Erste Hilfe : Lehrkräfte brauchen mehr Sicherheit für Notfälle

Die Verunsicherung unter Lehrkräften ist groß: Kürzlich betonte der Bundesgerichtshof in Notfällen die Erste-Hilfe-Pflicht für Lehrkräfte. Doch wie gut sind die Lehrerinnen und Lehrer tatsächlich auf solche Fälle vorbereitet? Schulportal-Kolumnistin Sabine Czerny findet, ein Erste-Hilfe-Kurs alle zwei Jahre reiche nicht aus, und fordert: Wiederbelebungsmaßnahmen müssten regelmäßig geübt werden.

Sabine Czerny Sabine Czerny / 18. April 2019
Schülerin übt an einem Dummy die Herzdruckmassage.
Wie oft soll man den Brustkorb drücken? Wie hieß der Song nochmal, den man bei der Herzdruckmassage singen soll, um den richtigen Rhythmus zu haben? Nicht jeder kann das Gelernte aus dem Erste-Hilfe-Kurs im Notfall abrufen.
©Patrick Pleul (dpa)

Kürzlich wurde vor dem Bundesgerichtshof der Fall eines Schülers vor Gericht verhandelt, der nach einem Vorfall im Sportunterricht schwerbehindert ist. Die Lehrkraft hatte, nachdem er einfach zusammengesackt war, den Notruf gewählt, das Kind in die stabile Seitenlage gebracht, aber offensichtlich keinerlei Maßnahmen zur Wiederbelebung eingeleitet.  Nun wird unter Lehrkräften, aber auch in den sozialen Medien heiß diskutiert, in welchem Rahmen Lehrerinnen und Lehrer Erste Hilfe leisten müssen und inwieweit die Ausbildung zur Ersten Hilfe auch bei Schülerinnen und Schülern verpflichtend werden sollte.

Die Verunsicherung ist groß, und ich kann das gut verstehen. Ich habe doch selbst schon etliche Erste-Hilfe-Kurse absolviert, in den vergangenen Jahren war es sogar für mich und meine Kolleginnen und Kollegen vorgeschrieben, alle zwei Jahre einen mehrtägigen Kurs zu absolvieren. Da mir diese Thematik schon immer wichtig war, habe ich, wenn möglich, mit den Kindern meiner Klassen oder in Arbeitsgemeinschaften auch den „Juniorhelfer”  gemacht. So heißt hier die kindgerechte Ausbildung in Erster Hilfe, die – wenn möglich – von einer Fachkraft geleitet wird. Ich kann also, glaube ich, von mir behaupten, dass ich für diese Sache interessiert und aufgeschlossen bin.

Mir graut bei dem Gedanken, Erste Hilfe bei einem Bewusstlosen leisten zu müssen

Bei aufgeschürften Knien und Ellenbogen, bei Verstauchungen, Beulen und Ähnlichem reagiere ich ruhig und souverän. Steht ein Kind blutüberströmt auf dem Pausenhof „funktioniere“ ich. Ruhe bewahren, Verletzung einschätzen, kurze, knappe Anweisungen an die Umstehenden geben, Notarzt rufen, zum Blutstoppen eine Kompresse anlegen mit Druck auf die tiefe Platzwunde, das Kind hinlegen, mit ihm sprechen, auf Anzeichen einer Bewusstlosigkeit achten etc.

Auch als ein Kind im Morgenkreis einfach umgefallen ist und kurz ohnmächtig war, schaltete ich sofort in den „In Ruhe zuverlässig funktionieren“- Modus um. Mein Glück war, dass dieses Kind noch atmete und sein Puls zu fühlen war, soweit hatte ich alles geprüft. Dennoch war ich froh, als der Notarzt endlich da war und das völlig blasse, kraftlose und lethargische Kind weiter versorgte.

Aber – wenn ich ehrlich bin – mir graut vor dem Gedanken, bei einem Bewusstlosen Erste Hilfe leisten zu müssen oder gar bei jemandem ohne spürbaren Puls. Ja, theoretisch habe ich gelernt, was ich tun muss. Und wenn ein Defibrillator in der Nähe wäre, wüsste ich auch damit umzugehen. Gegebenenfalls leitet der einen ja auch akustisch an. Aber was, wenn keiner greifbar ist? Da merke ich doch, dass auch ich unsicher werde. Wie oft nochmal Luft einhauchen? Wie oft den Brustkorb drücken? Wie hieß der Song nochmal, den man bei der Herzdruckmassage singen soll, um den richtigen Rhythmus zu haben? Das war doch „Stayin‘ alive“ von den Bee Gees, oder doch ein anderer? Und kein Problem, wenn ich ein paar Rippen breche, hieß es in dem Kurs – hier gehe es um Leben oder Tod, Rippen heilten wieder. Dennoch keine angenehme Vorstellung. Und was, wenn das Kind trotzdem stirbt? Die Mund – zu- Mund-Beatmung….Wie war das? Erst schauen, ob etwas im Rachen ist? Auf die Zunge achten? Und überhaupt: Hieß es das letzte Mal nicht, man solle über die Nase beatmen? Außerdem solle man sich vor Ansteckung schützen, also irgendwie die Schleimhäute abdecken. Aber womit? Und ja, zugegeben, ein wenig ekelt es mich schon bei der Vorstellung einem wildfremden Menschen so nahe zu kommen… Ich gehe dieses Szenario öfter in Gedanken durch. Ich will ja richtig reagieren, will helfen und gegebenenfalls Leben retten.

Es fehlt die Übung, um das Gelernte in jedem Fall abrufen zu können

Aber mir fehlt einfach die Erfahrung und die Übung, trotz der Kurse. Ich bin nicht sicher darin, ich habe den exakten Ablauf nicht verinnerlicht. Und schon gar nicht soweit, dass ich gewiss sein könnte, ihn im Fall der Fälle abrufen zu können. Vielleicht liegt das ja auch daran, dass in meinen bisherigen Kursen zwar immer wieder das richtige Verpflastern, Kühlen und Verbinden geübt wurde – aber eben diese Wiederbelebungsmaßnahmen nicht wirklich.

Bislang kamen die immer am Schluss, die Kursteilnehmer waren müde, der Kursleiter auch. Das wurde dann also einmal vorgemacht, wer mochte, durfte es auch einmal probieren. An sich müsste man aber genau diesen Ablauf zigfach üben. Immer und immer wieder. Kein Mensch stirbt, nur weil eine Schürfwunde nicht sofort richtig versorgt wurde. Aber ein Mensch kann sterben, wenn die Wiederbelebungsmaßnahmen nicht durchgeführt werden.

Es wäre natürlich zu begrüßen, wenn alle Lehrerinnen und Lehrer in der Schule regelmäßig einen Erste-Hilfe-Kurs besuchen. Aber einen Kurs besuchen heißt noch lange nicht, das Gelernte dann auch anwenden zu können. Es muss geübt werden, und zwar so lange bis es „sitzt“. Das würde bedeuten: kleine Gruppen bilden mit ausreichend Material – und eben regelmäßig üben. Am besten alle paar Monate eine Auffrischung – nicht theoretisch, sondern pure Praxis. Aber bitte das Ganze nicht wieder, wie so vieles in den vergangenen Jahren, als weitere Verpflichtung und Verantwortung einfach on top. Auch wenn mancher es nicht glauben mag, wir Lehrkräfte sind am Limit des Machbaren, und teilweise auch darüber hinaus.

Schon Kinder sollten befähigt werden, Erste Hilfe zu leisten

Und am besten wäre es natürlich, wenn all unsere Kinder schon mit der Fähigkeit zur Ersten Hilfe aufwachsen würden. Schon die Kleinen sollten wissen, wie man den Notruf wählt und wie man ein Pflaster oder ein Kühlpack auflegt. Insbesondere sollten sie wissen, wie man ruhig bleibt und wie man sich im Klassenverband verhält, so dass die Lehrkräfte sich mit voller Aufmerksamkeit dem Verletzten widmen können. Das ist nämlich leider alles andere als selbstverständlich.

Mit zunehmendem Alter und je nach den körperlichen Möglichkeiten der Kinder kommen in den Folgejahren dann das Anlegen von Verbänden und Schienen, die Versorgung von Wunden, das Einleiten von Wiederbelebungsmaßnahmen und anderes dazu. Und geübt wird am besten halb- oder vierteljährlich für ein paar Stunden. Und zwar in Kleingruppen, so dass jedes Kind oft genug dran kommt, um sicher zu werden. Und unter der Anleitung von Fachleuten und mit ausreichend Material für jeden. Aber auch hier gilt: bitte nicht alles on top, nicht noch mehr Input für die Kinder in noch kürzerer Zeit! Sondern auch beim Lernstoff für die Schülerinnen und Schüler endlich mal „entmüllen“ – und abwägen, was unsere Kinder wirklich brauchen.

Dann würden wir auch dem Wunsch vieler Schüler ein Stück näher kommen, wirklich fürs Leben zu lernen.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­­schule im Groß­­raum München eine zweite Klasse in allen Fächern. Zusätzlich gibt sie Fach­­unter­­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundes­weit Schlag­­zeilen: Weil ihre Schüler­­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.