Bildungsrevolution : Finnland schafft die Schulfächer ab

In Finnland sollen bis 2020 die klassischen Schulfächer abgeschafft werden. Ein Vorbildmodell für andere? Sowohl als auch, sagt Gastautor Jochen Schnack.

Jochen Schnack Jochen Schnack / 30. April 2018
Geodreieck = Matheunterricht? Ganz so eindeutig ist es in Finnland bald nicht mehr. Dort werden die klaren Grenzen zwischen den Schulfächern gerade abgeschafft.
Geodreieck = Matheunterricht? Ganz so eindeutig ist es in Finnland bald nicht mehr. Dort werden die klaren Grenzen zwischen den Schulfächern gerade abgeschafft.
©Hardt photography

Vor einiger Zeit hat die Nachricht Aufsehen erregt, dass in Finnland die Schulfächer durch die Methode des „Phänomen-basierten Lernens“ (PBL) ersetzt werden sollen. Dabei suchen sich die Schülerinnen und Schüler einen Interessenschwerpunkt aus und strukturieren von diesem aus zusammen mit der Lehrkraft die eigentlichen Unterrichtsthemen und Fragestellungen, die sie bearbeiten wollen. Mit diesem fächerübergreifenden Ansatz sollen die Kinder verstärkt lernen, ihren Interessen nachzugehen und ihren Lernprozess selbst zu strukturieren. Vor allem aber sollen sie Spaß am Lernen haben und echte Neugier auf spannende Fragestellungen entwickeln, sodass das auf diese Weise Gelernte auch wirklich hängenbleibt. Ist dieser Weg Erfolg versprechend?

Versuche, die Grenzen der Fächer zu überwinden, gibt es schon lange

Zunächst mal klingt die Nachricht aus Finnland spektakulärer, als sie ist. Das enge und in Teilen überkommene Korsett der klassischen Schulfächer steht nämlich bereits seit vielen Jahren in der Kritik – auch in Deutschland. Die wesentlichen Argumente lauten:

  • Durch die Aufgliederung des Wissens in Fächer werden die vorhandenen Zusammenhänge zwischen den Wissensbeständen der einzelnen Fächer verdeckt.
  • Das Prinzip des Fachunterrichts hindert die Schülerinnen und Schüler oftmals daran, die Besonderheiten und die Grenzen eines Fachs zu erkennen.
  • Das Lernen in Fächern wird in vielen Fällen den komplexen Problemen der Wirklichkeit nicht gerecht.
  • Im Zusammenhang mit der Unterrichtsorganisation führt das Fachunterrichtsprinzip zu einer Zerstückelung des Lernens.
  • Ein in Fächern organisierter Unterricht begünstigt eine eher wissenslastige Gestaltung des Unterrichts, die nicht mehr in die digitalisierte Welt des 21. Jahrhunderts passt, in der Wissen leicht verfügbar ist und es eher darum gehen muss, Strukturen und Methoden zu vermitteln.
Das Lernen in Fächern wird in vielen Fällen den komplexen Problemen der Wirklichkeit nicht gerecht.
Jochen Schnack, Leiter der German International School Boston

Auf der Grundlage dieser Kritik gibt es seit Langem vielfältige Versuche, die Grenzen der Fächer zu überwinden. „Projektlernen“, „fächerverbindender“ und „fächerübergreifender“ Unterricht sind Stichworte, die es bereits in die Bildungspläne vieler Länder geschafft haben – was beweist, dass es auch in der Bildungspolitik eine klare Wahrnehmung der Fächergrenzen gibt. Viele Länder gehen einen Schritt weiter und bilden fächerübergreifende „Lernbereiche“ (zum Beispiel „Naturwissenschaften und Technik“ in den Klassenstufen fünf und sechs) oder „Aufgabengebiete“ (zum Beispiel „Gesundheitserziehung“ oder „Nachhaltige Entwicklung“).

Gleichwohl sind wir von einer Abschaffung der Fächer weit entfernt. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Erstens ist da die banale Beharrungskraft des Status quo: Das System der Fächer ist über Jahrhunderte hinweg gewachsen und Grundlage nicht nur für die Stundentafeln der Schulen, sondern auch für die akademische Lehrerausbildung und die Fortbildung. Es prägt das Selbstbild und die Professionalität von Lehrkräften in einem erheblichen Maße und lässt sich daher nicht „einfach so“ abschaffen.

Zweitens erfordert ein konsequent fächerübergreifendes Lernen grundlegend andere Kompetenzen von der Lehrkraft. Während die Fachlehrkraft vor allem die Inhalte und Methoden ihres Fachs vermittelt, geht es in einem Unterricht nach dem Modell des PBL viel eher darum, die sehr unterschiedlichen Lernprozesse der Schülerinnen und Schüler zu organisieren und anzuleiten. In vielen Fällen wird es die Lehrerin oder der Lehrer dabei mit Inhalten zu tun haben, über die sie oder er nicht viel mehr weiß als die Schülerin oder der Schüler. Dies führt zu Verunsicherung und ruft Widerstände hervor.

Schulfächer ermöglichen breite Ausbildung der Lernenden

Vor allem aber ermöglichen die Fächer gerade in ihrer Vielfalt verschiedene Zugänge zur Erschließung der Welt. Diese Verschiedenheit hat einen eigenen Wert; die Naturwissenschaftlerin schaut mit anderen Augen auf die Dinge als der Künstler oder die Historikerin, und sie verwendet auch andere Methoden, um die Welt zu erforschen. Indem die schulische Stundentafel diese Verschiedenheit betont, sorgt sie für eine breite Ausbildung der Schüler.

Wir benötigen letztlich beides: die Systematik der Fächer – und die Lust, sie immer wieder zu überschreiten.
Jochen Schnack, Leiter der German International School Boston

So benötigen wir letztlich beides: die Systematik der Fächer – und die Lust, sie immer wieder zu überschreiten. Nur so kann die Schule den komplexen, fächerübergreifenden Herausforderungen gerecht zu werden, die unsere Welt bietet.

Zur Person

  • Jochen Schnack leitet die German International School in Boston.
  • Die German International School Boston zählte 2017 zu den nominierten Schulen für den Deutschen Schulpreis.
  • Jochen Schnack ist Mitglied der Redaktion des Magazins „Pädagogik“.
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