Digitalisierung : Routenplaner für die Schule im digitalen Wandel

Der Einsatz digitaler Medien im Unterricht spaltet die Bildungswelt. Die einen betrachten sie voller Euphorie, die anderen mit ebenso großer Skepsis. Dazwischen stehen die dritten, die eine kulturpragmatische Auseinandersetzung bei der Thematik begrüßen. In ihrem Gastbeitrag plädieren Schulportal-Kolumnist Dejan Mihajlovic und der Schweizer Lehrer Philippe Wampfler für mehr Sachlichkeit in den Debatten um Digitales in der Schule.

Schülerinnen und Schüler arbeiten mit Tablet-Computern
Die Schülerinnen und Schüler der Adolf-Reichwein-Schule in Limburg arbeiten mit Tablet-Computern. Der Landkreis Limburg-Weilburg in Hessen wird einer der ersten Landkreise bundesweit sein, der bis Ende 2019 alle Schulen und Bildungseinrichtungen mit Glasfaseranschlüssen versorgt.
©Thomas Frey/dpa

Es gibt drei Positionen in der Diskussion um Bildung in der digitalen Kultur: Die euphorische geht davon aus, dass Digitales den Unterricht in praktisch jeder Hinsicht verbessert – allein dadurch, dass es eingesetzt wird. Die pessimistische sieht im Digitalen eine umfassende Bedrohung für die Bildung: Sie schade Kindern, verleite zu Oberflächlichkeit und ersetze pädagogisch bewährte Überlegungen durch technologische Spielereien. Die dritte Position ist eine kulturpragmatische: Sie nimmt das große Ganze in den Blick, beschreibt konkrete Phänomene, prüft Argumente kritisch – und ist doch aufgeschlossen und fordernd.

Diese letztere Haltung erhält in Diskussionen über die Bedeutung einer Kultur der Digitalität für Schulen und Unterricht zu wenig Gewicht. Sie wird außerhalb von Nischen im Netz wenig wahr- und eingenommen, unter anderem auch, weil differenzierte Betrachtungen in der Regel nicht belohnt werden.

Skeptiker sehen durch die Digitalisierung die Lesefähigkeit bedroht

Die folgenden zwei Beispiele sollen die Unterschiede zwischen den verschiedenen Herangehensweisen verdeutlichen: Das erste Beispiel betrifft die Veränderung von Leseprozessen durch digitale Medien. Während die eine Seite euphorisch auf die vielen Texte im Netz und die erweiterten Möglichkeiten, sie auf Smartphones, Tablets, E-Readern und Rechnern lesen zu können, hinweist, wendet die skeptische Gegenseite ein, dass „Deep Reading“ bedroht sei – die Fähigkeit, Texte so zu lesen, dass ein nachhaltiger, durchdringender kognitiver Vorgang in Gang gesetzt werde. Flüchtige Aufmerksamkeit zersetze „Deep Reading“.
Der pragmatische Blick auf die digitale Transformation des Lesens beschreibt Lektürepraktiken von Netz-Texten. Dabei zeigt sich, dass viele für das Netz konzipierte Texte nicht-linear strukturiert sind und deshalb andere Kompetenzen erfordern, als das bei der Lektüre von Zeitungen oder Romanen der Fall ist.

Eine Aufgabe, die aus der Buchdruckkultur stammt und dafür konzipiert wurde, mit einem Tablet lösen zu lassen ist ähnlich erkenntnisreich, wie ein Flugzeug und einen Roller um die Wette schieben zu lassen.

Das zweite Beispiel betrifft die Forderung nach einem Mehrwert digitaler Medien im Unterricht. Dass er fehlt, wird oft durch Vergleiche von Ergebnissen begründet, die zwei Denkfehlern unterliegen: Lernsetting und Lernprozesse werden unverändert belassen und digitale Medien als Ersatz von analogen eingesetzt. Sichtbar wird das in Prüfungen, bei denen digitale Medien nur so eingesetzt werden dürfen, dass weder Kommunikation noch Kollaboration möglich ist. Eine Aufgabe, die aus der Buchdruckkultur stammt und dafür konzipiert wurde, mit einem Tablet lösen zu lassen, ist ähnlich erkenntnisreich, wie ein Flugzeug und einen Roller um die Wette schieben zu lassen. Die digitale Kultur erfordert neu gestaltete Lernprozesse und beschäftigt sich mit anderen Problemen.

Oszillieren zwischen Euphorie und Kulturpessimismus

Euphorisch betrachtet lassen sich sofort viele Anwendungen für Apps und Geräte finden, die das Lehren und Lernen effektiver oder effizienter gestalten. Aber das kann dazu (ver)führen, die bisherigen Strukturen und Abläufe nicht zu hinterfragen. Der Einsatz von Digitalem führt nicht automatisch zur kritisch denkenden Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des digitalen Wandels, sondern kann auch in pressewirksamer Kosmetik münden. Der kulturpragmatische Blick untersucht, was notwendig ist, um junge Menschen zur mündigen und souveränen Teilhabe in der digitalen Welt zu befähigen.

Diskussionen rund um solche Beispiele finden in und außerhalb von Schulen täglich statt. Viele Lehrkräfte bekommen den Diskurs der vergangenen Jahre aus dem Netz nicht mit, der einige Überlegungen und Behauptungen erübrigen würde. Sie oszillieren zwischen Euphorie und Kulturpessimismus, zwischen der Bereitschaft, Kinder auf eine digitale Zukunft vorzubereiten, und der Angst, dass sie mit zu viel Arbeit an digitalen Endgeräten verdummen. Hier ist Orientierungshilfe nötig. Kulturpragmatisch.

Mehr zum Thema

  • Der neu erschienene „Routenplaner #digitaleBildung“ will Orientierung geben: In dem Buch werden wesentliche Fragen gestellt, Perspektiven aufgezeigt und Ansätze genannt in einer Form, die auch ohne Netzzugang gelesen werden kann.
  • Die Hashtags #digitaleBildung im Titel oder #RoutenplanerBuch für Beiträge zum Buch deuten an, dass dieses Werk auch eine Einladung ist, sich am Gespräch im Netz zu beteiligen, die Hashtags auf Twitter einzusetzen und die eigenen Gedanken zum Thema im Austausch mit dem Autorenteam zu formulieren.
  • Dejan Mihajlovic, Philippe Wampfler, Axel Krommer, Martin Lindner, Jöran Muuß-Merholz: „Routenplaner #digitaleBildung“, Verlag ZLL21 e. V., Hamburg, 300 Seiten, 22,50 Euro. Erschienen 2019.

Zur Person

  • Dejan Mihajlovic unterrichtet an der Freiburger Pestalozzi-Realschule.
  • Außerdem arbeitet er unter anderem als Fachberater für Schul- und Unterrichtsentwicklung beim Staatlichen Schulamt in Baden-Württemberg.
  • Sein Schwerpunktthema ist „zeitgemäße Bildung im digitalen Wandel”. Zu diesem Thema berichtet er auch in seinem Blog „Dejan Mihajlovic – Bildung von morgen schon heute denken”.
  • Philippe Wampfler ist Deutschlehrer an der Kantonsschule Enge in Zürich.
  • Darüber hinaus arbeitet er als Dozent für Deutschdidaktik an der Universität Zürich.
  • Wampfler publiziert zu allen Aspekten der digitalen Transformation der Bildung und betreibt den Blog „Schule Social Media”.