Digitalisierung : Was kann die Forschung von der Praxis lernen?

Das Thema Digitalisierung in der Bildung ist für die Wissenschaft bereits seit längerem Forschungsgegenstand. Werden aber die Forschungsergebnisse adäquat in die Praxis eingebunden? Das ist nicht immer klar ersichtlich. Schulportal-Gastautor Michael Wiedmann ist überzeugt, dass der Wissenschaft-Praxis-Transfer derzeit nicht optimal verläuft und verbessert werden müsste.

Michael Wiedmann Michael Wiedmann / 13. März 2019
Digitalisierung an Schulen
Digitale Medien können das Bildungswesen auf besondere Weise bereichern. Um digitale Unterrichtskonzepte zu optimieren, ist eine enge Verzahnung von Forschung und Praxis sinnvoll.
©dpa

Besuch bei einer Schule am Rand der Schwäbischen Alb: Seit einem Jahr beschäftigen sich dort einige Pioniere mit der Frage, wie zeitgemäßer Unterricht gestaltet werden kann. Ich darf bei einer schulinternen Fortbildung zum Thema „Fremdsprachenunterricht mit iPads“ hospitieren.

Mich interessiert insbesondere, was die Inhalte der Fortbildung sein werden. Werden Anregungen für eine Weiterentwicklung des Unterrichts gegeben, und können dabei Forschungsergebnisse einfließen? Denn obgleich die Digitalisierung erst langsam Einzug in die Schule hält, wird in der Wissenschaft schon lange untersucht, wie Lernen mit digitalen Medien unterstützt werden kann.

Die Fragen der Lehrkräfte werden nur selten beantwortet

Bisher klappt das mit dem Wissenschaft-Praxis-Transfer aber noch nicht so richtig: Fragestellungen aus der Praxis werden selten in die Forschung getragen und wissenschaftliche Erkenntnisse kaum so aufbereitet, dass sie Fragen der Lehrkräfte beantworten. Deswegen bin ich auch gespannt: Was möchten die Teilnehmer der Fortbildung wissen? Welche Fragen werden sie stellen?

Die Fortbildung gibt Katja, die in ein Tablet-Projekt an einer anderen Schule involviert ist und heute ihre Erfahrungen weitergibt. Nach einem kurzen Einstieg zeigt sie, wie Padlets funktionieren. Diese elektronische Version einer Pinnwand erleichtert Gruppen die Zusammenarbeit, zum Beispiel, indem mit ihr Fragen und Antworten gesammelt werden. Katja lässt mit Padlets gerne if-then clauses, also Konditionalsätze vervollständigen, bei denen die Zeitformen der beiden Satzteile aufeinander abgestimmt sein müssen. „If I were a rich man… All day long I would biddy biddy bum…“

Als sie Padlets dafür zum ersten Mal am Ende einer Stunde eingesetzt hatte, so erzählt sie, war sie vom Ergebnis erschrocken. Viele Schülerinnen und Schüler hatten Sätze falsch vervollständigt und offenbar die grammatikalische Regel nicht verstanden, wann welche Zeitform zu verwenden ist. Dabei hatte Katja eigentlich ein gutes Gefühl in der Stunde!

Der Einsatz von digitalen Medien kann eine Weiterentwicklung des Unterrichts anregen.
Michael Wiedmann, pädagogischer Psychologe und Senior Projektmanager bei der Robert Bosch Stiftung

Diesen Moment in der Fortbildung finde ich sehr spannend: Die Padlets haben Katja zum Nachdenken gebracht, ob und wie sie die Unterrichtsziele erreicht. Der Einsatz von digitalen Medien kann also eine Weiterentwicklung des Unterrichts anregen. Neben der Reflexion der eigenen Praxis könnten auch wissenschaftliche Befunde helfen, die Impulse von außen geben. Zum Beispiel bei der Frage, warum Konditionalsätze eigentlich so schwierig sind. Oder welche Fehlkonzepte Schülerinnen und Schüler häufig haben, und wie sich diese korrigieren lassen.

Nun kommen wir zum Leseverständnis. Katja erzählt wieder aus ihrem Unterricht: In eigenen Texten setzen Schülerinnen und Schüler meist keine Absätze. Dass diese den Abschluss eines inhaltlichen Blocks signalisieren, und dass im nächsten Absatz etwas Neues behandelt wird, verstehen viele nicht.

Katja zeigt, wie man die Kommentarfunktion in Pages nutzen kann, um etwas zu erklären oder Schülerinnen und Schüler selbst etwas erklären zu lassen, wie etwa, warum ein Absatz an genau dieser Stelle sinnig sei. Ich werde aufmerksam: Selbsterklärungen sind gut beforscht. Hier wäre also wieder eine Möglichkeit, Forschungswissen konstruktiv einfließen zu lassen. Zum Beispiel dahingehend, wie lernförderliche Selbsterklärungen aussehen und wie man sie unterstützen kann.

Forschung muss näher an die Fragen und die Bedarfe der Lehrkräfte anschließen

Auf der Rückfahrt nach Stuttgart lasse ich die Erlebnisse Revue passieren. Ich frage mich, ob diese Fortbildung wirklich davon profitiert hätte, Forschungsbefunde einzubeziehen. Die heute teilnehmenden Lehrkräfte hatten andere Fragen: Kann ich Padlets einfach bedienen? Wann kann ich sie in meinem Unterricht verwenden? Und auch grundlegendes: Wie verbinde ich mein Tablet mit dem Beamer? Wie tausche ich Dateien mit meinen Schülerinnen und Schülern aus?

Eine Lehrerin hatte vor wenigen Monaten zum ersten Mal ein Tablet in der Hand! Ich bin beeindruckt von der Offenheit und der Wissbegierde der Lehrkräfte. Ich glaube, das Ziel der Veranstaltung war vor allem, Lust auf den Einsatz des iPad zu machen und Hemmnisse abzubauen. Das hat sie auf jeden Fall erreicht.

Wann wäre ein besserer Zeitpunkt, um Anregungen für die Qualitätsentwicklung von Unterricht zu geben? Tiefer einsteigen könnte man zum Beispiel, wenn im Anschluss an die Fortbildung gemeinsam Unterricht für ein Fach geplant wird. Für diesen konkreten Fall fällt es vielleicht leichter, passende Forschungsbefunde zu identifizieren, beispielsweise aus dem Forschungsmonitor Schule oder dem Clearinghouse Unterricht.

Auf jeden Fall wird mir klar: Damit ein Wissenschaft-Praxis-Transfer gelingen kann, müssen wir noch viel näher an die Fragen und die Bedarfe der Lehrkräfte anschließen. Ich hoffe, dass wir mit unserer Förderung von Wissenschaft-Praxis-Kooperationen dazu beitragen können. Es bleibt jedenfalls viel zu tun.

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