Einschulung : Eltern müssen draußen bleiben

Seit ihre Tochter zur Schule geht, ist Schulportal-Kolumnistin Sandra Garbers über alles Wichtige und Unwichtige bestens informiert. Jetzt ist ihr Sohn in die erste Klasse gekommen. Und bei ihm ist alles anders. Schule ist offenbar seine Privatsache. Er rückt einfach nicht raus mit der Sprache.

Sandra Garbers Sandra Garbers / 03. September 2019
Mädchen in der Schule am Tisch mit Schulbüchern
Es gibt Kinder, von denen erfahren die Eltern alles über die Schule und manchmal sogar zu viel. Andere hingegen erzählen zu Hause kaum etwas.
©Getty Images

Mein Sohn fuhr noch im letzten Kita-Jahr stolz mit dem lilafarbenen Blümchenfahrrad namens „Prinzessin Vöglein“ der großen Schwester. Er fand es hübsch, es hatte eine Gangschaltung, und dass andere Kinder riefen: „Das ist ein Mädchenrad, Mädchenrad, Mädchenrad!!!“, störte ihn überhaupt kein bisschen. Fußball und Sich-Prügeln findet er doof. Wenn es warm wird, zieht er auch gern mal ein Sommerkleid an. Weil: Sommerkleider und Flipflops – eine bessere Kleidung gibt es schließlich nicht für heiße Tage. Sagt er. Seine Schwester sagt: „Du kannst alle Kleider haben, ich zieh sowieso lieber Jeans an.“ Die ganze Familie sieht dieses Jungs-Mädchen-Ding also eher entspannt.

Aber jetzt ist Schule. Und seit der Sohn in die erste Klasse geht, ist der kleine Unterschied plötzlich ziemlich groß. Schule war die letzten drei Jahre, bei der großen Schwester, so: „Mama, weißt du, was Sophie heute zu Hannah gesagt hat?! Sie kann Weitsprung besser! Total fies … Dabei ist sie nur ein einziges Mal sieben Zentimeter weiter gesprungen. Und nur weil Hannah vor dem Absprung gestolpert ist. Und das ist ja auch total angeberisch von Sophie … Und dann war mein Wasser alle, und Sophie hat mich nichts von ihrer Flasche trinken lassen, weil sie sagt, dass sie das eklig findet … Ich finde das soooo zickig!“

Wie war denn heute die Schule?

Mit Mädchen ist man bestens informiert über die Dinge, die wirklich wichtig sind. Und auch über die nicht ganz so wichtigen. Auch was in der Schule durchgenommen wurde, war manchmal Thema. Tochter: „Mama, wie findest du eigentlich Geometrie?“ – Ich: „Äh, gut!“ – Tochter: „Ich war heute die Allerschnellste in Geometrie. Und zuerst dachte Frau XY, dass alles richtig war, aber dann war es doch falsch.“ – Papa: „Du warst also die Schnellste mit der falschen Lösung…“ –Tochter: „Nein, Papa! Ich war die Schnellste mit der VERMEINTLICH richtigen Lösung!“ Wir saßen nachmittags gemeinsam über den Hausaufgaben, und das Thema Schule nahm einen riesigen Platz ein. Ein Ganztagsprojekt. Ich wusste alles, als wäre ich dabei gewesen. Und manchmal auch ein bisschen zu viel.

Die Klassenlehrerin ist seine Komplizin bei all den konspirativen Dingen, die er fünf Tage die Woche von 8 Uhr bis 12.35 Uhr macht.

Beim Sohn ist alles anders. Ich: „Wie war denn heute die Schule?“ – Sohn: „Gut!“ –Ich: „Und was war das Tollste?“ – Sohn: „Hab ich vergessen.“ – Ich (wachsende Neugier): „Und an was kannst du dich erinnern?“ – Sohn: „Mama!!!!!“ – Ich: „Okay.“ (Pause) „Hast du denn jetzt auch schon mal mit Paul gespielt in den Pausen?“ – Sohn: „Wer ist Paul?“

Es ist sinnlos. Er rückt nicht raus mit der Sprache. Schule ist seine Privatsache. Die Klassenlehrerin ist seine Komplizin bei all den konspirativen Dingen, die er fünf Tage die Woche von 8 Uhr bis 12.35 Uhr macht. Die Schulbücher und Hefte bleiben in der Schule, Hausaufgaben gab es bislang auch nicht. Wann immer ich den Ranzen inspiziere, nach ersten Schreibversuchen oder Rechenaufgaben fahnde, finde ich nur Brotbox und Federtasche. Und vielleicht ein paar Wollfäden. Okay, sie haben heute gebastelt, kombiniere ich dann. Ich: „Habt ihr heute was Schönes gebastelt?“ – Sohn: „Weiß ich nicht mehr.“ Eltern müssen draußen bleiben.

Nach der ersten Woche kam der rettende Zettel für neugierige Eltern

Es gibt ja dieses hartnäckige Gerücht, dass Frauen 8.000 Wörter am Tag verbrauchen, während Männer auch gut mit 2.000 auskommen. Auf Grundschüler übertragen würde ich eher von 20.000 für Mädchen ausgehen und etwa 27 für Jungs.

Dann hatte der Sohn endlich doch etwas zur Schule zu sagen, es klang ein wenig beunruhigend. Sohn: „Ich habe ja ein sehr großes Gehirn.“ Ich: „Äh, jaaa …“ – Sohn: „Aber da sind schon sehr viele Gedanken drin …“ – Ich: „Was heißt das? Kein Platz fürs Lesenlernen?“ – Sohn: „Doch, da ist noch ein bisschen Platz. Aber nur ein sehr, sehr kleiner …“

Und dann kam der Freitag, und der Sohn kam mit dem rettenden Zettel für neugierige Eltern nach Hause: dem Wochenfeedback. Das ist ein Zettel, wo so Dinge draufstehen wie: „Wir haben die Buchstaben M, m und das I, i kennengelernt.“ Und dann ist da noch ein freier Platz, wo die Schüler aufschreiben sollen, was ihnen am besten gefallen hat. Der Sohn hat „Mimi“ geschrieben. Die Lehrerin sagt, dass sie das Wochenfeedback vor allem für die Eltern schreibe, weil sie sich noch bestens an die Grundschulzeit ihres eigenen Sohns erinnern könne und wie der Nachrichtenfluss plötzlich abgerissen sei: Auf „Wie war es?“-Fragen habe er grundsätzlich mit „Gut“ geantwortet. Auf die Frage, was sie denn gemacht hätten, mit: „Gar nix.“

Als letzter Satz stand auf unserem Wochenfeedback: „Schön, dass du da bist!“ Und als ich das dem Sohn vorlas, war es für ihn sehr schwer, noch so cool und abgeklärt zu sein. Kurz strahlte er, der rechte Mundwinkel zuckte für den Bruchteil einer Sekunde nach oben. Ich glaube, er mag die Schule.

Zur Person

  • Sandra Garbers ist freie Autorin und lebt mit Mann, zwei Kindern, Hund und Katze in Berlin.
  • Für die Tageszeitungen „Berliner Morgenpost“ und „Hamburger Abendblatt“ schrieb sie die Kolumne „Mamas & Papas“.
  • Nun blickt sie in ihrer Kolumne für das Schulportal aus Eltern­perspektive auf den Schul­all­tag.