entfällt jedoch, wenn man sich um fünf Prozent verbessert. Einen Teil der für den Abschluss nötigen Credit Points kann man in flexiblen Programmen wie „Work Experience“ oder „Special Projects“ erwerben (siehe Flexible High School Completion, Alberta). In Kanada wird nicht final gesagt, ein Schüler oder eine Schülerin sei nicht „abitur­abel“, sondern es wird gesagt: „not yet“ – die Schülerin oder oder der Schüler ist noch nicht bereit für den Abschluss, weil die Leistungs­fähig­keit eben auch vom Reife­grad abhängen kann.

In Finnland erhält man einen dem Abitur vergleich­baren Abschluss nach zwei bis vier Jahren in der Ober­stufe – je nachdem wie leistungs­bereit man ist beziehungs­weise welche Punkt­zahl man erreichen möchte. Auch hier dürfen bestandene Prüfungen einmal wieder­holt werden, wobei die bessere Note zählt. Ein Zentral­abitur wird alle sechs Monate auf verschiedenen Niveau­stufen angeboten. Auch in Süd­korea, Irland, Singapur oder Australien finden sich ähnliche flexible Wege.

Schülerinnen und Schüler sollen den Takt selbst entscheiden

Wir haben in einer Projekt­gruppe versucht, mit einem Konzept namens „Abitur im eigenen Takt“ die Veränderung des Denkens in Deutsch­land hin zur konsequenten Output-Orientierung anzustoßen. Schülerinnen und Schüler sollten durch die Anwahl modularisierter Kurse selbst entscheiden, ob sie die Kurs­stufe zum Abitur in zwei oder drei Jahren absolvieren wollen. Dabei könnte es auch ein Teil­abitur geben, das Deutsch-Abitur also zum Beispiel in einem Jahr und das Mathe-Abitur im Jahr darauf absolviert werden. Eine Inte­gration von Praktika oder Auslands­aufent­halten wäre in einer solchen Ober­stufe problem­los möglich, längere Krank­heiten könnten abgefedert werden, und ein außer­schulisches Engagement würde er­leichtert. Zaghafte Vorschläge im inter­nationalen Vergleich – doch in Deutschland scheint eine solche Umsetzung undenkbar: Die Vergleich­bar­keit sei gefährdet, heißt es aus den Kultus­ministerien.

Aber: Erstens waren die Abitur­prüfungen der 16 Bundes­länder zu keinem Zeit­punkt wirklich vergleich­bar. Sogar inner­halb eines Bundes­lands wie Baden-Württemberg gibt es Abitur­prüfungen auf unter­schiedlichem Niveau, die jedoch zu einem rechtlich absolut gleich­wertigen Abschluss führen. Das Argument ist also vor­geschoben. Zweitens wird eine Leistung nicht durch den Zeit­punkt der Prüfung bestimmt, sondern dadurch, dass man diese Hürde nimmt.

Was viel eher gefährdet ist als die Vergleich­bar­keit des Abiturs, ist die Qualität des deutschen Schul­systems, wenn es so starr und unflexibel bleibt und so daran scheitert, ein System für die Bedürfnisse jedes einzelnen Schülers und jeder einzelnen Schülerin zu sein.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Matthias Förtsch

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Friedemann Stöffler, Matthias Förtsch (Hrsg.): „Abitur im eigenen Takt. Die flexible Ober­stufe zwischen G8 und G9“, Beltz, 126 Seiten, 16,95 Euro. Erschienen im August 2014.

Zur Person

  • Matthias Förtsch ist Lehrer für Englisch und Gemein­schafts­kunde (Politik, Wirtschaft und Sozio­logie) an einem privaten, gebundenen Ganz­tags­gymnasium in Baden-Württem­berg.
  • Zusätzlich ist er haupt­verantwortlich für die Schul­entwicklung an seiner Schule.
  • Die Zukunft der Schule interessiert ihn so sehr, dass er darüber auch twittert und regelmäßig in seinem Blog berichtet.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Matthias Förtsch regel­mäßig eine Kolumne.
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