Kolumne

Logineo, Ella und Schul-Cloud : Digitale Platt­formen konservieren eine überholte Lern­kultur

Digitale Bildungs­platt­formen sind weder innovativ noch eine Lösung für die digitale Transformation, erklärt Dejan Mihajlovic in seiner aktuellen Kolumne für das Schulportal.

Dejan Mihajlovic Dejan Mihajlovic / 23. November 2018 / 3 Kommentare
ARCHIV - 26.10.2018, Nordrhein-Westfalen, Paderborn: Die Kuratorin Judith Spickermann steht in der Ausstellung: ´K¸nstliche Intelligenz und Robotikª im Heinz Nixdorf MuseumsForum vor dem Roboter ´robothespianª. (zu dpa ´Bundesregierung ber‰t ¸ber Digitalstrategie - Merkel will Schub ª vom 14.11.2018) Foto: Guido Kirchner/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Schule im Zeitalter der digitalen Transformation braucht mehr als digitale Bildungsplattformen wie „Logineo", „Ella" oder „Milla". Schule muss sich öffnen und Experimentier­felder bieten.
©dpa

Lehrende und Lernende kommunizieren und arbeiten über eine digitale Plattform miteinander – diese Idee erscheint aus verschiedenen Perspektiven attraktiv. Und diese Vision hat bereits einige bundeslandspezifische, aber auch bundesweite Projekte hervorgebracht. Sie heißen „Schul-Cloud“, „Ella“, „Logineo“ oder ganz aktuell „Milla“.

Jedes dieser Vorhaben hat eine eigene und lange Geschichte. Und doch eint sie die Vorstellung – so zumindest deren Vermarktung –, eine neue Lösung dafür zu sein, wie junge Menschen auf das Zeitalter der digitalen Transformation ausreichend vorbereitet werden können. Wie viel „neu“ und wie viel „Lösung“ stecken aber tatsächlich in den digitalen Bildungsplattformen?

Digitale Transformation statt Digitalisierung

Vielleicht liegt es an dem lange und viel zu häufig verwendeten schwammigen Begriff „Digitalisierung“ und dem gedanklichen Rahmen, den er schafft, dass die digitale Transformation – beziehungsweise der kulturelle Wandel, der für die grundlegenden Veränderungen gesellschaftlicher Ordnung steht – missverstanden wurde und wird. Wenn nämlich der notwendige Wandel im Bildungswesen darin bestehen soll, die bisherigen Strukturen und Inhalte lediglich zu digitalisieren, dann ist das kein erster Schritt in das Zeitalter der digitalen Transformation, sondern das digitale Konservieren einer bereits überholten Lernkultur.

Wer sich digitale Bildungsplattformen ansieht, stellt fest, dass das Lernsetting in der Regel weiterhin unverändert bleibt. Zwar können Zugriff und Hochladen von Aufgaben zeit- und ortsunabhängig praktisch sein, wenn sich alle Beteiligten von einem neuen Kommunikationskanal überzeugen lassen. Am Ablauf und den Rollen aber hat sich nichts geändert. Die Lehrkräfte heißen nun „Admins“, behalten weiter die Kontrolle, und Klassen pflegen ihre Lösungen ein – alles digital. Das Lernen wird durch Datenerhebung optimiert und effizienter gestaltet. Welche Lernprozesse braucht es aber tatsächlich in einer sich ständig schneller wandelnden Welt?

Schutz durch Selbstschutz

Weil der geschützte Rahmen von digitalen Bildungsplattformen oft hervorgehoben wird, möchte ich einen Vergleich skizzieren. Nehmen wir an, das Internet sei das Verkehrsnetz. Dann wäre die digitale Bildungsplattform so etwas wie das Fahrrad-Testgelände in der Grundschule. Die Schülerinnen und Schüler könnten hier im geschützten und den Lehrkräften bekannten Umfeld die Verkehrsregeln erlernen und sich sicher fortbewegen. Fehler werden gleich erkannt und korrigiert, ohne große Gefahren. Nach dem Fahrradführerschein werden die Radwege im regulären Verkehrsnetz erkundet – in der Regel nur im Beisein der Eltern oder älteren Geschwister.

Wer junge Menschen schützen möchte, sollte sie dazu befähigen, sich selbst zu schützen. Dabei wird gern unterschlagen, dass das Internet neben den medial wirksamen Gefahren auch jede Menge Potenziale birgt. Offenheit, Freiheit und Selbstbestimmung sind wesentliche Elemente des kulturellen Wandels. Erst sie haben das Netzwerken über alle Grenzen hinweg ermöglicht. Ein mündiger, souveräner Auftritt im Netz und eine digitale Identität können nicht in abgeschlossenen Systemen erlernt und entwickelt werden. Schulen müssen sich öffnen, ihre Strukturen und Prozesse an der digitalen Transformation orientierend reflektieren und begleitete Experimentierfelder bieten – auch im Netz.

Zur Person

  • Dejan Mihajlovic  unterrichtet Mathematik, Geschichte, Chemie und Ethik an der Freiburger Pestalozzi-Realschule.
  • Darüber hinaus arbeitet Dejan Mihajlovic unter anderem als Fachberater für Schul- und Unterrichtsentwicklung beim Staatlichen Schulamt und als SMV-Beauftragter beim Regierungspräsidium in Baden-Württemberg.
  • Dejan Mihajlovics Schwerpunktthema ist „Zeitgemäße Bildung im digitalen Wandel“. Zu diesem Thema hält er regelmäßig Vorträge, veranstaltet Workshops, moderiert und organisiert Veranstaltungen. Außerdem berichtet er darüber in seinem Blog „Dejan Mihajlovic – Bildung von morgen heute schon denken“.
  • Für das Schulportal schreibt Dejan Mihajlovic regelmäßig Gastbeiträge.

Kolumne

Alle Kolumnen

Schwerpunkte:

Digitalisierung

3 Kommentare

Diskutieren Sie mit über diesen Artikel.

#3 – 08.12.2019 Christoph G.

Zu undifferenziert

Vielleicht unterschätzt Herr Mihajlovic die Vielfalt der Möglichkeiten von Lernplattformen. Klar - es ist möglich, auch mit ihnen "miesen" Unterricht zu machen und die SuS digital "einzusperren". Wenn ich aber alleine die in Moodle vorhandenen Möglichkeiten bedenke: den freien Chat der Teilnehmer eines Kurses, die Verlinkbarkeit der Artikel "überallhin", die Möglichkeit, dass die SuS selbst zu Autoren und Lern-Moderatoren werden, dann kann ich dem pauschalen Ansatz des obigen Artikels nicht zusimmen. Christoph Günschmann
#2 – 10.02.2019 Martin J.

Warum traditionelles digitales Lernen nicht funktionieren kann

Eine Lernplattform kann in ihrer traditionellen Form ein einsamer und isolierender Ort sein. Das ist so, weil sie auf Einzelstudium abzielt und kaum Gelegenheiten für soziale Interaktion zwischen den Lernenden bietet. Wenn wir unsere Entdeckungen nicht teilen können, keine Fragen zu stellen in der Lage sind und unsere Erfolge nicht gemeinsam feiern können, dann verlieren wir das Interesse. Ihre mühsam eingerichtete Lernplattform wird hohe Ausfallraten aufweisen, wenn sie nicht sozial ist. Das belegen Forschungsergebnisse die zeigen, dass das Gefühl der Isolation in einem Onlinekurs zum Abschalten der Lernenden und damit höheren Abbruchraten führt. Mehr dazu habe ich für meine Internetseite geschrieben: www.martinhauk.de
#1 – 10.12.2018 Sebastian R.

Datenschutz?

Geschlossene Plattformen in Hand des Schulträgers oder der Länder haben - bei all ihren Problemen - einen unschlagbaren Vorteil: es sind die einzigen Webanwendungen mit personalisiertem Login und Datenspeicherung, die ein Lehrer ohne komplizierter rechtlicher Absicherungen und Einverständniserklärungen nutzen kann. Wenn man private Angebote, die ein personalisiertes Login benötigen, nutzen will, können einem Eltern, die der Erzeugung eines solchen Accounts nicht zustimmen, einem schnell einen Strich durch die Rechnung machen. Außerdem müsste bei jeder privaten Webanwendung der Datenschutzbeauftragte eine entsprechende Prüfung und Dokumentationen vornehmen... Die staatlichen Angebote erlauben es zumindest, diese im Alltag schwer zu überwindenden Probleme zu lösen.