Kolumne : Elternarbeit in der Schule? Nein, danke!

Ob Doodle-Listen für das Klassenfrühstück, WhatsApp-Gruppen oder Elternabend: Schulportal-Kolumnistin Sandra Garbers hält sich lieber zurück, als sich in der Grundschule ihrer Tochter zu engagieren. Warum sie manchmal doch ein schlechtes Gewissen hat und wieso sie vielleicht bald zum Schnitzmesser greift, erklärt sie in ihrer neuen Kolumne über Elternarbeit in der Schule.

Sandra Garbers Sandra Garbers / 06. November 2018
ein aus Gemüse geschnitzter Zug mit zwei Anhängern
Manche Eltern schneiden für das Klassenfrühstück ihrer Kinder nicht nur Gemüse in Scheiben und Streifen, sondern schnitzen sogar aufwändige Figuren aus Gurken, Paprika und Möhren. Schulportal-Kolumnistin Sandra Garbers besorgt stattdessen lieber Orangensaft.
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Kürzlich war ich bei der Informationsveranstaltung einer Grundschule für die neuen ersten Klassen 2019/20. Die Schulleiterin nickte mir sehr freundlich zu. Dann sagte sie: „Wir kennen uns doch auch irgendwoher…“ Hm. Das klang ein wenig bedenklich. Denn meine Tochter geht seit drei Jahren auf diese Schule. Wir reden hier nicht über eine sechszügige Riesenschule, sondern über eine sehr, sehr kleine Schule. Geradezu mikroskopisch klein. Einzügig. Man kennt sich untereinander. Jeder Jeden. Nur mich offenbar nicht.

Lieber sechs Liter Orangensaft statt Monster-Cupcakes

Wie hatte ich als Mutter so versagen können? Gilt der Geschwisterbonus für meinen kleinen Sohn überhaupt, wenn ich als Mutter quasi nicht existent bin? Hatte ich mich zu selten über das Schulessen beschwert? Die falschen Kuchen gebacken? Ach, wenn ich überhaupt mal Kuchen backe. Meist trage ich mich ganz schnell als eine der ersten in die Doodle-Listen ein. Dann, wenn man noch mit sechs Litern Orangensaft davonkommt. Oder mit 20 Brezeln. Bislang habe ich es immer geschafft, bevor nur noch so etwas wie geschnittenes Obst der Saison, Nudelsalat oder Kuchen (bitte ohne Nüsse und keine Backmischung) übrigbleibt. Als Schul-Mutter bin ich offenbar ein Total-Ausfall.

Meine Freundin Katharina übernimmt das kleingeschnittene Gemüse selbst dann, wenn man eigentlich auch noch einen Kasten Wasser kaufen könnte oder eine Packung Schaumküsse. Und es reicht ihr beileibe nicht, das Gemüse einfach in Scheiben oder Streifen zu schneiden. Sie schnitzt kleine Paprika-Formel-1-Autos mit Gurkenrädern. Und wenn sie schon mal dabei ist, dann backt sie auch gleich noch Monster-Cupcakes, wie man sie schöner auch bei Instagram nicht findet. Wenn ich Katharina zusehe, dann habe ich immer ein ganz schlechtes Gewissen und versuche mich damit zu beruhigen, dass sie neben den Kindern nicht auch noch Hund und Katze hat, wie ich, sondern nur zwei Meerschweinchen und damit viel mehr Zeit. Katharina ist seit der ersten Klasse Elternvertreterin.

Warum engagierte Eltern moderne Helden sind

Im Grunde war die Aufteilung der Mütter und Väter in Pfeiler der Klassengemeinschaft und erleichtert schweigende Mehrheit gleich nach dem allerersten Elternabend klar. Vier eifrige Arme schossen unter den ungläubigen Blicken von uns anderen in die Höhe, als gefragt wurde, wer bereit sei, sich als Elternvertreter aufstellen zu lassen. Es gab dann sogar eine Kampfabstimmung. Die erleichtert schweigende Mehrheit (wir) war froh, dass es überhaupt jemand machen wollte. Also Doodle-Listen für das Klassenfrühstück vor den Ferien erstellen. Geburtstagsgeschenke für die Klassenlehrerin besorgen. Und alle kleinen Probleme, die sich die erleichtert schweigende Mehrheit nicht zu sagen traut, mit Hilfe von WhatsApp-Ketten in größere Formen gießen. So lange bis aus einem einzelnen Problemchen einzelner endlich ein fast unüberwindbares Riesenproblem aller geworden ist. Dann laufen Elternvertreter zur Höchstform auf. Denn Probleme lösen können sie! Dafür wurden sie gewählt! Einige sind sogar bereit, die Klasse bei Ausflügen und Klassenreisen zu begleiten. Moderne Helden!

Im Grunde war die Aufteilung der Mütter und Väter in Pfeiler der Klassengemeinschaft und erleichtert schweigende Mehrheit gleich nach dem allerersten Elternabend klar.
Sandra Garbers

Elternarbeit in der Schule: Auf der Suche nach der richtigen Strategie

Das meine ich ernst. Ich bin unendlich dankbar, dass es die Freiwilligen gibt, die das tun, was wir anderen alle nicht tun möchten. Wir Anderen, die das leichte Unbehagen, dass Schule bereiten kann, auch mit dem Abitur vor 25 Jahren nicht hatten ablegen können. Bleibt die Frage, wie ich es hinkriege, dass die Schulleiterin mich trotzdem erkennt. Mir muss also irgendwie das Kunststück gelingen, mich einerseits freiwillig zu melden, gleichzeitig aber unwählbar zu sein. Wer möchte Gesamtelternvertreter werden? „Ich, ich, ich!!“ (Regieanweisung: Beim Melden nicht das Schnipsen vergessen, das sich wie Finger brechen anhört). „Bitte!!! Ich habe so viele Ideen für uns alle! Wenn ich gewählt werde, putzen alle Eltern und die Lehrer als erstes die Klos in Eigenregie! Mit Zahnbürsten! Für unsere Kinder!“ Sowas in der Art. Andererseits: dieses Nichterkennen hat ja auch etwas Positives! Ich bin keine Nervensäge! Offenbar.

Vor ein paar Tagen füllte ich vorsichtshalber den Fragebogen für die Alternativschule aus. Unter Punkt drei musste ich folgende Frage beantworten: „Bei uns arbeiten die Eltern rege mit. Wo werden sie sich einbringen?“ Gegenfrage: Schon mal etwas von Paprika-Boliden mit Gurkenrädern gehört?

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Das Hauptziel der Gruppenstunde ist es, Freude am gemeinsamen Erleben zu entwickeln und die Sozialkompetenz und das Verantwortungsgefühl der Kinder in ihrer Gruppe zu fördern.
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©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)

Die Elternschaft der Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim wirkt an der Gestaltung des Ganztagsbereichs und des Schullebens entscheidend mit. Die Mütter und Väter leiten über ein ganzes Schuljahr Kleingruppen. So ermöglichen sie den Fünft- bis Siebtklässlern eine abwechslungsreiche Ergänzung zum Unterricht – ganz gleich ob Pizzabacken oder Batiken, Inline-Hockey oder Pantomine. Zugleich erhalten die Mütter und Väter einen tiefen Einblick in den Schulalltag ihrer Kinder.

Die Hildesheimer Robert-Bosch-Gesamtschule ist 2007 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet worden.

Hier geht es zum Konzept „Gruppenstunden im Ganztag“.

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