Digitale Kompetenz : Ein Smartboard macht noch keinen Sommer

Angebote wie Schulungen zum Umgang mit Smartboards werden derzeit von Lehramtsstudierenden regelrecht überrannt. Die Digitalisierung wirft aber viel tiefer greifende Fragen auf. Dabei geht es auch um das professionelle Selbstverständnis von Lehrkräften. Die Lehramtsausbildung sollte sich gerade diesen Themen stärker zuwenden, meint Kolumnist Jannis Andresen.

Jannis Andresen Jannis Andresen / 18. Juni 2018
Studenten während eines Seminars
Eigentlich dringend notwendig: Digitale Bildung ist noch kein fester Bestandteil des Lehramtsstudiums.
©Getty Images
Offenbar ist der Bedarf an praktischer Bildung zu digitalen Technologien immens.
Jannis Andresen

An meiner Uni gibt es eine engagierte Lehramts-Fachschaftsgruppe, die hin und wieder interessante Zusatzangebote organisiert. Ihr größter Hit: eine Smartboard-Schulung. Darin erfahren Studierende etwas über den Umgang mit digitalen Schultafeln. Der Ansturm ist jedes Mal so gewaltig, dass die Schulungen nur wenige Minuten nach Bekanntgabe ausgebucht sind. Der Raum, in dem die Schulung stattfindet, wird mittlerweile nicht mal mehr öffentlich bekannt gegeben, da sonst auch Studierende, die nicht angemeldet sind, einfach auftauchen würden.

Offenbar ist der Bedarf an praktischer Bildung zu digitalen Technologien immens. Selbst unter den Jüngsten der angehenden Lehrkräfte, die doch als so digital affin gelten. Dass die Aussicht auf digitale Tafeln aber derartige Begeisterung auslöst, zeigt, dass es mit der digitalen Bildung im Lehramtsstudium nicht sonderlich weit her sein kann. Sind digitale Tafeln nicht eine verhältnismäßig primitive Technologie? Auf Youtube finden sich immerhin Erklärvideos zum Umgang mit dem Smartboard, die über zehn Jahre alt sind.

Digitalisierung verändert das Bestehende

Zugegeben: Moderne Smartboards haben bestimmt clevere Funktionen. Dennoch ist die Frage, ob Unterricht nun mit einer Kreidetafel, einem Overheadprojektor oder einem Smartboard unterstützt wird, für mich eine der am wenigsten spannenden, wenn ich an die Digitalisierung denke. Dahinter steckt eine Denke, die davon ausgeht, dass die digitalen Medien dem bestehenden Unterricht einfach hinzugefügt werden, dieser sich jedoch sonst nicht großartig zu verändern braucht. Laut dem Medienwissenschaftler Neil Postman verläuft technologischer Wandel aber in der Regel nicht additiv, sondern transformativ. Ein neues Medium fügt dem Alten nicht einfach nur etwas Neues hinzu – es verändert auch das Bestehende.

Auch die bestehende Lehrerrolle könnte sich verändern. Ein beispielhaftes (Zukunfts-)Szenario geht so: Die Schüler arbeiten sich mithilfe von Software individuell im Schulstoff voran. Der Algorithmus analysiert die Lerndaten, weiß genau, wo jeder Schüler gerade steht und bietet passgenaue Übungsaufgaben an. Die nächste Stufe wird erst dann angegangen, wenn jemand tatsächlich dazu bereit ist. Auch Wiederholungsbedarf erkennt der Computer und liefert passende Angebote. Endlich werden die Lernenden wirklich „da abgeholt, wo sie stehen“, wie es eine bekannte Floskel schon immer verlangte. Der Software gelingt, was bei vielen Computerspielen Sucht auslösen kann: Sie bietet stets genau richtig schwierige, aber lösbare Herausforderungen an. Keine Überforderung, keine Unterforderung. Mehr Schülerinnen und Schüler haben mehr Erfolgserlebnisse.

Das klingt nach personalisiertem Lernen in Perfektion. Wissenserwerb, Einübung und Überprüfung verschmelzen in Echtzeit, und alle Lernenden werden auf ihrem Niveau angesprochen. Keine Lehrkraft könnte dies so gut leisten wie eine intelligente Software. Gilt die Beobachtung aus anderen Berufsfeldern, wonach der Computer alles, was er übernehmen kann, auch übernehmen wird, also auch für den Schulbereich? Und: Wollen wir das?

Die Digitalisierung stellt neue Fragen – auch für das Lehramtsstudium

Gerne hätte ich darüber mit meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen diskutiert. Für digitale Themen gab es in meinem Lehramtsstudium aber kaum Platz. Dabei wirft die Digitalisierung doch so viele tief greifende Fragen auf – auch für den Bereich Schule.

Wenn etwa Lernsoftware ihre Nutzer künftig ähnlich genau analysiert wie Verkaufsportale ihre Kunden, entstehen Daten darüber, wie lernfähig ein Kind ist, in welchen Formaten es lernt und in welcher Geschwindigkeit. Werden Arbeitgeber und Universitäten diese Metainformationen künftig wichtiger finden als die Abschlussnoten eines Bewerbers? Werden Lehrkräfte der Versuchung der totalen digitalen Kontrolle aller Lernparameter widerstehen können? Oder sehen sie genau darin ihren Auftrag? Werden sie Lehrersteuerung durch Computersteuerung ersetzen?

Oder lassen sich Lehrkräfte auf das Wagnis ein, eher weniger zu steuern? Verabschieden sie sich von dem Anspruch, die richtige Antwort immer bereits im Hinterkopf zu haben, und finden sie ergebnisoffene (forschende) Lernformate? Wird der durch digitale Medien bedingte Kontrollverlust der Lehrenden über die Inhalte, Arbeitswerkzeuge und Ziele des Unterrichts als Bedrohung gesehen oder als emanzipatorische Chance?

Wird sich die Schule im digitalen Wandel von einer Präsenzanstalt zu einer Art Basislager für umtriebige Forschungs- und Projektteams entwickeln, die durchaus häufig das Schulgelände verlassen, um Experten zu treffen, Projekte umzusetzen und sich in ihrem Gemeinwesen zu engagieren? Welche Rolle würden digitale Kommunikationsmittel spielen, um im Austausch zu bleiben, Arbeitsfortschritte zu dokumentieren und Teams zu koordinieren?

Digitales Verständnis ist wichtiger als das Beherrschen digitaler Werkzeuge

Solche Fragen der Digitalisierung hätten mich begeistert. Stattdessen: „Darf ich meinen Schülern erlauben, im Unterricht ein Tafelbild mit dem Handy zu fotografieren?“. Oder eben: „Was kann eigentlich ein Smartboard so?“ Ich glaube, die Beherrschung bestimmter digitaler Werkzeuge ist sekundär, ein Verständnis der grundlegenden Prinzipien digitaler Innovationen und der damit einhergehenden Paradigmenwechsel aber unabdingbar. Angehende (und praktizierende) Lehrkräfte brauchen Wissen, den Austausch mit Experten und eigene Erfahrungen, um digitale Kompetenz aufzubauen. Sie sollten sich in digitale Räume wagen, Dinge ausprobieren und darüber im Team reflektieren. Und dabei hätte dann auch das Smartboard durchaus seinen Platz.

Zur Person

  • Jannis Andresen ist Mitgründer von Kreidestaub – einer bundesweiten Initiative von Studierenden aus dem Bildungsbereich.
  • Darin engagiert er sich vor allem für das Projekt „Prinzip Lernreise“. Dieses neue Format für die Lehramtsausbildung schickt Studierende auf selbstorganisierte Reisen zu den interessantesten Schulen Deutschlands. Dadurch hat er bis heute an 36 verschiedenen Schulen Hospitationen unternommen.
  • Jannis Andresen studierte an der Universität Hamburg und der Humboldt-Universität zu Berlin Lehramt für Gymnasien. Seine Fächer: Geographie und Englisch.
  • Seine persönlichen Interessenschwerpunkte galten dem Thema Schulentwicklung und – als Betroffener – der Lehrkräftebildung.
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