Lernkultur : Lernen, was man nicht googeln kann

Auf einer „Lernreise“ zu drei Schulen in Süddeutschland und der Schweiz konnten 20 Lehrkräfte drei innovative Konzepte zum Lernen in der digitalen Welt erleben. Die Projektschule Goldau, die Alemannenschule Wutöschingen und die Ernst-Reuter-Schule in Karlsruhe haben drei ganz unterschiedliche Wege gefunden, die Lernkultur durch den Einsatz digitaler Medien zu verändern. Thomas Toczkowski, Lehrer an der Schiller-Schule in Bochum, war bei dieser Lernreise dabei und schildert in seinem Gastbeitrag für das Schulportal, was ihn besonders fasziniert hat und welche Ideen er für seine Schule mitnimmt.

Thomas Toczkowski Thomas Toczkowski / 09. März 2020
Hydrant mit Wasser
Im Internet nach Informationen zu suchen, ist ähnlich schwierig, wie im Wasserschwall eines Hydranten einen Schluck Wasser zu nehmen.
©AdobeStock
Informationen aus dem Internet zu erhalten ist, wie aus einem Hydranten zu trinken.
Mitchell Kapor, US-amerikanischer Softwareentwickler

Will man heutzutage wissen, wie die Hauptstadt eines Landes heißt oder wer ein bestimmtes Gedicht geschrieben hat, so befragt man eine Suchmaschine und erhält nach 0,1 Sekunden ein meist zufriedenstellendes Ergebnis. Reines Faktenwissen liefert demnach kaum noch Vorteile für den Einzelnen, denn das Wissen steht jedem offen – man trägt das Wissen in der Hosentasche.

Was also müssen wir eigentlich noch wissen, wenn Wissen abrufbar wird? Das ist eine der zentralen Fragen eines zeitgemäßen Bildungssystems, welches digitale Medien und die weltweiten Entwicklungen im Bereich der Informationstechnologie ernst nimmt. Zusammen mit 18 anderen Lehrkräften von Schulen aus ganz Deutschland, die zum Netzwerk des Deutschen Schulpreises gehören, habe ich mich dieser und anderen Fragen bei einer „Lernreise“ gewidmet. Es ist ein Angebot der studentischen Initiative „Kreidestaub“ in Kooperation mit der Deutschen Schulakademie, deren Ziel es ist, die Lehrkräftebildung zu verbessern. Zum ersten Mal hat „Kreidestaub“ nun eine Lernreise für bereits im Beruf stehende Lehrkräfte veranstaltet. Der thematische Schwerpunkt hieß dabei: in der digitalen Welt lernen.

Sich von pädagogischen Vorbildern inspirieren lassen

An drei Schulen in Süddeutschland und der Schweiz, die sich schon vor Jahren auf den Weg der Digitalisierung gemacht haben, gab es in Gesprächen mit den Schulleitungen und Lehrkräften, in Unterrichtshospitationen und Besichtigungen die Chance, Ideen von guten Schulen zu erfahren, sich von pädagogischen Vorbildern inspirieren zu lassen, mögliche Prozesse der Schulentwicklung kennenzulernen und damit das eigene kritische Denken, die Neugierde und Eigeninitiative zu wecken.

Menschen auf einem Klettergerüst
19 Lehrkräfte haben sich im Februar auf eine „Lernreise" zu drei Schulen aufgemacht. Thomas Toczkowski ist ganz links im Bild.
©Anne Wilke

So besuchten wir Christian Neff, Schulleiter der Projektschule Goldau in der Schweiz, an der schon früh die Ziele von Schule hinterfragt wurden und seit etwa zehn Jahren digitale Endgeräte eingesetzt werden, um den Unterricht zu ergänzen und neue Möglichkeiten der Interaktion zwischen Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften zu bieten. Ebenso führte unsere Reise zur baden-württembergischen Alemannenschule Wutöschingen, an der Stefan Ruppaner mit seinem Team einen Totalumbau realisiert hat: Die Klassenraumstruktur musste offenen Lernateliers, „Marktplätzen“ und wenigen Inputräumen weichen, damit – unterstützt durch eine digitale Lernumgebung – ein selbstbestimmtes Lernen nach eigenem Tempo und eigenen Interessenslagen möglich ist.

Große Modernisierungen können keine Einzelleistung sein – da muss ein Team mit anfassen.

Den Abschluss der Reise bildete der Besuch der Ernst-Reuter-Schule in Karlsruhe, wo Micha Pallesche uns das Konzept seiner Medienschule vorstellte, an der Schülerinnen und Schüler unter anderem mithilfe von Erklärvideos selbstständig Unterrichtsinhalte erarbeiten und anderen zur Verfügung stellen. Auch die soziale Mitverantwortung steht im Fokus der Erziehungsarbeit an dieser Gemeinschaftsschule, und so beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler im Projektfach L.E.B.E.N. mit der Förderung emotionaler Intelligenz und dem Erproben von Sozialkompetenz im realen Handeln.

Was sind nun die Erkenntnisse, die wir mitgenommen haben und die einen Impact auf unsere Schulen haben sollen? Neben vielen kleinen Ideen – wie kurze Sprachnachrichten zur Einschätzung der Aussprache im (Fremd-)Sprachunterricht zu verschicken oder der Etablierung eines „Roten Salon“ als regelmäßiger Veranstaltung zur Schulentwicklung für die ganze Schulgemeinschaft, um Ideen zu spinnen und Probleme zu lösen – blieb vor allem der Gedanke des Teamworks hängen.

Will sich eine Schule entwickeln, muss sie auch ihre Arbeitsweisen modernisieren

Große Modernisierungen können keine Einzelleistung sein – da muss ein Team mit anfassen, mit entwickeln und stützen. Wenn wir digitale Medien in Schule integrieren wollen, unseren Unterricht damit an die veränderten Rahmenbedingungen der Gesellschaft anpassen und unseren Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geben wollen, ihre Gesellschaft ein Stück weit selbst zu gestalten, dann müssen wir als Lehrkräfte Vorbilder sein und diesen gesellschaftlichen Wandel ebenfalls leben. Nicht nur auf sozialer und emotionaler Ebene – wir müssen auch unsere Arbeitsweisen modernisieren und Teamplayer werden.

Wieso muss jede Mathematiklehrkraft ihre eigene Stunde zur Einführung der Prozentrechnung entwickeln? Macht man das gemeinsam in einem Jahrgangsstufenteam und denken gleich vier oder fünf kompetente Köpfe mit, kommen diese wahrscheinlich zu einem besseren Ergebnis und haben mehr Gelegenheit, um sich den individuellen Belangen der Schülerinnen und Schülern zu widmen.

Digitale Medien machen den Unterricht nicht per se vielfältiger

Ein weiterer Aspekt ist die Ergänzung eines guten Unterrichts durch die Möglichkeiten der modernen Technik. Der Einsatz von Tablets, Computern oder Smartphones macht den Unterricht nicht per se besser oder vielfältiger. Im schlimmsten Fall dienen diese Geräte nur als Lernmaschinen, wie sie schon von Burrhus Frederic Skinner, dem US-amerikanischen Psychologen, Mitte des 20. Jahrhunderts vorgestellt wurden. Sie ermöglichten anstelle eines kreativen und freien Lernens nur konditionierte Abläufe. So wird es in den kommenden Jahren wahrscheinlich eine große Herausforderung für die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften sein, die Möglichkeiten der Digitalität des Unterrichts an die Schulen zu bringen – umso besser, wenn einzelne Schulteams sich in diesem Bereich schon jetzt nicht abschrecken lassen und mutig genug sind, Ideen umzusetzen.

Als dritte „Take Home Message“ bleibt mir der Wunsch nach einem variableren System Schule. Viele gute Ideen scheitern daran, dass man sie nicht ausprobieren darf. (Abschluss-)Prüfungen werden auch heute noch geschrieben wie zu Zeiten der Industrialisierung, ohne Kreativität, Kollaboration, Kommunikation und kritisches Denken zu ermöglichen – also die „4Ks“, die in einer zeitgemäßen Bildung zu fördern sind.

Damit lässt sich wohl auch die eingangs gestellte Frage beantworten: Was sollen die Schülerinnen und Schüler lernen, damit sie für ein Leben in unserer Gesellschaft optimal vorbereitet sind? Für uns ist das jetzt ganz klar: das, was man nicht googeln kann. Eine moderne gute Schule muss die Lernenden darauf vorbereiten, den Schwall Wasser aus dem Hydranten abzukriegen, damit sie sich wohldosiert den Schluck Wasser abgreifen können, den sie benötigen, ohne weggespült zu werden. Nur dann können digitale Medien, digitale Endgeräte und eine „digitalisierte Schule“ zu einem Gewinn für unsere Gesellschaft werden.

Zur Person

  • Thomas Toczkowski absolvierte ein Lehramtsstudium für die Fächer Mathematik und Chemie an der TU Dortmund.
  • Seit 2018 ist er Lehrer an der Schiller-Schule, einem Bochumer Gymnasium. Dort entwickelt er mit drei weiteren Lehrkräften und der Schulleitung Konzepte für den Einzug und die Nutzung digitaler Endgeräte an der Schule.
  • Dieses Team bildet außerdem die Kolleginnen und Kollegen in Mikrofortbildungen („AppCafés“) weiter, um Ideen im Kollegium zu streuen und auf vielfältige Weise umzusetzen.